Newsticker
Notfallzulassung für Impfstoff von Johnson & Johnson in den USA
  1. Startseite
  2. Politik
  3. "Es gibt schon ein Grab für uns": Stalking-Opfer schildern Martyrium

Augsburg

28.04.2016

"Es gibt schon ein Grab für uns": Stalking-Opfer schildern Martyrium

Stalker verfolgen ihre Opfer, die sich nirgends mehr sicher fühlen. (Symbolbild)
Bild: Kai Remmers, dpa

Zehntausende Frauen und Männer leiden unter Nachstellungen von Ex-Partnern oder Fremden. Jetzt sollen die Gesetze verschärft werden. Betroffene berichten über ihr Martyrium.

Die SMS lässt Stefanie Beck das Blut in den Adern gefrieren: „Es gibt schon eine Grabstätte für uns.“ Ihr Ex-Freund stalkt sie seit Monaten. Er lauert ihr auf, überwacht sie, terrorisiert sie und ihre Kinder. Ihr Blick ist starr als sie erzählt: „Ich hatte die Angst: Irgendwann kommt er und nimmt mich einfach mit.“

Stefanie Beck ist eines von etwa 23.000 Stalking-Opfern im Jahr, die zuletzt von der Polizei registriert wurden. Laut Statistischem Bundesamt gab es zuletzt nur 432 Verurteilungen im Jahr. Das Gesetz zum Stalking hat einige Schwachstellen.

Das sagt sogar das Bundesjustizministerium in einem Gesetzentwurf, über den derzeit Länder und Verbände beraten. In den kommenden Wochen soll der Entwurf ins Bundeskabinett.

Seit 2007 ist Stalking strafbar

Stalking bedeutet Nachstellung. Jemand sucht beharrlich die Nähe eines Menschen, belästigt ihn permanent per Telefon oder E-Mail, gibt in dessen Namen wiederholt Bestellungen auf oder droht sogar seinem Opfer. Seit 2007 ist Stalking als eigener Tatbestand strafbar.

Widerwillig führt Stefanie Beck ein Stalking-Tagebuch, notiert, wann ihr Stalker von sich hören lässt. Das hat ihr ihre Anwältin empfohlen. Denn Opfer müssen eine „schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensgestaltung“ nachweisen, nur dann ist Stalking derzeit strafbar.

Stefanie Beck, die in Wirklichkeit anders heißt, macht das wütend: „Das ist doch offensichtlich, das geht über Monate, da muss doch einer sagen: Stopp!“ Die Frau aus der Region Augsburg fühlt sich eher wie eine Täterin als ein Opfer behandelt.

Ein Stalking-Tagebuch etwas anderer Art hat die Berlinerin Mary Scherpe angefertigt. Im März 2013 erhielt die Modebloggerin ein Paket mit Dachziegeln. Zuvor hatte sie bereits Kunstrasen und Babyzubehör erhalten, die sie angeblich bestellt habe. In Wirklichkeit steckte ihr Stalker dahinter.

Der redete in ihrem Umfeld schlecht über sie, schickte in Spitzenzeiten 40 bis 50 SMS pro Tag. Scherpe reagierte ungewöhnlich – und führt ihr Stalking-Tagebuch öffentlich. „Ich dachte: Ich muss jetzt diese eine Sache noch versuchen. Man will sich nicht vorstellen, dass das auch 20, 25 Jahre so weitergehen kann.“

Im Internet veröffentlichte sie Paketfoto um Paketfoto, SMS-Verlauf um SMS-Verlauf. Zwar hörte der Stalker nicht auf, doch der Blog wurde schnell bekannt. Zahlreiche Leidensgenossinnen schrieben sie an, erzählten ihre Geschichte, die Scherpe anonym veröffentlichte.

Becks Leiden begannen mit einer neuen Beziehung

Dachziegel gab es für Stefanie Beck nicht. Ihre Leiden begannen mit einer neuen Beziehung, da lebte sie von ihrem Ex-Freund bereits seit einem Jahr getrennt. „Er schrieb mir: Du weißt, warum sich dein Neuer hat scheiden lassen? Und wie viele Schulden er hat?“

Detaillierte Erläuterungen inklusive. „Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen. So etwas findet man nicht über eine kurze Internet-Recherche heraus.“ Dann habe der Stalker angefangen, ihren neuen Freund am Handy zu terrorisieren.

„Die Beziehung war sehr schnell zu Ende“, sagt Stefanie Beck. „Mein neuer Partner wollte diesen Stress nicht.“ Der Stalker hatte gewonnen. Sie stellte ihren Ex-Freund zur Rede. „Er sagte mir: Ich werde dich nie aufgeben, für mich gibt’s nur dich.“

Täglich klebten seitdem Rosen an der Windschutzscheibe ihres Autos, dazu Zettel mit Liebesschwüren, entsprechende Briefe lagen im Briefkasten. Ihr Stalker verfolgte sie auf Schritt und Tritt. „Ich habe ein Jahr lang nicht richtig geschlafen, nachts lag ich im Bett und habe geweint“, sagt Beck.

Kann das einem Täter egal sein, der sein Opfer doch angeblich liebt? Rebecca Bermel vom Interventionszentrum Häusliche Gewalt in Landau in der Pfalz berät Menschen, die ihren Ex-Partnern nachstellen. Sie kennt deren wirre Logik: „Viele Täter merken gar nicht, was sie ihrem Opfer antun.

Sie denken, sie schreiben nur ein paar SMS.“ Denen müsse man erst einmal klarmachen, was für Folgen diese „paar SMS“ haben. Die Täter zu beraten, sei aktiver Opferschutz. „Sonst machen die immer weiter“, sagt Bermel.

Für Beratungen von Stalkern fehlt oft das Geld

Doch derartige Einrichtungen sind rar. „Es fehlt einfach an Finanzierung für eine flächendeckende Täterberatung“, sagt Bermel. Dabei brauche es Experten, die den Tätern nicht auf den Leim gehen. „Meine Klienten sind häufig äußerst manipulativ, sind in ihrer Darstellung meistens die Einzigen, die nicht schuld sind“, sagt sie. „Da muss man wirklich auf der Hut sein.“ Gerade, wenn Kinder im Spiel seien.

Bei Stefanie Beck war es so, obwohl der Stalker nicht der Vater war. „Er hat immer wieder meinen Sohn abgepasst, ihm erzählt, wie sehr ich sein Leben zerstört hätte, dass er mich doch so sehr liebt.“ Die Familie wurde dadurch stark belastet, eines ihrer Kinder musste die Schule wechseln.

Mit brüchiger Stimme sagt Stefanie Beck: „Ich war damals nicht so für meine Kinder da, wie ich es hätte sein müssen.“ Schon bei Kleinigkeiten wie Müllrausbringen habe es Streit gegeben. „Ich konnte einfach nicht mehr.“ Doch reicht das aus für eine Verurteilung des Stalkers? Denn wenn das Opfer dem Stalker die Stirn bietet, kann eine Tat „strafrechtlich nicht als Nachstellung sanktioniert werden“. Zumindest dem Entwurf des Justizministeriums zufolge. Anders könnte das aussehen, wenn das Opfer umzieht, den Arbeitsplatz wechselt oder ein ärztliches Attest vorlegt.

Stefanie Beck will ihrem Stalker die Stirn bieten. „Ich verlasse meine Heimat doch nicht!“, sagt sie. Und ein psychiatrisches Attest? Sei auch keine Option. „Was, wenn das Jugendamt kommt und sagt: Sie haben Depressionen, wir nehmen Ihnen die Kinder weg!“, sagt sie.

Es müsse auch anders gehen. Ein Polizeibeamter, ein Opferberater der Organisation Weißer Ring und ihre Anwältin hätten ihr Mut gemacht, mit ihrem Tagebuch eine Chance vor Gericht zu haben.

Und so hat sie alles auf ihrem Handy gespeichert. Die Rosen an der Windschutzscheibe, die Liebesbriefe, die Nachrichten. Doch ihr graut vor dem Tag, an dem sie ihren Peiniger im Gerichtssaal wiedersehen muss.

Geht es nach der Berlinerin Mary Scherpe, dann gehören derartige Dramen bald der Vergangenheit an. Sie hat ihre gestiegene Popularität genutzt. „Ich dachte erst: Mit dem Blog ist es erledigt. Aber dann wurde das Medieninteresse immer größer und letztendlich wurde mir angeboten, ein Buch zu schreiben.“

Bayerische Landesregierung forderte bereits 2012 Gesetzesverschärfung

Parallel zu dessen Veröffentlichung überreichte sie eine Petition zur Verschärfung des Gesetzes mit 80.000 Unterschriften – und zwar an SPD-Bundesjustizminister Heiko Maas höchstselbst. Der Druck wächst. Die bayerische Landesregierung hatte ein entsprechendes Gesetz schon 2012 gefordert, es steht im Koalitionsvertrag.

Was soll sich ändern? Entscheidend soll allein die Tat selbst sein, nicht mehr die Reaktion des Opfers. So die Theorie. Die rechtspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Katja Keul, zweifelt am Erfolg. Die neue Formulierung sei zu schwammig, am Ende könnte sich an der Rechtsprechung nichts ändern, weil wieder dieselben Kriterien gelten wie bisher.

Der Entwurf beinhaltet daneben weitere Aspekte, die Stefanie Beck das Leben erleichtern könnten. Die Nachstellung soll kein Delikt für eine Privatklage mehr sein, die Staatsanwaltschaft soll von Amts wegen ermitteln.

Bei einer Privatklage sei „der Kontakt zum Täter unvermeidbar“, heißt es in der Erläuterung des Ministeriums. Mancher Täter lege es sogar darauf an, dadurch vom Opfer beachtet zu werden. Das könne man nicht auch noch unterstützen. Bislang müssen Betroffene wie Stefanie Beck selbst ihre Peiniger anzeigen. Außerdem will man Kontaktverbote stärken, die auf Vergleichen basieren.

Stefanie Beck hat ihren Kampf noch nicht gewonnen. „Ich will, dass er weg ist“, sagt sie. Wann ihr Prozess beginnt, ist noch unklar.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren