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Proteste

15.12.2019

Es wird eng: Tausende "Sardinen" protestieren in Italien

Viele der Demonstranten trugen Bilder und Figuren von Sardinen bei sich.
Bild: Alessandro Dimarco/ANSA/AP, dpa

Die noch sehr junge Bewegung der Sardinen tritt im Schwarm auf. Ihr Protest gegen die Rechtspopulisten findet immer mehr Anhänger. Entsteht eine neue Partei?

Als die Dezember-Abendsonne Rom in ein warmes Licht taucht, ist die Piazza San Giovanni zwar nicht bis auf den letzten Platz, aber doch sehr gut gefüllt. Tausende Menschen sind am Samstag in der italienischen Hauptstadt zusammengekommen, um ihrem Unmut über die Aggressivität im politischen Diskurs Luft zu machen. Die „Sardinen“ sind in Rom angekommen. Es ist eine wichtige Etappe auf dem Weg der neuen Protestbewegung in Italien, die den Rechtspopulismus und seine Personifizierung, den ehemaligen Innenminister und jetzigen Oppositionsführer, Lega-Chef Matteo Salvini, im Visier hat.

Ob es nun 100.000 Menschen waren, wie die Veranstalter behaupten, oder nur 35.000, wie die Polizei verbreitet, ist beinahe ein Randaspekt. Die Bilder von den Menschen, Familien, Ältere, Jugendliche, Migranten, die ohne Parteisymbole und ohne Fahnen und nur mit selbst gebastelten Papierfischen, den Sardinen, angetreten sind, sind eindrucksvoll. Vor einem Monat wagten sich die Sardinen per Flashmob erstmals in Bologna raus. Ihr Ziel damals: Mehr Menschen zusammenbringen als Lega-Chef Salvini, der zu einem Wahlkampfauftritt in der Stadt war. Eng wie die Sardinen zusammenstehen gegen Aggressivität, Hass, Diskriminierung und Rassismus, das ist die erklärte Motivation der Demonstranten. Rom ist bereits die 113. Stadt, in der die Demonstranten zusammenkommen.

Protest der Sardinen bereits in vielen Ländern der Welt

Auch in vielen anderen Städten versammelten sich am Samstag vornehmlich junge Italiener zu Protesten, etwa in Berlin, Dresden, Madrid, London, Helsinki, Brüssel, Paris, aber auch in New York. „Wir sind hier, um als antifaschistisches Italien Farbe zu bekennen“, sagte Francesco De Angelis, Demonstrant in Rom. Emma Moroni, 57 Jahre alte Angestellte, erklärte: „Die Sardinen sind unser Symbol. Wir haben keinen Leader, das Wichtige ist das Zusammensein im Schwarm. Die Sardinen haben auf diese Weise Kraft, die Haifische wenden sich ab.“ Der Haifisch Salvini gab schon vor Wochen bekannt, dass er von den Sardinen wenig bis gar nichts hält. „Sie sind nur gegen etwas, was für ein armseliges Leben!“

Es wird eng: Tausende "Sardinen" protestieren in Italien

Doch die Salvini-Fixiertheit der Sardinen gehört der Vergangenheit an. „Ich weiß gar nicht, wo er heute ist und freue mich sehr darüber“, sagte Mattia Santori Reportern am Samstag. Der 32-jährige Santori rief die Bewegung in Bologna mit drei Freunden auf Facebook ins Leben. Zweifellos zählen die Sympathisanten zum linken Spektrum in Italien. Die Piazza San Giovanni ist der traditionelle Versammlungsort der Gewerkschaften am 1. Mai in Italien.

Auch am Samstag sangen die Teilnehmer das Partisanen-Lied „Bella ciao“. Vertreter der italienischen Partisanen-Vereinigung waren am Samstag dabei, Alt-Linke, enttäuschte Sozialdemokraten und frustrierte Wähler der Fünf-Sterne-Bewegung. Die Zeitung La Repubblica beschreibt die Sardinen als „Bewegung, die der Stachel und das kritische Gewissen der Politik, die nach links blickt und die populistische Rechte verurteilt“.

Vier von zehn Italienern würden die Sardinen vielleicht wählen

Schon früher war Italien Bühne linker Volksbewegungen. In den Berlusconi-Jahren machten die von Linksintellektuellen ins Leben gerufenen Girotondi (Ringelreihen) von sich Reden. Es folgte die Wut der Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung, die längst in die Politik gegangen sind.

Vier von zehn Italienern können sich laut Umfragen auch vorstellen, die Sardinen bei der nächsten Parlamentswahl zu wählen. Doch die denken bislang nicht an einen Eintritt in die Politik. Ihre teilweise wohl illusorischen Forderungen lauten: Wer ein politisches Amt innehat, soll nur auf den institutionellen Kanälen kommunizieren (und nicht per Twitter); Transparenz im Hinblick auf den Gebrauch der sozialen Netzwerke durch die Politik; Verbannung jeglicher Gewalttätigkeit aus dem politischen Diskurs sowie Gleichstellung von verbaler und physischer Gewalt; schließlich die Abschaffung der Sicherheitsdekrete Salvinis, die einen wesentlich geringeren Schutz für Migranten in Italien vorsehen.

Die Optionen der Bewegung sind zahlreich. „Kleine Sardine auf der Suche nach der Zukunft“, lautete der Schriftzug, den eine Demonstrantin auf der Piazza San Giovanni auf ihren selbst gebastelten Fisch geschrieben hatte.

Lesen Sie dazu auch: Die neue Koalition in Rom stürzt ins Chaos

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