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Europa 2019. Eine Reise

Bild: Elisa Glöckner

Vier junge Journalisten sind zehn Tage in Europa unterwegs. Von Südspanien bis Rumänien, von Süditalien bis Irland spüren sie Geschichten des Kontinents nach.

Elf Länder, zehn Tage, acht Flüge und zwölf Bahnfahrten. Das war der Rahmen unserer Reise durch die Europäische Union. Unser Auftrag: Wir sollten erkunden, wie Europa tickt. Wir, das sind vier Volontäre der Günter-Holland-Journalistenschule.

Als Schicksalswahl wird die Europawahl ja gerne bezeichnet, die Gemeinschaft als Krisen-Union abgestempelt. Was aber denken die Menschen darüber? Wir wollten mit ihnen sprechen. Also haben wir italienische Landwirte und dänische Entwickler besucht, mit Menschen auf der Straße gesprochen und die großartig-vielfältige Esskultur unseres Europas geschmeckt. So vieles war ermutigend, manches hat uns überrascht – und manchmal waren wir auch erschrocken.
 

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Auschwitz.

Bild: Jonas Voss

Wo soll man da nur anfangen? In Brüssel, wo vielleicht nicht die Seele, aber doch ganz sicher das Hirn der Europäischen Union sitzt? Oder im hektischen London, wo sie derzeit alles versuchen, die EU hinter sich zu lassen und doch keinen Ausweg finden? In Italien, wo die Rechtspopulisten auf den großen Erfolg bei der Europawahl hinfiebern? Nein. Unsere Reise soll dort beginnen, wo Europa am stärksten und am verletzlichsten zugleich ist. Wo einst die Menschheit in ihren tiefsten Abgrund blickte. "Nach Auschwitz", antworte ich meinem Taxifahrer auf die Frage, wohin ich denn wolle – und schäme mich irgendwie. Ich komme aus Deutschland, habe ich ihm zuvor erzählt. Oswiecim, wie Auschwitz im Polnischen heißt, war der Ort, an dem im Zweiten Weltkrieg das Grauen in einer von Menschen gemachten Hölle gipfelte. Der Ort, über den Theodor W. Adorno schrieb: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch." Heute werde ich das erste Mal dort sein.

Was hält Europa zusammen? Der frühere Bundespräsident Horst Köhler hat einmal eine simple Antwort auf diese Frage gegeben: "Frieden". Wer die EU jemals als etwas Selbstverständliches abgetan hat, wer sich über Vorschriften für den Krümmungsgrad der Gurken, Glühbirnen-Verbote oder Rettungsprogramme für Pleiteländer aufgeregt hat, der fühlt hier in Auschwitz etwas anderes: Europa mag manchmal nerven, doch hier rechtfertigt sich die Gemeinschaft alleine dadurch, dass sie die Menschen vom Krieg erlöst hat. 1939 marschierte Deutschland in Polen ein. In Auschwitz-Birkenau wurden während des Zweiten Weltkrieges mindestens 1,1 Millionen Menschen von den Nazis ermordet, die meisten waren Juden.

Mit mir sind an diesem Tag Reisegruppen aus vielen Ländern vor Ort. Nach dem Ausstieg packen sie Kameras aus, machen Selfies, lachen. Jenseits des Parkplatzes sind backsteinerne Gebäude und Stacheldraht zu sehen. Ehe ich das ehemalige Lager betrete, geht es für mich durch lange Gänge und viele Türen zu Peter Rößl. Der 25-Jährige ist Österreicher, er absolviert seinen Wehrersatzdienst in Auschwitz. Rößl arbeitet seit sieben Monaten im Zentrum der Gedenkstätte.

Peter Rößl absolviert seinen Wehrersatzdienst in Auschwitz.
Bild: Jonas Voss


Vor ihm liegen dutzende cremefarbene Schachteln, darin Zahnbürsten. Griffe aus gelbem und rotem Plastik, die Köpfe braun. Manche porös, andere haben die Zeiten gut überdauert. Alle gehörten einst Insassen des Konzentrationslagers. "Ich digitalisiere die Zahnbürsten, die hier liegen", erklärt Rößl. Der junge Mann kam über den österreichischen Verein "Gedenkdienst" an die Stelle in Auschwitz, seit sieben Monaten ist er im Konservierungslabor tätig. Rößl war bereits vor vier Jahren als Besucher in Auschwitz. "Da wurde mir klar, dieser Ort hat eine Bedeutung über den Holocaust hinaus."

Zahnbürsten ehemaliger Insassen
Bild: Jonas Voss


Und, kein Kitsch, der 25-Jährige las vor seiner Bewerbung "Die Hauptstadt" von Robert Menasse. "Menasse beschreibt darin, wie ein emeritierter Professor fordert, Auschwitz solle die Hauptstadt Europas sein", erklärt der Österreicher, "weil hier der Wille zu einem modernen geeinten Europa entstanden sei." Das habe ihn endgültig überzeugt. Freiwillige gibt es auch an anderen Stellen der Gedenkstätte, etwa im Archiv oder der Bibliothek. Junge Menschen aus der ganzen Welt arbeiten an diesem Ort für einige Monate oder ein Jahr. Sie helfen, die Erinnerung an das Grauen von Auschwitz für die Nachwelt zu erhalten. Insgesamt sind mehr als 200 Personen hier tätig. Ausgerechnet in Auschwitz, dem barbarischsten Platz auf Erden, lebt Europa auf seine ganz eigene Art. Menschen aus der ganzen EU arbeiten friedlich miteinander.

"Auschwitz solle
die Hauptstadt
Europas sein."

Peter Rössl über einen Roman von Robert Menasse

"Anfangs war es eigenartig, mit intimen Gegenständen von Menschen umzugehen, die ermordet wurden", sagt Rößl und hält mit behandschuhten Fingern vorsichtig eine Zahnbürste hoch. Das habe sich rasch gelegt, wobei auch die Atmosphäre im großen internationalen Team geholfen habe.

Es heißt, nirgends fühle man sich deutscher als in Auschwitz. Es stimmt.

Manche der von Rößl konservierten Gegenstände sind in der Dauerausstellung der Gedenkstätte zu sehen. Ehe ich dort hingelange, muss ich am Eingang mit dem rot-weißen Schlagbaum vorbei, über mir in rostigen Lettern "Arbeit macht frei", mit umgedrehtem "b". Um mich herum Besuchergruppen, Guides rufen, Jugendliche schreien, Sprachen aus der gesamten Welt sind zu hören. Heute, 74 Jahre nach der Befreiung, fotografieren tausende Menschen täglich diese berühmten drei Wörter. Der furchtbarste Friedhof Europas, ein Ausflugsziel. Krieg kennen die meisten nur aus dem Geschichtsbuch. Mich eingeschlossen.

70 Jahre Frieden in Europa – der Krieg auf dem Balkan bildete die tragische Ausnahme: Irgendwie war das immer selbstverständlich für mich. Hier spüre ich: Es könnte auch anders sein. Der Blick auf die Welt ändert sich unweigerlich. Hinein geht es in diese Todesfabrik, den Schotterweg säumen Gebäude aus Backstein, in der Ferne sind Stacheldraht und Wachturm zu sehen. Die Sonne scheint, es ist warm – im Inneren der Baracken ist es kühl. Im berüchtigten Block 11 sind Zellen im Keller. Hier starb Pater Maximilian Kolbe. Hier wurden die ersten Menschen mit Gas getötet. Hier befindet sich im Innenhof die "Schwarze Wand" – ein Kugelfang, vor dem Tausende erschossen wurden.

In den Baracken treffe ich auf eine Gruppe jüdischer Jugendlicher – anfangs lachen sie, geben sich trotzig-cool. Je mehr Baracken ich zusammen mit ihnen besuche, desto stiller werden sie. Nun sitzen einige auf den Böden der Räume, vergraben das Gesicht in ihren verschränkten Armen. Ich bin erleichtert, in diesen Momenten nicht deutsch sprechen zu müssen.

Während ich hier bin, warnt in Deutschland Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem "Gift des Nationalismus". Er sagt: "Wir müssen die Erinnerung wachhalten an dieses blutige 20. Jahrhundert und zeigen, dass wir tatsächlich unsere Lehren gezogen haben!". Bei der EU-Wahl am 26. Mai gehe es mehr denn je um die Bekräftigung dieser europäischen Idee. Der Kontinent dürfe nie wieder zu einem "Wettkampfplatz der nationalen Egoismen" werden. "Sondern vereint sind wir stärker! Vereint schaffen wir mehr: mehr Freiheit, mehr Lebenschancen und mehr Wohlstand!"

Am Ende der Tour durch das Stammlager steht das Krematorium mit der Gaskammer – still gehe ich mit einer deutschsprachigen Gruppe hinein. Niedrige Decken, fensterlose, enge Räume, graugelbe Wände, kahl. Ein Krematorium, Öfen. Still gehen wir hinaus, viele haben Tränen in den Augen, manche Besucher rennen fast, um diesem Ort zu entkommen.

Ich habe eine halbe Stunde, ehe der Bus nach Krakau geht. Als ich noch einmal zum Eingang gehe, entdecke ich sieben schwarze Tafeln. Darauf zu lesen sind die Länder, die Geld zum Erhalt der Gedenkstätte gespendet haben – es sind viele und mitten unter ihnen ist Deutschland.

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Krakau.

Bild: Jonas Voss

Pünktlich um 11 Uhr schallen Trompetenstöße vom höchsten Turm der Marienbasilika. In 80 Metern Höhe hat der Turmbläser den perfekten Blick über den Rynek Glówny, den Marktplatz, bis hin zu den Rändern der Altstadt. Von allen vier Seiten des Turms ertönt sein Signal, das Hejnal. Es endet abrupt, als Erinnerung an den Angriff der Mongolen auf die Stadt Krakau 1241. Heute trifft man keine Mongolen mehr an, dafür mehr und mehr Touristen. Kein Wunder: In die Stadt an der Weichsel kann man sich spontan verlieben. Mittlerweile lockt Krakau rund 13 Millionen Besucher jährlich an, ein Zuwachs um über 50 Prozent in weniger als zehn Jahren. Hier will ich erkunden, wie es sein kann, dass ausgerechnet in Polen die Rechtspopulisten so stark sind. Wuchs nicht gerade hier eine "Generation Europe" heran? Genau 15 Jahre ist es her, dass die Polen der EU beitraten. Die Osterweiterung war ein historischer Schritt, der die Zweiteilung durch den Kalten Krieg überwand, die Mangelwirtschaft sowjetischer Prägung. Mit der Aufnahme von zehn Staaten aus dem Osten und Süden Europas wuchs die Gemeinschaft damals auf einen Schlag um etwa 75 Millionen Menschen.

Jacek Ptak ist zertifizierter Stadtführer in Krakau.
Video: Jonas Voss


Von der Andacht und dem Prunk der Kirche geht es hinaus zu den Tuchhallen, die den Mittelpunkt des Marktplatzes bilden. Die Menschen, die Sonne, der Kaffee, das Gefühl und die Architektur dieses Ortes – fast muss man sich vergewissern, nicht in Siena oder Florenz zu sein. Am Abend gibt es eine weitere Seite Krakaus zu entdecken: Aus Kellern der Altstadt ertönen Jazz und Blues, dort traf sich schon der Widerstand gegen die Sowjetherrschaft. Geht man an den beleuchteten Bauten entlang in Richtung Süden, erreicht man nach zehn Minuten Kazimierz, das jüdische Viertel.

Wo tagsüber Touristen die Synagogen, den jüdischen Friedhof oder Drehorte von "Schindlers Liste" aufsuchen, lassen sich am Abend zahllose Studenten durch die Restaurants und Bars treiben. Es ist das neue Polen, das seine Energie aus der Tradition saugt. Nachdem das Viertel unter der kommunistischen Herrschaft verfiel, bemüht sich die Stadt seit den 90er Jahren um die Sanierung. Heute leben hier Studenten und Künstler, aber auch Drogenabhängige und Langzeitarbeitslose. Es gibt Boutique-Hotels, jüdische Restaurants, Wiener Cafés, Food-Trucks, Burgerläden, alte Trinkhallen und junge Modeläden.

Polens zweitgrößte Stadt bildet heute mit ihrem Mix aus Geschichte und Moderne eines der lebendigsten Ballungszentren Europas. Die Stadt, das Land und die Europäische Union investieren viel, damit das so bleibt.

Wie kann es nur sein, dass bei all diesen Summen, bei all diesen Vorteilen gerade in Polen die Europa-Skeptiker und Nationalkonservativen die Oberhand haben? Wie kann es nur sein, dass ausgerechnet die Polen zu den Sorgenkindern Europas wurden? Das Land ist so viel mehr als ein gutgenährtes Kind am üppigen Busen Brüssels. Es ist ein wirtschaftlicher Musterknabe. Der Boom ist mit Händen zu greifen – 5,1 Prozent wuchs die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Die Menschen spüren das: Die Gehälter wachsen, die Autos werden größer, die Häuser schicker, die Kleidung ist westlich-modern, die Einkaufszentren boomen.

Zwei Tage durchwandere ich Krakau mit meinem Stadtführer Jacek Ptak. Dabei sprechen wir natürlich nicht nur über die polnische Stadt. Jacek erweist sich als Kenner deutscher und europäischer Geschichte, er selbst hat viele Teile Europas bereist. Wenn die Unterhaltung einmal auf das Verhältnis zwischen Polen und der Europäischen Union kommt, mahnt Jacek, kein einseitiges Bild Polens zu zeichnen. Er erklärt mir, dass die meisten Polen kein Problem mit der Europäischen Union an sich hätten, schließlich wissen sie, wie viel sie ihr verdanken. Tatsächlich: In Polen gilt die Europawahl Ende Mai als Test für die Parlamentswahl im Herbst. Die seit 2015 regierende nationalkonservative Regierungspartei PiS muss um ihre Macht fürchten. Denn laut Umfragen ist ihr die "Europäische Koalition“ in der Wählergunst dicht auf den Fersen.

Das heizt den Europawahlkampf an – Experten rechnen mit einer sehr viel höheren Wahlbeteiligung als bei der vergangenen Europawahl 2014, als nur knapp 24 Prozent der polnischen Wahlberechtigten teilnahmen. Aber Jacek mahnt auch, als auswärtiger Beobachter solle man bedenken, wie tragisch die polnische Geschichte verlaufen ist. Polen wurde nicht nur unter der nationalsozialistischen und kommunistischen Herrschaft unterdrückt. Es verlor auch im 18. Jahrhundert seine Eigenständigkeit, als Preußen, Russland und Österreich das Land unter sich aufteilten. Das sei bis heute im historischen Gedächtnis Polens fest verankert.

Daher gebe es eine gewisse Skepsis gegenüber supranationalen Institutionen wie der EU. Sich von "denen da oben" etwas sagen zu lassen, fällt den Menschen schwer. Erst recht, wenn die Regierungspartei bewusst die Vorbehalte gegen Brüssel schürt. Was sich Jaceks Meinung nach viele Polen wünschen: eine reformierte und transparentere EU.

Hier lesen Sie Teil 2 unserer Reise über Europas kreativen Norden.

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