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Interview

22.05.2020

Ex-Familienministerin Schmidt: "Frauen, macht euren Mund auf!"

Renate Schmidt, 76, stammt aus Franken, ist verheiratet und hat drei Kinder, sieben Enkelkinder und einen Urenkel.
Bild: Arne Dedert, dpa

Exklusiv Die SPD-Politikerin Renate Schmidt sieht in der Corona-Krise einen Rückschritt im Kampf für Gleichberechtigung - gleichzeitig aber auch eine Chance für Frauen.

Haushalt, Homeoffice, Homeschooling – oft sind es Frauen, die zurzeit zu Hause bleiben und die Hauptlast der Corona-Krise tragen, damit aber auch in alte Rollenmuster geraten. Sie waren Bundesfamilienministerin und setzen sich als SPD-Politikerin seit vielen Jahren für die Rechte von Frauen ein. Was ist jetzt konkret zu tun, damit die Gleichberechtigung nicht wieder einen Riesenschritt zurück macht?

Renate Schmidt: Was wir im Moment erleben, ist im Prinzip eine Verstärkung von dem, was bisher schon war. Denn es ist ja mitnichten so, dass die Frauen dasselbe verdient haben wie die Männer, es ist mitnichten so, dass die Männer gleich viel Haus- und Familienarbeit geleistet haben. Die Corona-Krise verstärkt nur dieses Ungleichgewicht.

Dabei arbeiten viele Frauen vor allem in Berufen, die jetzt beklatscht werden.

Schmidt: Ja, wir haben jetzt alle gelernt, dass die Arbeit von Frauen wie etwa die Erziehung der Kinder, die Pflege von kranken und alten Menschen systemrelevant ist. Aber diese Arbeit war schon vor der Corona-Krise minder geschätzt, was sich in einer schlechten Bezahlung ausdrückt. Ich kann nur hoffen, dass sich das nun ändert. Denn meine erste Forderung ist: Frauen müssen mehr verdienen. Vor allem in den vielen Dienstleistungsberufen direkt am Menschen.

Aber das ist doch eine alte Forderung, die nie verwirklicht wurde.

Schmidt: Das könnte die Corona-Krise jetzt aber bewirken. Schließlich gibt es ja auch Initiativen, die sich dafür nun vehement einsetzen und die hoffentlich nicht nachlassen.

Was ist konkret zu tun?

Schmidt: Eine höhere Bezahlung ist nicht Aufgabe der Politik, sondern Aufgabe der Gewerkschaften und der Arbeitgeber. Die Arbeitgeber sind gerade im Gesundheitsbereich oft öffentliche Arbeitgeber; manchmal sind es staatliche Arbeitgeber, manchmal sind es Verbände wie beispielsweise die Caritas, die Diakonie oder die Arbeiterwohlfahrt. Und diese Arbeitgeber müssen endlich zeigen, dass hier ein deutlicher Nachholbedarf ist. Es muss dann aber der Gesamtgesellschaft auch klar sein, dass, wenn die Mitarbeiter mehr verdienen, viele Dienstleistungen teurer werden.

Das hat aber doch bisher nie geklappt.

Schmidt: Weil sich auch viele Frauen zu wenig für ihre eigenen Interessen einsetzen und sich zu wenig organisieren. Ohne eine starke Lobby geht es nicht. Und die wird einem nicht auf dem Silbertablett serviert. Frauen müssen hier schon ihre eigene Lobby sein – ich kann nur sagen: Frauen, macht euren Mund auf!

Das heißt, die Frauen kämpfen zu wenig für sich selbst?

Schmidt: Ja, es liegt auch an den Frauen. Es ist Sache der Frauen, sich besser zu organisieren. Wenn sich die Arbeiter früher nicht organisiert hätten, hätten wir heute beispielsweise sicher noch den Zehn-Stunden-Tag. Man muss sich für die eigenen Rechte einsetzen. Wer glaubt, er ist sich dazu zu fein, der hat dann auch das Nachsehen. Und die Tatsache, dass viele Frauen weniger verdienen als der Mann, hat ja viele negative Folgen.

Welche sehen Sie an erster Stelle?

Schmidt: Solange Frauen weniger verdienen, ist auch die Entscheidung, wer nur noch Teilzeit arbeitet, wenn Kinder kommen, schnell gefällt: Der Mann bleibt in Vollzeit, macht am besten noch möglichst viele Überstunden, und die Frau reduziert und landet im schlimmsten Fall im Minijob. Und so kommen wir zu meiner zweiten Forderung.

Die da wäre?

Schmidt: Wir brauchen keine sieben Millionen Minijobberinnen. Die Minijobs werden nämlich überwiegend von Frauen ausgeübt. Aus einem Minijob kommt man in der Regel nur ganz schwer wieder in eine Vollzeittätigkeit zurück. Daher muss die Politik endlich die Minijobs abschaffen.

Aber viele Frauen wollen Minijobs.

Schmidt: Das ist doch kein Wunder. Mit einem Minijob zahlen sie keine Steuern. Wenn eine Frau sich ausrechnet, was es bringen würde, wenn sie als Vollzeit- oder Teilzeitkraft arbeitet – er natürlich in Steuerklasse drei, sie in Steuerklasse fünf –, da bleibt doch nichts unterm Strich. Das ist doch klar, dass sie für so wenig Geld nicht mehr arbeiten geht, zumal noch höhere Kosten etwa in Form von mehr Fahrtkosten auf sie zukommen. Das heißt: Ich fordere vor allem auch eine andere Steuergesetzgebung.

Dann müssten wir aber beim Ehegattensplitting beginnen oder?

Schmidt: Ja, das ist aber eine alte Forderung. Mit seinem Ehegattensplitting bildet Deutschland in Europa eine der drei Ausnahmen – andere Länder haben das auch nicht und dort geht die Welt auch nicht unter. Vor allem muss aus meiner Sicht als Erstes und sofort die Steuerklasse fünf abgeschafft werden. Denn sie führt dazu, dass die Frauen gar nicht sehen, welchen Wert ihre Arbeit wirklich hat, weil alle Steuerfreibeträge beim Mann landen.

Das Problem gibt es jetzt ja auch beim Kurzarbeitergeld.

Schmidt: Ja sicher, Kurzarbeitergeld, das auf der Basis der Steuerklasse fünf berechnet wird, fällt netto total niedrig aus. Wie gesagt: Die Steuerklasse fünf gehört abgeschafft. Es gibt aber noch ein weiteres weit verbreitetes Problem.

Welches?

Schmidt: Nehmen Sie an, ein Paar arbeitet in der gleichen Branche und er und sie verdienen wirklich in etwa gleich viel Geld. Auch dort wird sehr oft entschieden, dass sie die Arbeit reduziert, weil sie sich eh schon mehr um den Haushalt kümmert.

Gerade in Corona-Zeiten lastet in vielen Familien noch mehr Druck auf den Müttern als ohnehin schon.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolbild)

Das ist dann aber eine rein persönliche Entscheidung – oder?

Schmidt: Genau, das ist eine persönliche Entscheidung, da kann die Politik nichts ausrichten, da können die Gewerkschaften nichts ausrichten, da müssen einfach die Frauen selbst das Rückgrat haben und ihrem Partner selbstbewusst erklären: Ich will auch berufstätig sein, ich will mich aber nicht aufarbeiten, daher müssen wir die Haus- und Familienarbeit gerecht aufteilen. Das sollten die Frauen am besten in den Anfangsjahren der Beziehung tun, denn nach 15 Jahren hat es in der Regel keinen Sinn mehr.

Genau da stecken aber sicher viele Frauen nun und trauen sich in der Krise nicht auch noch aufzumucken ...

Schmidt: Diese Aufgabe kann ihnen aber niemand abnehmen. Auch in so einer Krise muss es doch möglich sein, zu sagen: Mir wird das jetzt wirklich zu viel, wir müssen uns das Homeschooling und den Haushalt besser aufteilen.

Warum sollte es jetzt besser klappen, wenn es vorher nicht funktioniert hat?

Schmidt: Vielleicht klappt es in so einer Krise besser, weil die Väter jetzt ja sehr oft selbst im Homeoffice sind und endlich einmal sehen, was es wirklich heißt, sich um die Kinder, um das Essen, um den Haushalt, um das Lernen zu kümmern.

Viele Frauen haben aber sicher auch Angst vor Konflikten.

Schmidt: Die weibliche Konfliktscheu ist in diesem Fall nicht systemrelevant, sondern systemimmanent. Und es bewahrheitet sich im Leben doch immer wieder: Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Und hier kämpfen Frauen im positiven Sinn. Denn es ist auch für eine Partnerschaft nicht gut, wenn Konflikte immer schön brav unter den Teppich gekehrt werden. Irgendwann wird einem dann das so zu viel, dass eine Beziehung scheitert. Soweit muss es nicht kommen,wenn man Konflikte rechtzeitig austrägt.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey verlangt nun, dass mit den geplanten Konjunkturhilfen auch Frauen verstärkt unterstützt werden, und schlägt einen Familienbonus in Höhe von 300 Euro vor. Ein guter Vorstoß aus Ihrer Sicht?

Schmidt: In einer Krise, wie wir sie jetzt erleben, muss Geld in die Hand genommen und Familien geholfen werden. Daher ist die Forderung richtig. Denn Familien haben jetzt nun mal erhebliche Mehrausgaben. Doch der Bonus ändert nichts daran, dass Frauen jetzt in der Corona-Krise ein ganzes Stück in der Gleichstellung zurückgeworfen werden.

Was würde denn noch besser helfen?

Schmidt: Es müsste leichter sein, von einer Teilzeit- wieder in eine Vollzeitbeschäftigung zu wechseln. Dafür gibt es zwar mittlerweile ein Gesetz, dort sind aber so viele Bedingungen gestellt, dass es in der Praxis oft doch nicht klappt. Ich sage es aber auch noch einmal: Viel zu viele Frauen reduzieren freiwillig und bleiben in einer Teilzeitbeschäftigung, weil sie sich nie die Mühe gemacht haben, die Familienarbeit gerecht aufzuteilen.

Dann kann man ihnen nicht helfen.

Schmidt: Nein. Da kann ihnen nur ihr eigener Mumm helfen.

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