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Interview

18.05.2020

Ex-Geisel Marc Wallert: "Positives Denken kann tödlich sein"

Marc Wallert sieht sich nicht als "Entführungsopfer", sondern als "Entführungsüberlebender". Im Interview erklärt er, welche Lehren er aus seiner Zeit in Geiselhaft gezogen hat.
Bild: Stephanie Wolff

Exklusiv Vor 20 Jahren wurde Marc Wallert entführt. Aus der Geiselhaft hat er Lehren gezogen, die auch in der Corona-Zeit Menschen helfen können.

Vor 20 Jahren bewegte das Schicksal der deutschen Familie Wallert viele Menschen. Eigentlich wollten Renate Wallert, ihr Ehemann Werner und der Sohn Marc einen Tauchurlaub in Malaysia verbringen. Doch mit weiteren Touristen wurden sie von Mitgliedern der islamistischen Terrororganisation Abu Sajaf als Geiseln auf eine philippinische Insel verschleppt. Marc Wallert musste so 140 Tage im Dschungel ausharren. Er kam als einer der letzten Entführten frei. Das Drama wurde beendet, nachdem der damaligen libysche Staatschef Gaddafi den Verbrechern wohl rund 25 Millionen Dollar Lösegeld zahlte. Marc Wallert spricht offen und mit ruhiger Stimme über diese Horror-Zeit.

Herr Wallert, wie fühlt sich Angst an?

Wallert: Ich hatte während der Entführung immer wieder Angst. Die Situation war lebensbedrohlich. Ich spürte manchmal meine Halsschlagader bis in den Hals, ja bis in den Kopf hinein schlagen.

Hat Sie die Angst gelähmt?

Wallert: Nein, denn ich habe bewusst andere Gefühle während der langen Gefangenschaft in mir kultiviert. Mir ist es immer wieder gelungen, dem von der Angst ausgehenden Druck zu entkommen und durchaus optimistische Gefühle in mir zu entwickeln. Ich habe das Gefühl der Angst nicht permanent so stark ausgelebt wie andere Geiseln.

Ihre Mutter litt ja stark unter Angstgefühlen. Warum haben Sie die Situation besser bewältigt als sie?

Wallert: Meine Mutter träumte immer wieder davon, dass ich enthauptet würde. Das hat ihr den Stecker raus gezogen und ließ sie nicht mehr aus der Endlosschleife der Angst entfliehen. Sie hatte dauernd Angst, mich nicht vor der Enthauptung retten zu können.

Träumen Sie manchmal noch von der Entführung?

Wallert: Nein, ich träume nicht mehr von der Geiselhaft. All das wäre noch weiter weg, wenn ich nicht im vergangenen Jahr ein Buch über diese Zeit und die Lehren daraus geschrieben hätte. Dafür habe ich das Tagebuch noch mal gelesen, das ich damals im Dschungel geführt habe.

Hatten Sie wirklich nie Albträume als Folge der Geiselnahme?

Wallert: Nur unmittelbar nachdem ich damals wieder frei kam. Ich träumte dann von sehr lauten Feuergefechten, die sich Mitglieder der Miliz mit Soldaten geliefert haben. Doch die Albträume verflüchtigten sich nach wenigen Wochen wieder. Ich leide also psychisch nicht unter den Erfahrungen der Geiselnahme.

Sie waren damals nicht immer stark.

Wallert: Ja, einmal während der Entführung selbst bin ich kollabiert. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nämlich Angst, dass meine Mutter stirbt. Ich fühlte mich hilflos. Mein sonst ruhiges und kontrolliertes Naturell half mir nichts mehr.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Wallert: Ja, aber nicht bibelfest oder kirchentreu. Ich glaube jedoch daran, dass Gebete Wirkung erzeugen. So hat es mich während der Geiselnahme tief berührt zu wissen, dass Menschen in Deutschland für unsere Freilassung beten.

Warum hat Sie die Zeit im Dschungel nicht gebrochen?

Wallert: Im Dschungel habe ich eine große psychische Widerstandsfähigkeit entwickelt. Eine befreiende Technik war es, auf Todesangst mit Galgenhumor zu antworten. Wenn es besonders gefährlich wurde und unser Lager mit Granaten unter Beschuss geriet oder uns von den Entführern die Enthauptung angedroht wurde, half mir Galgenhumor, akut Druck abzulassen. Sonst hätte man das alles nicht ausgehalten und wäre beinahe geplatzt vor Angst. Humor und ein verrücktes Lachen wurden zum Ventil.

Doch Humor allein hilft irgendwann auch nicht mehr.

Wallert: Ich konnte natürlich nicht alles weglachen. Was mir wirklich half, war mein Optimismus. Ich habe mich auf das Positive konzentriert, damit ich nicht in all den Bedrohungsszenarien versinke. Ich sagte immer wieder zu mir: Nur nicht den Kopf verlieren.

Ein durchaus doppeldeutiger Selbst-Appell angesichts von Entführern, die mit Macheten herumwirbeln.

Wallert: Ja, ich habe den Kopf eingeschaltet und mich gefragt, was es auch Gutes in der damaligen Situation gab, oder was zumindest nicht ganz so schlecht ist. Wir haben auch zusammen gebetet.

Für was denn? Die Situation war mehr als bescheiden.

Wallert: Wir haben Gott dafür gedankt, dass wir noch leben, dass wir heute genug zu essen haben und dass über unsere Freilassung verhandelt wird. Das hat sich positiv auf uns ausgewirkt. Und dann griff ich noch auf eine andere Technik zurück: Ich habe daran gedacht, wie ich einmal auf die Zeit der Entführung zurückblicken werde und anderen erzähle, was ich erlebt habe und was man daraus lernen kann.

Sie haben sich von außen betrachtet.

Wallert: Ja, aber das ist kein Hokuspokus. Erfolgreiche Sportler, Verkäufer und Verhandler schwören darauf. Die sind mental fest davon überzeugt, dass sich das Ding jetzt nur noch nach dem Drehbuch in ihrem Kopf abspielt. Sportler rennen los und wenn der Startschuss fällt, haben sie schon das Bild in sich, wie sie über die Ziellinie laufen.

Welche der mentalen Techniken sind in Corona-Zeiten hilfreich?

Wallert: Ich erkenne heute unfassbar viele Parallelen zwischen dem, was ich damals erlebt habe, und der heutigen Corona-Zeit. Eine der größten Lehren, die ich aus der Entführung gezogen habe, ist: Positives Denken kann tödlich sein.

Das müssen Sie erklären. Ihnen hat doch positives Denken während der Geiselnahme geholfen.

Wallert: Optimismus ist schon eine große Kraftquelle. Man kann es aber auch mit dem positiven Denken übertreiben. Optimismus ist auch eine Gefahrenquelle. So befinden sich auch heute in Corona-Zeiten Menschen in einer unsicheren Situation. Denn sie wissen nicht, wie es beruflich und gesundheitlich für sie weiter geht. Das löst Angst und Stress aus. Auch damals wussten wir nicht, wie es weiter geht. Das Schlimmste ist immer, wenn man nicht weiß, wie lange eine belastende Situation anhält.

Der Mensch erträgt Ungewissheit schlecht.

Wallert: So habe ich das damals empfunden. Deswegen hatte ich mich während der Geiselnahme davon freigemacht, auf jedes Hoffnungsanzeichen aufzuspringen, während andere Geiseln solchen Fata Morganas aufgesessen sind und enttäuscht waren, wenn nichts passierte. So landeten sie psychisch in einem Loch. Mit so einer Mentalität ist man nicht darauf vorbereitet, eine lange Zeit durchzuhalten. Zu viel positives Denken kann also tödlich sein.

Was heißt das für die Corona-Zeit?

Wallert: Nur wenn man den Corona-Virus, also die Gefahr ernst nimmt und sich auf eine längere Zeit der Krise einstellt, ist man auch motivierter, Hygienemaßnahmen wie etwa das häufige Händewaschen oder auch das Abstandsgebot zu befolgen. Genauso wichtig ist es, sich mit dem Risiko beruflicher Einschnitte auseinanderzusetzen, die langfristig entstehen können und Veränderungen möglichst frühzeitig zu gestalten.

Und wie hält man eine so lange Zeit zuhause im Homeoffice mit der Familie durch, ohne dass sich irgendwann alle an den Kragen gehen?

Wallert: Indem man sich die Freiheit rausnimmt, die Tür einmal hinter sich zuzumachen und Zeit für sich alleine zu beanspruchen. Wir haben damals einen Lagerkoller verhindert, indem wir uns im Dschungel Auszeiten voneinander genommen haben und gedanklich mal von der Gemeinschaft abgeschaltet haben. Das ist jetzt die richtige Strategie: Mal ein Buch lesen, mal einen Film streamen, sich mal zurückziehen. Das ist keine Dauerlösung. Wer sich nur mit Alkohol, Cola, Chips und Fernsehen wegballert, der kommt weder körperlich noch psychisch durch sechs Monate hindurch. Man muss in Form bleiben. Wie wäre es mit Online-Yoga? Und natürlich sollten wir raus in die Natur gehen. Wir müssen aus der Corona-Not eine Corona-Tugend machen. Wir erleben jetzt eine Renaissance des Grüßens, der Rücksicht auf ältere Menschen, ja der Tugenden.

Bleibt das so?

Wallert: Hoffentlich begehen wir nach der Krise nicht den Stehauf-Männchen-Fehler und machen weiter wie früher, sondern besinnen uns auf die guten sozialen Werte, die wir jetzt entwickelt haben. Und das Beste ist: Wir können heute schon anfangen, bessere Menschen zu werden und einfach mal mit dem Nachbarn sprechen, mit dem man wir bisher nie gesprochen hat.

Wie wird man in der Corona-Phase zuhause ein Krisenteam? Etwa indem man Streitereien vermeidet?

Wallert: Es ist keine gute Idee, auf Streit in der Familie komplett zu verzichten. Wichtig ist es, Dinge nicht schön zu reden, auch nicht die Corona-Krise. Dann sollte man den Gegner, also das Virus, wie beim Fußball ernst nehmen und zu sich sagen: Wenn wir konzentriert als Familie spielen, sind drei Punkte drin. Und man darf sich während der Krise auch mal streiten. Es ist es ja stressig, wenn man so eng aufeinander hockt. Man darf also die Tür abschließen. Nach der Entführung habe ich mich am meisten nach Privatsphäre gesehnt: Da wird einer fast enthauptet und das einzige, was er nach seiner Rettung will, ist, eine Tür hinter sich zuzumachen.

Sie gelten als Krisen-Experte. Wie wird man das?

Wallert: Durch Krisen. Ich nenne mich auch gerne Erfahrungs-Experte. Ich stütze mich nicht nur auf angelesenes Wissen, ich habe einen bunten Strauß von Krisen in meinem Leben erfahren dürfen. Die schillerndste war die Entführung, aber es gab alltäglichere wie die Trennung von einer Frau oder den Burn-out, den ich bei der Arbeit erlitten habe.

Sie waren also ausgebrannt.

Wallert: Damals habe ich mich gefragt: Wie kann das sein, dass jemand wie ich, dem das Lösegeld-Ultimatum fast den Kopf gekostet hätte, diese Krise als starker Mann übersteht, dann aber durch Stress bei in der Arbeit in einen Burn-out rutscht. Ich habe damals bis zu 80 Stunden die Woche unter vollem Druck gearbeitet, weil es mir enorm um Anerkennung ging. Dafür habe ich alles gemacht. Doch dann kollabierte bei mir plötzlich alles. Ich bin gegen den einen Baum gelaufen, aufgestanden und gegen den nächsten Baum gelaufen. Heute arbeite ich viel, es stresst mich aber nicht. Ich bin sehr stark geworden. Ich weiß, wofür ich arbeite. Bei der Entführung war es ähnlich: Ich wusste, warum ich durchhalte. Ich wollte frei kommen. Krisen sind Entwicklungsbeschleuniger. Ich musste an den Punkt kommen, wo nichts mehr ging. Dann habe ich etwas geändert.

Eines müssen Sie noch erklären: Warum wagt sich ein Mensch wie Sie, der lange in Geiselhaft war, immer wieder als Taucher in Höhlen, sperrt sich also freiwillig in der Unterwelt ein?

Wallert: Höhlen sind für mich nur dann bedrückend, wenn ich in mir einen Druck verspüre. Ich fühle mich in Höhlen aber frei. Oben und unten ein Zentimeter – das reicht mir. Höhlen sind meditative Orte. Dort atme ich bewusst tief. Dort bin ich im Reinen mit mir und verspüre keine Angst. Ich bin aber nicht leichtsinnig.

Und Sie tauchen nach wie vor gerne, selbst wenn es ein Tauch-Urlaub war, der mit der Entführung endete.

Wallert: Ich kann sehr gut in sehr enge Räumen tauchen, auch durch Wracks. In Südafrika war ich mal mit vielen Haien in einer Höhle.

Sie können kein ängstlicher Mensch sein.

Wallert: Ich bin mutig, aber nicht leichtsinnig. Ich gehe Risiken aus dem Weg. Tauchen und Höhlentouren sind keine großen Risiken. Angst habe ich vor anderen Dingen wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen. Deshalb bewege ich mich viel. Und ich tippe keine SMS am Steuer bei 150 Stundenkilometern mit meinen beiden Kindern auf der Rückbank.

Zur Person Marc Wallert wurde 1973 in Göttingen geboren. Er arbeitet nach einem Wirtschaftsstudium und Ausbildungen im Bereich Psychologie als Autor, Vortragsredner und Trainer. In seinem Buch "Stark durch Krisen" hat Wallert die Erfahrungen der Geiselhaft verarbeitet.

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