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"Gelbwesten"-Protest

07.12.2018

Frankreich setzt auf Zehntausende Polizisten gegen Krawalle

Die Protestbewegung der Gelbwesten hält Frankreich in Aufregung.
Bild: Laurent Cipriani, dpa (Archiv)

Drohen am Wochenende in Paris wieder bürgerkriegsähnliche Ausschreitungen? Das Land wappnet sich mit einem massiven Polizeiaufgebot.

Frankreich will mit einem riesigem Polizeiaufgebot neue Gewalt und Krawalle verhindern. Für diesen Samstag gibt es wieder Aufrufe zu Protesten der "Gelbwesten" in Paris und im ganzen Land. Innenminister Christophe Castaner warnte am Freitag vor Gewalttätern und sagte: "Alles lässt darauf schließen, dass radikale Elemente (und) Aufrührer erneut versuchen werden zu handeln." 

Premierminister Édouard Philippe hatte angekündigt, es sollten 89.000 Polizisten und andere Ordnungskräfte eingesetzt werden. 8000 Sicherheitskräfte werden allein in der Hauptstadt aufgeboten, die am vergangenen Wochenende Schauplatz schwerer Ausschreitungen mit über 400 Festnahmen gewesen war. 

Behörden wollen in Paris gepanzerte Fahrzeuge einsetzen

Die Behörden wollen in der Hauptstadt erstmals seit Beginn der "Gelbwesten"-Proteste auch gepanzerte Fahrzeuge einsetzen. Bei der Feier zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs mit rund 70 Staats- und Regierungschefs hatte Frankreich Mitte November rund 10.000 Polizisten in der Kapitale eingesetzt. 

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Während in Frankreich die Anspannung vor dem Wochenende wuchs, sorgten Videoaufnahmen von einem früheren Polizeieinsatz für Empörung und Betroffenheit. In der Nähe von Paris waren am Donnerstag rund 150 Menschen festgenommen worden, vor allem Schüler, die in Mantes-la-Jolie protestiert hatten. Videos zeigen, wie Dutzende von ihnen in Reihen und unter der Aufsicht der Sicherheitskräfte auf dem Boden knieten oder hockten. Die Hände hielten sie am Kopf oder hinter dem Rücken. Polizeikreise bestätigten die Echtheit der Aufnahmen. Laut Nachrichtenagentur AFP waren am Donnerstag im ganzen Land rund 700 Schüler bei Protesten vorläufig festgenommen worden.

Es ist mittlerweile das vierte Wochenende, an dem die "Gilets Jaunes" (Gelbe Westen) protestieren. Zunächst wandten sie sich vehement gegen eine Erhöhung der Benzin- und Dieselsteuern - dieser Schritt wurde aber von der Regierung für das kommende Jahr ausgesetzt. Der Protest ist inzwischen viel breiter geworden und richtet sich gegen die Reformpolitik der Regierung und des Staatschefs Emmanuel Macron. Der 40-Jährige hielt sich in den Krisentagen merklich mit Äußerungen zurück und überließ Premier Philippe das Feld. 

Innenminister Castaner bilanzierte, der Protest sei zunächst eher friedlich und spontan gewesen. Dann habe sich ein Teil der "Gelben Westen" aber radikalisiert. "Innerhalb der drei vergangenen Wochen konnten wir sehen, wie ein Monster geboren wurde, das seinen Schöpfern entflohen ist." 

Das Auswärtige Amt in Berlin riet Frankreich-Touristen zu einem umsichtigen Verhalten. Sie sollten Demonstrationen meiden und sich in Paris über Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr informieren. 

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo teilte mit, es seien aus Sicherheitsgründen rund 2000 Stadtmöbel abgebaut worden, darunter Schutzgitter für Bäume. Die Sozialistin rief zur Ruhe und zur Vorsicht auf. 

Diverse Touristenattraktionen bleiben geschlossen

Aus Sicherheitsgründen bleiben an diesem Samstag diverse Touristenattraktionen geschlossen. Das Pantheon, die Türme der berühmten Kathedrale Notre-Dame oder das Palais Royal werden nicht öffnen. Daneben müssen Touristen auch auf Besuche des Eiffelturms, der Oper oder einiger Museen - darunter der Louvre und das Musée d'Orsay - verzichten. Vor dem Louvre war zunächst keinerlei Hinweis auf die außerordentliche Schließung zu sehen. Ein Sicherheitsmann sagte einem dpa-Reporter, er wisse gar nichts davon.

Ein prominenter Sprecher der "Gelbwesten", Eric Drouet, rief auf Facebook dazu auf, an diesem Wochenende nicht in der Innenstadt, sondern auf dem inneren Autobahnring zu protestieren - "wo es nichts kaputt zu machen und nichts zu zerstören gibt, wo wir unsere Wut herausschreien können". Böller, Sprengkörper und Baseballschläger seien verboten. Mehrere Tausend Menschen zeigten sich interessiert an der Veranstaltung. Laut Nachrichtenagentur AFP läuft gegen Drouet eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft, weil er in einem Interview gesagt habe, in den Élyséepalast eindringen zu wollen. 

Mit Blick auf die Vorfälle in Mantes-la-Joie sagte Bildungsminister Jean-Michel Blanquer im Sender France Inter: "Es hat schockierende Bilder gegeben, weil wir uns in einem Klima außergewöhnlicher Gewalt befinden." Er betonte jedoch, man müsse die Bilder in ihrem Kontext betrachten - "in einer Zeit, in der die Sicherheitskräfte in ganz Frankreich im Einsatz sind, mit enormen Schwierigkeiten und mit unvorstellbaren Risiken". Linke Politiker geißelten den Einsatz als Demütigung der Schüler. 

Der "Verteidiger der Rechte", eine unabhängige Behörde, die in Frankreich die Rechte der Bürger bei staatlichen Institutionen vertritt, kündigte Ermittlungen zu den Vorfällen an, wie AFP berichtete.

Mehr als die Hälfte aller am Wochenende angesetzten Erstliga-Fußballspiele in Frankreich wurden abgesagt. Nach Angaben der Französischen Fußball-Liga (LFP) kann auch die Partie zwischen Olympique Nîmes und dem FC Nantes nicht wie geplant am Samstag stattfinden. Zwei Spiele der Handball-Europameisterschaft der Frauen in Nantes wurden vom Samstag auf Sonntag verschoben. (dpa)

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