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03.12.2020

Frankreichs Ex-Präsident Giscard d’Estaing stirbt nach Corona-Infektion

Mit Bundeskanzler Helmut Schmidt (rechts) verband den früheren französischen Staatspräsidenten Valérie Giscard d'Estaing eine enge Freundschaft.
Bild: Heinrich Sanden, dpa

Valéry Giscard d’Estaing ist als Präsident neue Wege gegangen. Er mochte die Deutschen und gewann in Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Freund fürs Leben.

Es ist der 27. Mai 1974. Ein schmaler Mann steigt aus seinem Auto, das er selbst und nicht etwa ein Chauffeur im Hof des Élysée-Palastes in Paris geparkt hat. Schnellen Schrittes geht er, der frisch gewählte französische Präsident, an seinen neuen Arbeitsplatz. Später, zur offiziellen Amtseinführung, wird er anders als seine Vorgänger nicht im Auto über die Champs-Élysées fahren, sondern die Prachtstraße zu Fuß entlang schreiten. Es sind die ersten symbolischen Schritte des bis dahin jüngsten Staatschefs der Fünften Republik, die der 48-Jährige selbst in gewohnter Unbescheidenheit kommentierte: „Heute beginnt eine neue Ära der französischen Politik.“ Im noch von der 68er-Revolution geprägten Frankreich wollte Valéry Giscard d’Estaing modern und liberal auftreten.

Eine Covid19-Infektion kostet den 94-Jährigen das Leben

Sieben Jahre später, nach nur einer Amtszeit, wird er den Franzosen über das Fernsehen „Auf Wiedersehen“ sagen und von seinem Schreibtisch aufstehen, während das Kamerabild den leeren Stuhl fixiert. Trotzdem blieb „VGE“, wie sein Name abgekürzt wurde, weiter in der französischen und europäischen Politik aktiv. Nun ist er im Alter von 94 Jahren in seinem Wohnort Authon, 40 Kilometer nordöstlich von Tours, an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben.

Der frühere französische Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing ist im Alter von 94 Jahren gestorben.
Bild: Stephanie Pilick, dpa

Präsident Emmanuel Macron würdigte die „Dynamik und die Vision“ von Giscard d’Estaing und bezeichnete ihn als „großen Europäer“. Tatsächlich gehören das Bemühen um den europäischen Integrationsprozess und die Entwicklung eines gemeinsamen Währungssystems an der Seite des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, mit dem „VGE“ eine enge Freundschaft verband, zu seinen bleibenden Errungenschaften. Giscard d’Estaing unterstützte regelmäßige Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs und entwickelte, wiederum gemeinsam mit Schmidt, die Idee von informellen Treffen der wirtschaftlich dominanten Staaten, aus denen die G7-Gipfel wurden. Stundenlang diskutierten die beiden Freunde in der Hausbar im Privathaus von Helmut Schmidt in Hamburg über Gott und die Welt.

Partner in der Politik, Freunde fürs Leben: Frankreichs Präsident Valéry Giscard d’Estaing (links) und Bundeskanzler Helmut Schmidt, hier im Jahr 1977.
Bild: Heinrich Sanden, dpa

Vielleicht sprang der Funke mit dem deutschen SPD-Kanzler auch über, weil der Franzose die deutsche Sprache beherrschte und das Land schätzte. Geboren wurde er 1926 in Koblenz, wo sein Vater als Generalinspektor im Finanzministerium der französischen Besatzungsarmee angehörte. Bald nach der Geburt des Sohnes ging die Familie allerdings wieder nach Paris. Als 18-Jähriger beteiligte sich Giscard d’Estaing 1944 an der Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Besatzer, wurde im letzten Kriegsjahr noch Soldat und rückte mit den Streitkräften des Freien Frankreichs nach Deutschland vor.

Nach dem Besuch zweier Elitehochschulen arbeitete Giscard d’Estaing zunächst wie sein Vater in der Finanzinspektion und ließ sich bald darauf wie sein Großvater in die Nationalversammlung wählen. Mit 38 Jahren wurde er als damals jüngstes Kabinettsmitglied Staatssekretär im Finanzministerium, später Wirtschafts- und Finanzminister. Bei seiner Kandidatur für die Präsidentschaft 1974 konnte er die bürgerlich-liberale Mitte hinter sich versammeln und sich im Duell gegen den Sozialisten François Mitterrand knapp durchsetzen. 1981 unterlag er ihm dann allerdings.

Als Präsident machte Giscard d’Estaing Frankreich liberaler

In seiner Amtszeit setzte Giscard d’Estaing gesellschaftspolitische Reformen wie das Recht auf Abtreibung oder die einvernehmliche Scheidung durch und ließ den „Tag des Sieges“ gegen Hitler-Deutschland am 8. Mai in einen Europatag umwandeln. Die Wirtschaft boomte – bis es zu den Ölkrisen kam. In der Folge trieb „VGE“ den Ausbau der Kernenergie umso energischer voran. Zwar vereinfachte er manche der steifen protokollarischen Vorschriften, ließ sich beim Sport, mit seiner Frau Anne-Aymone und den vier gemeinsamen Kindern ablichten und versuchte mit PR-Aktionen, Volksnähe zu zeigen – so lud er sich in legerer Kleidung und mit Kamerabegleitung zu „Abendessen bei den Franzosen“, also bei einfachen Privatleuten, ein. Doch seinen Ruf, abgehoben oder sogar arrogant zu sein, wurde er, der Aristokrat, nie ganz los.

Schwer schadete ihm auch der Skandal um geschenkte Diamanten, die er vom Diktator der Zentralafrikanischen Republik und späteren Kaiser Jean-Bédel Bokassa annahm. Bis 2004 beteiligte sich „VGE“ an der aktiven Politik als Abgeordneter, Parteivorsitzender oder Abgeordneter im Europäischen Parlament, wo er zeitweise der liberalen Fraktion vorsaß. Als Präsident des Europäischen Konvents zur Vereinfachung von Abstimmungsverfahren war er an der Ausarbeitung eines Entwurfs einer Europäischen Verfassung beteiligt. Deren Ablehnung ausgerechnet durch die Franzosen (und die Niederländer) 2005 traf ihn schwer.

Giscard d’Estaing schrieb einen Roman über Lady Di

2003 erhielt er den Karlspreis der Stadt Aachen und trug neben dem Kreuz der französischen Ehrenlegion den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. In späteren Jahren veröffentlichte er, der auch in die Gelehrtengesellschaft Académie française gewählt wurde, neben seinen Memoiren vier Romane, darunter „Die Prinzessin und der Präsident“ über eine erfundene Liaison mit Lady Di. Im Frühjahr 2020 warf ihm eine deutsche Journalistin sexuelle Belästigung bei einem Interview vor – was die Franzosen angesichts seines Rufs als Frauenheld nicht überraschte, aber doch erschütterte, gehörte Giscard d’Estaing doch zu ihren großen Staatsmännern. Bestattet wird er allerdings nicht mit einem pompösen Begräbnis, sondern – auf eigenen Wunsch – im kleinen Familienkreis.

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