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Gesundheit
07.05.2018

Das lange Warten auf den Arzt

Volles Wartezimmer beim Arzt: „Manche Patienten werden teilweise sehr fordernd.“
Foto: Patrick Pleul, dpa-Archiv

Ob in der Klinik-Notaufnahme oder beim Hausarzt: Überall sind Mediziner mit steigenden Patientenzahlen konfrontiert. Nun wollen sie neue Wege ausprobieren

Volle Wartezimmer, lange Terminlisten, überfüllte Notaufnahmen: Im deutschen Gesundheitssystem macht sich nicht nur der altersbedingte Wandel der Gesellschaft bemerkbar, der schon rein zahlenmäßig zu einem Anstieg der Behandlungen führt. Auch der Stress vieler Berufstätiger führt dazu, dass oft auch die Bereitschaft auf langes Warten auf einen Arzttermin sinkt. Dazu kommt ein Trend einer Verrohung von Teilen der Bevölkerung, der sich nicht nur in Gewalt gegenüber Polizeibeamten, Rettungskräften und Feuerwehrleuten äußert, sondern auch vor Krankenpflegepersonal und Medizinern nicht haltmacht.

Für all diese Themen sucht jetzt der Deutsche Ärztetag nach Antworten. In einigen Kliniken mit dramatisch gestiegenem Andrang gibt es inzwischen Sicherheitsdienste in Notfallambulanzen. „Manche Patienten werden teilweise sehr fordernd und aggressiv, wenn sie warten müssen und die Dringlichkeit der anderen Fälle nicht einschätzen können“, sagt Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. Zwar könne man für manche Ungeduld Verständnis haben. Notaufnahmen seien aber für Schwerkranke da. „Andere müssen dann warten, weil wir nach Dringlichkeit vorgehen müssen und nicht nach dem Eintreffen.“

Dass Menschen schneller ins Krankenhaus gehen, habe sich schon seit längerer Zeit entwickelt. „Wir haben mehr ausländische Patienten mit anderen Gewohnheiten im Umgang mit medizinischen Strukturen“, erläuterte Montgomery. „Es gibt auch eine zunehmende Vereinzelung mancher Menschen, bei denen kein Partner mehr da ist, der nachts erst mal einen warmen Wickel macht oder beruhigende Worte spricht.“ Der starke Andrang in den Notaufnahmen ist für viele Mediziner ein mehrfaches Problem: Das Klinikpersonal ächzt unter der zusätzlichen Belastung, wenn Patienten kommen, die eher ein Fall für den Haus- oder den niedergelassenen Facharzt wären. Und viele Fachärzte ärgern sich hinter vorgehaltener Hand über entgangene Einnahmen, wenn Notfallklinken Nicht-Akutfälle behandeln.

Dass viele Menschen eher direkt ins Krankenhaus gehen, habe man sich 20 Jahre angeguckt, sagt Ärztepräsident Montgomery. „Wir müssen einfach feststellen, dass Appelle und Hinweise nicht übermäßig viel gefruchtet haben. Darauf müssen wir jetzt reagieren.“ Der Verbandschef wirbt für ein System gemeinsamer „Portalpraxen“ von niedergelassenen und Krankenhaus-Ärzten, wie es sie beispielsweise am Augsburger Klinikum seit zweieinhalb Jahren gibt. „Wir könnten Patienten von vornherein klarer informieren und in die richtige Versorgungsstufe lenken. Dann werden sie auch von dem Arzt behandelt, dem dies am schnellsten möglich ist.“

Auch in einem anderen Bereich steht das Gesundheitswesen vor einer großen Veränderung. Geht es nach dem Willen der Bundesärztekammer, dann soll der Ärztetag diese Woche in Erfurt den Weg für reine Online-Behandlungen frei machen. Kranke sollen dann auch ausschließlich über elektronische Kommunikationsmedien wie Telefon, Internet und Skype behandelt werden dürfen, ohne dass sich Arzt und Patient vorher persönlich begegnet sind. Andere Länder machen das längst vor: In der Schweiz gibt es seit dem Jahr 2000 telemedizinische Servicecenter, an die sich Patienten rund um die Uhr mit kleineren medizinischen Problemen wenden können. Rezepte gehen in die vom Patienten gewünschte Apotheke. Die Versicherung bezahlt.

Auch in Schweden haben sich Dienstleister etabliert, die telemedizinische Konsultationen anbieten. Hunderttausende derartige Kontakte gibt es dort mittlerweile pro Jahr, berichtete kürzlich die Ärzte Zeitung. Bei vielen erübrige sich der Arztbesuch.

Deutschland tut sich schwer damit. Nach einer im März veröffentlichten Umfrage unter 3857 Ärzten sprachen sich 62 Prozent gegen eine Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbotes aus. Vor- und Nachteile liegen auf der Hand: Einerseits lassen sich dadurch lange Wartezimmerzeiten vermeiden. Gerade die medizinische Versorgung in dünn besiedelten Gebieten könnte profitieren. Andererseits könnte sich das Arzt-Patienten-Verhältnis durch diese distanzierte Behandlungsform stark verändern, warnen Skeptiker. (dpa, kna, AZ)

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