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13.04.2015

Günter Grass: Mit ihm stirbt ein Dichter, Denker und Deutscher

Günter Grass, der einem ganzen Land den Spiegel vorhielt, bietet selbst eine Projektionsfläche: In der Glasscheibe des Günter-Grass-Hauses in Lübeck spiegeln sich Passanten.
Bild: Tobias Schwarz, afp

Wie eine Naturgewalt betrat Günter Grass 1959 die Bühne. Wie und was er schrieb, war unerhört. Und als es niemand mehr vermutete, machte er ein spätes Geständnis.

Günter Grass schrieb Skandalromane, die später Schullektüre wurden. Gleichzeitig war er ein passionierter Wahlkämpfer für die SPD. Auf diese Weise prägte er das Idealbild eines engagierten Schriftstellers; die Öffentlichkeit hörte dem, was er zu sagen hatte, zu. Grass war als Vorzeige-Intellektueller unbequem, nie einer, der seinem Publikum billig schmeichelte. Trotzdem waren seine Werke keine staubtrockenen Kopfgeburten. Sie strotzten vor Kraft, Fabulierlust und Leben. Grass war ein Künstler durch und durch. Folgerichtig war es, ihn 1999 mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen. Und als es niemand mehr vermutete, demontierte sich Grass durch ein spätes Bekenntnis selbst: 2006 gestand er ein, in jungen Jahren Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.

Nun lebt Grass, der Pfeifenraucher, nicht mehr. Im Alter von 87 Jahren ist er in Lübeck an den Folgen einer Infektion gestorben.

Man kann auch sagen, der Nationaldichter der Bundesrepublik lebt nicht mehr. Er war der Schriftsteller, der Künstler, der Denker, den das Nachkriegsdeutschland dringend benötigt hatte. Und es passte, dass er seinen ersten großen Paukenschlag mit einer Blechtrommel ausführte – eben kein Erbauungsinstrument, sondern eines, das Eltern mitunter an den Nerven zehrt.

Genau das wollte er: dem Nervenkostüm der Eltern- und Großelterngeneration zusetzen, weil sie sich die Nazi-Vergangenheit qua Verdrängen und Vergessen vom Leib hielten. Während sich Deutschland an Sissi-Filmen labte, schrieb Grass mit der „Blechtrommel“ über die nationalsozialistische Diktatur, den von ihr verschuldeten Weltkrieg, über die Verbrechen und den verlogenen Umgang damit. Das war unerhört und gleichzeitig ein Welterfolg, weil Grass seine Moral unmoralisch präsentierte und sein Buch vor Leben überbordete.

Günter Grass zielte aufs große Ganze

So betrat Grass, der 1927 in Danzig geborene Sohn eines protestantischen Lebensmittelhändlers und einer kaschubischen Katholikin, die literarische Bühne als ein kompletter, ein überwältigender Schriftsteller, mit Witz und einer betörenden Sprache. Grass zielte aufs große Ganze. Aber nicht mit schwerem Geschütz, sondern mit wunderbar leichter Feder. Erst war es die Schriftstellervereinigung Gruppe 47, die Grass mit seinem Werk begeisterte. Er las ihnen 1958 im Gasthof Adler in Großholzleute, heute ein Stadtteil von Isny, daraus vor. Ein Ereignis, weil die Anwesenden begriffen, dass ein neuer Ton in die Literatur nach dem Krieg einzog.

Allein dieser erste Satz: „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.“

Braun, blauäugig, Heil- und Pflegeanstalt, ein Satz, so dicht und unheimlich wie die deutsche Geschichte. Mit dem Roman war klar, welche seiner Begabungen die Oberhand behalten sollte: die Literatur. Denn aufgenommen hatte Grass seinen künstlerischen Lebensweg direkt nach dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft als Bildhauer. Seit der „Blechtrommel“ aber wurde Grass vor allem als Schriftsteller wahrgenommen. Der Bildenden Kunst ging er aber nicht verloren. Unter anderem gestaltete er fast alle Titelblätter seiner Bücher selbst.

Literarisch folgten auf die „Blechtrommel“ die wunderbare Novelle „Katz und Maus“ und der großartige Roman „Hundejahre“. Alle drei zusammen bilden die Danziger Trilogie. Grass richtete seinen Blick in den Osten, aber anders als viele Heimatvertriebene erfüllte ihn kein Revanchismus. Grass schilderte, was vor der Vertreibung dort geschehen ist, wie Danzig nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Deutschen Reich herausgelöst und wie es nach 1933 zum Spielball der Nationalsozialisten wurde, um so gegenüber Polen Druck auszuüben. Vor allem: Grass erzählte virtuos.

Die Nazi-Zeit griff Grass als einer der Ersten so entschlossen, entschieden, aber auch spielerisch auf, noch vor den Auschwitz-Prozessen, die 1963 begannen und mit denen die Bundesrepublik langsam anfing, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Dass sich ein Vollblutkünstler so einem ernsten Anliegen verschreibt und es auf eine solch spielerische Weise ausführt, ist eine Seltenheit, ein Glücksfall.

Günter Grass warb für die SPD

Während Grass den einen ein Dorn im Auge war, freuten sich die anderen über ihn. Die SPD bekam unkonventionelle Wahlkampfhilfe vom Schriftsteller. Er warb für die Sozialdemokraten, aber nicht als ein Parteikrieger, sondern als ein unabhängiger Intellektueller, immerfort in einem angespannten Verhältnis.

Der politische Gegner nahm dies trotzdem ernst. Bundeskanzler Ludwig Erhard giftete gegen die „intellektuellen Snobs, die versuchen, den Wohlstand lächerlich zu machen“. Grass, der erst 1982 Mitglied der SPD wurde (aber nur für zehn Jahre), öffnete den Sozialdemokraten ein Publikum, das sie ohne ihn nie erreicht hätten. Seine Devise war: „Dumm sein, immer neu anfangen wollen.“ Und ohne Ideologie, „ohne Ziel in den Wolken, ohne Symbole und Feldzeichen“. Golo Mann schlug Grass 1969 als Regierenden Bürgermeister von Berlin vor. Enttäuscht war Grass, als Willy Brandt ihn nach dem SPD-Wahlsieg 1969 nicht berücksichtigte.

Grass’ politisches Engagement floss zurück in die Literatur. Im Roman „Örtlich betäubt“ war die Studentenrevolte das Thema. Mit der Erzählung „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ über den Bundestagswahlkampf 1969 zog sich Grass aus der Politik erst einmal zurück und arbeitete am „Butt“, knapp 700 Seiten lang und gewagt in der Anlage. Ein Großwerk, in dem die Frauen über das Patriarchat Anklage erheben, ein Befreiungsschlag, um literarisch an den Erfolg, auch den Zauber des Anfangs anzuknüpfen.

Nur war Grass kein unbeschriebenes Blatt mehr, nur kannte man ihn und seinen Stil jetzt. Aufgenommen wurde der Roman eher unterkühlt – vielleicht zu Unrecht. Aber von Grass erwartete man mehr. Im Anschluss setzte er mit der Erzählung „Das Treffen in Telgte“ dem Gruppe-47-Initiator Hans Werner Richter und der Barock-Dichtung ein Denkmal, der Epoche, in der er vor allem bei Grimmelshausen eine literarische Haltung fand, die ihm selbst zu eigen war.

Seine Widerständigkeit zeigte Grass 1990 kurz nach der Wende. Er trat als entschiedener Gegner einer hastigen Wiedervereinigung auf. Gegen die „Gefühligkeit“ sprach er an, die allenthalben ausgebrochen war. Das schuf Misstöne, auch bei denen, die sein Frühwerk und die Haltung dahinter bewunderten.

Günter Grass und die Thomas-Mann-Attitüde

Die beiden großen Romane der 1990er Jahre fielen bei der Kritik durch, sowohl seine „Unkenrufe“ als auch „Ein weites Feld“. Fast schon legendär ist das Spiegel-Titelbild, auf dem Marcel Reich-Ranicki den großen Wenderoman tatsächlich in der Mitte zerreißt und in der Ausgabe über das Scheitern eines großen Schriftstellers schreibt. Andere warfen Grass eine Thomas-Mann-Attitüde vor.

Als er 1999 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, war trotzdem klar: Wenn ihn ein deutscher Schriftsteller verdient hatte, dann er. Günter Grass, der mit seiner „Blechtrommel“ Zauberkräfte bewiesen hatte.

1973: Die Schriftsteller Heinrich Böll (rechts) und Günter Grass (links) im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. Böll und Grass waren beide Mitglieder der Literatengruppe "Gruppe 47".
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Günter Grass: Sein Leben in Bildern
Bild: dpa

Wie nie zuvor in den fünf Jahrzehnten als öffentliche Person machte sich Grass durch sein autobiografisches Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ angreifbar. Grass gab zu, im November 1944 mit 17 Jahren als Panzerschütze Mitglied der SS-Panzerdivision „Frundsberg“ geworden zu sein. „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe“, sagte Grass. Dass er als Jugendlicher nur die Nazi-Propaganda kannte, wurde von vielen im Anschluss nicht mehr als mildernder Umstand anerkannt. Zu vehement war Grass als Mahner, als moralische Instanz gewesen. Viel zu lange hatte er geschwiegen.

Bis zum Schluss ließ sich Grass von Altersmilde nicht übermannen. Vor drei Jahren erregte sein Israel-kritisches Gedicht „Was gesagt werden muss“ die Gemüter: Unerhört, als Deutscher Israel so anzugreifen.

So unkonventionell Grass schrieb, so unkonventionell lebte er. Er hatte sechs Kinder von drei Frauen. Mit einer von ihnen war er verheiratet. Schließlich brachte seine zweite Ehefrau zwei Kinder mit. In „Die Box“ erzählt er davon.

Die Stadt Lübeck, in deren Nähe Grass seit 1986 lebte, richtete bereits zu seinen Lebzeiten ein Museum ein. Dort wird mit folgenden Grass-Zeilen des großen Schriftstellers gedacht: „Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein und mit neuesten Zähnen. Wenn es dann kracht, wo ich liege, kann vermutet werden: Er ist das, immer noch er.“

Ein Kondolenzbuch zum Tod von Günter Grass liegt in Lübeck im Günter-Grass-Haus.
Bild: Markus Scholz, dpa
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