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Helmut Kohl ist tot
16.06.2017

Theo Waigel: "Ganz großer Politiker mit untrüglichem Gespür"

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl feiert seinen 83. Geburtstag auf dem Falkenstein in Pfronten Ostallgäu. Mit dabei: Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel.
Foto: Ralf Lienert (Archiv)

Trauer um den Kanzler der Einheit und großen Europäer. Der CDU-Politiker wurde 87 Jahre alt. Politiker aus aller Welt würdigen sein Lebenswerk.

Helmut Kohl, Kanzler der Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union, ist tot. Der langjährige CDU-Vorsitzende starb am Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seinem Haus im heimatlichen Ludwigshafen. Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war Kohl schwer krank, saß im Rollstuhl und konnte nur noch schwer sprechen. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert. Nach mehreren Operationen lag er monatelang im Krankenhaus. Im Herbst 2015 kehrte Kohl aber wieder in sein Haus in Ludwigshafen-Oggersheim zurück, wo er zuletzt im April 2016 noch Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán empfing – sein letzter öffentlicher politischer Auftritt.

Kohls langjähriger Weggefährte, der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU), hat vor zwei Wochen ein letztes Mal mit Kohls Frau Maike gesprochen. "Sie hat mich sehr sacht auf das Ereignis vorbereitet", sagte er am Freitag im Gespräch mit unserer Zeitung. Waigel würdigte Kohl als "den größten und erfolgreichsten Politiker Deutschlands in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts". Als solcher, sagte Waigel, werde er in die Geschichte eingehen. "Er war ein ganz großer Politiker mit einem untrüglichen Gespür für Chancen und Möglichkeiten", sagte Waigel. Gleichzeitig sei er ein sehr warmherziger Mensch gewesen, der das Vertrauen der anderen Staatsmänner gewinnen – und somit die Basis für die deutsche Einheit schaffen konnte. Persönlich verliere er einen "absolut zuverlässigen Freund, auf den ich mich in guten wie in schlechten Zeiten immer verlassen konnte", sagte Waigel.

Kohl wird zum Motor der europäischen Einigung. Vor allem mit dem französischen Präsidenten François Mitterrand verbindet ihn eine enge Freundschaft.
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Zum Tod von Helmut Kohl: Das Leben des Altkanzlers in Bildern
Foto: dpa/afp

Helmut Kohls Sohn Walter trat am Freitagabend, nach einem Besuch am Totenbett seines Vaters, vor die Presse. Er sei tief betroffen, habe die Nachricht im Radio erfahren, sagte der 53-Jährige. Helmut Kohl habe den Kontakt zu ihm und dem jüngeren Bruder Peter vor längerer Zeit abgebrochen. Auch zu den Enkelkindern habe es keinen Kontakt mehr gegeben. Im Sommer 2011 habe er zum letzten Mal mit seinem Vater telefoniert.

Kohl hat Deutschland 16 Jahre von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regiert. Er war treibende Kraft für die EU und eine gemeinsame europäische Währung. Als sein größter Erfolg gilt die Wiedervereinigung. Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.

Der Tod von Helmut Kohl löste weltweit Trauer aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte den Einsatz Kohls für die Aussöhnung mit Frankreich und für das Zusammenwachsen in Europa. Er sei ein "Ausnahmepolitiker und ein Glücksfall für die deutsche Geschichte" gewesen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die in Rom auf dem Weg zum Vatikan vom Tod Kohls erfahren hatte, sagte, man werde "noch lange studieren und bewundern, wie entschlossen und geschickt Helmut Kohl und seine Mitstreiter damals die Gunst der Stunde nutzten, wie klug sie die Einheit im Einklang mit all unseren Nachbarn und Freunden aushandelten". SPD-Chef Martin Schulz schrieb an Kohls Witwe Maike Kohl, der Altkanzler habe "historische Weichen für Deutschland und Europa gestellt und sich Verdienste erworben, die Bestand haben und nicht vergessen werden".

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer bezeichnete den Altkanzler als Ausnahmepolitiker. "Sein Name wird auf alle Zeit verbunden bleiben mit der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes." Seehofer war jahrelang Kohls Gesundheitsminister.

Der frühere US-Präsident George Bush senior, der mit ihm die deutsche Einheit vorangetrieben hatte, bezeichnete ihn als einen "wahren Freund der Freiheit", der sein Leben der Aufgabe gewidmet habe, die demokratischen Institutionen in seinem Heimatland und anderswo zu stärken. Der Staatsakt zu Ehren Kohls wird wohl in Rheinland-Pfalz stattfinden. Der Termin ist noch offen, als Orte sind Speyer und Ludwigshafen im Gespräch. mit bom, dpa, afp, epd

ARCHIV - Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) spricht am 04.12.1952 im Bundestag in Bonn während der Debatte über alliierte Verträge. Adenauer war von 1949-1963 der erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und prägte in dieser Stellung maßgeblich die politische Ausrichtung der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit. Foto: dpa (zu dpa-Themenpaket: "60 Jahre Bundesrepublik Deutschland" vom 17.12.2008 - nur s/w) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Die Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland
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