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Bremer Ex-Bürgermeister

13.09.2019

Henning Scherf übers Altern: "Nicht warten, bis die Betreuer kommen"

Geht keiner Diskussion aus dem Weg: Henning Scherf. Er sagt: "Ich kenne so viele alte Leute, die sich einbringen wollten."
Bild: Carmen Jaspersen, dpa

Zehn Jahre lang war er Bremens Bürgermeister und Präsident des Senats. Was Henning Scherf in der Rückschau über sein Amt und über das Altwerden denkt.

Herr Scherf, Sie haben am Donnerstag auf dem Seniorentag der Gewerkschaft Verdi in Augsburg über ein Thema gesprochen, das fast jeder mit Ihnen verbindet: „Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung – Lektionen des Lebens.“ Haben Sie sich denn in Ihrer Karriere als Spitzenpolitiker ausreichend um die Belange älterer Menschen in unserer Gesellschaft gekümmert?

Henning Scherf: Ich war ja, bevor ich in Bremen Regierungschef wurde, Sozialsenator. In dieser Funktion war ich ständig mit Projekten beschäftigt, bei denen es darum ging, verlässliche Strukturen zu schaffen, um älteren Menschen Sicherheit und das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind.

War das die richtige Politik?

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Scherf: Jetzt, da ich selber alt bin, hat sich die Sache gedreht. Ich bin nicht mehr so sehr daran interessiert an staatlichen Angeboten. Ich will den Leuten viel eher Mut machen, aus dem immer länger werdenden Leben das Beste zu machen. Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten.

Das heißt, Sie sind der Meinung, man sollte nicht immer auf den Staat schauen, wenn man sein Leben nach der Berufstätigkeit plant?

Scherf: Genau das meine ich. Es geht ja um mein Leben. Das gebe ich nicht aus der Hand und lasse nicht andere über mich bestimmen. Sondern ich nutze diese mir geschenkten zusätzlichen Jahre, um meine Ideen, meine Pläne und meine Wünsche zu verwirklichen. Das ist viel besser als immer nur zu warten, dass irgendwelche Betreuer kommen, die sich um mich kümmern.

Gab es eine bestimmte Situation, die Ihr Engagement für neue Formen des Wohnens in Mehrgenerationenhäusern ausgelöst hat?

Scherf: Wir sind ja bereits 1987 zusammengezogen, da war ich ja noch nicht einmal Bürgermeister. Ich habe über dieses Thema öffentlich geredet und – seitdem ich in Pension bin – darüber Bücher geschrieben, die übrigens sehr hohe Auflagen haben. Alles war auf uns selber angelegt, wir haben niemand anderes gefragt, wir haben alles selber gemacht. Eine Erfahrung, die uns und auch mich selbstständiger gemacht hat und die mich von meinem Bild von früher emanzipiert hat, es muss eigentlich alles für mich geregelt sein, wenn ich alt werde.

Gab es denn nun für Ihre Wohngemeinschaft einen bestimmten Auslöser?

Scherf: Es war eher ein langer Anlauf. Wir haben vier Jahre beratschlagt. Wir haben ein Haus gefunden und das dann liebevoll umgebaut. Der konkrete Anlass war, dass unsere drei Kinder ihr Abitur gemacht haben und aus unserem früheren Haus ausgezogen sind. Und wir saßen da in unserem Familienhaus.

Ist denn genügend Geld nicht eine Voraussetzung für solche Projekte?

Scherf: Also, wir haben hier auch Leute, die ganz wenig Geld haben. Einer hat ewig studiert, der hat 620 Euro Rente im Monat. Der kommt damit klar, weil wir das zusammen machen. Ich habe Wohngemeinschaften mit Sozialhilfeempfängerinnen kennengelernt, mit alleinerziehenden Frauen. Die hatten keine Arbeit und gar nichts. Die drohten mit ihren drei oder vier Kindern in der Armut zu versinken, haben sich aber in den Wohngemeinschaften mobilisiert und wieder angefangen, sich um Arbeit zu kümmern. Sie kamen aus der Einsamkeit heraus. Und glauben Sie mir: Das ist auch gut für die Kinder dieser Frauen.

Politiker streiten über Generationsgerechtigkeit. Da geht es dann oft jung gegen alt. Was läuft da falsch?

Scherf: Da sind sicher auch böse Finger unterwegs, die versuchen, sich zu profilieren, indem sie die Generationen gegeneinander ausspielen. Das wird aber kein Erfolg haben. Angesagt ist, dass wir etwas zusammen machen. Wir müssen unsere Talente nutzen. Ich kenne so viele alte Leute, die hochinteressiert sind und sich einbringen wollen. Das ist ein Potenziel, das viel zu wenig genutzt wird.

Wenn wir über das Altern reden, kommen wir um Ihre Partei nicht herum. Sie hat 156 Jahre auf dem Buckel. „So sieht die SPD auch aus“, sagen böse Stimmen.

Scherf: Wir haben eine schwierige Phase, das ist natürlich unübersehbar. Aber es gibt überhaupt kein Grund zu sagen: Das war’s. Anstatt zu jammern, muss man sagen, wir haben noch jede Menge konstruktive Beiträge.

Das höre ich seit vielen Jahren...

Scherf: Ich glaube daran, dass wir wieder nach oben kommen können. Dann muss man aber rauskommen aus diesem Funktionärsgequatsche und der Selbstbeweihräucherung. Wenn man das überwindet, kann man auch als Sozialdemokrat Erfolg haben. Das zeigen die Beispiele in Spanien oder Portugal.

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