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Historische Entdeckung

27.02.2018

Hier steht die Berliner Mauer immer noch

Kaum einer wusste um die Bedeutung dieses Stücks Berliner Mauer. Einige Jahre diente es dazu, den Ostteil der Stadt zum Westen abzuriegeln.
Bild: Simone Härtle

Ein Hobby-Historiker entdeckt ein 80 Meter langes Stück des „antifaschistischen Schutzwalls“. Er hatte gute Gründe, seinen Fund zunächst geheim zu halten.

„Dit ist eine Rarität, ein Stück der Berliner Ur-Mauer! Jetzt hab ich auch was zum Vererben“, sagt ein 63-jähriger Köpenicker und legt einen großen Stein in den Kofferraum seines Autos. Genau wegen solcher Szenen hat Christian Bormann seine Entdeckung fast 20 Jahre lang geheim gehalten. 1999 war der Hobby-Historiker in Pankow-Schönholz auf ein Stück der ersten Mauergeneration gestoßen, die am 13. August 1961 behelfsmäßig errichtet wurde. Erst Ende Januar ist er mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit gegangen. Zunächst gab es Zweifel an der Echtheit der Mauer, mittlerweile hat das Landesdenkmalamt Berlin das Verfahren eingeleitet, um diese historische Rarität unter Denkmalschutz zu stellen.

Ein paar bröckelnde Gebäudereste neben Straßenbahngleisen, umgeben von Bäumen und Gestrüpp. Jahrelang war niemandem klar, welcher Schatz auf dem überwucherten Grundstück am südwestlichen Rand der Schönholzer Heide verborgen liegt. Auch Günther und Astrid Schulze nicht. Das Ehepaar wohnt seit 1963 in Pankow und war von der Nachricht, dass auf einem Grundstück nahe seiner Wohnung ein Stück der Berliner Ur-Mauer stehen soll, völlig überrascht: „Zu DDR-Zeiten kam man an dieses Gebiet hier gar nicht ran, da war die Grenze davor“, erzählen sie. Später war dort alles zugewachsen, den Ruinen haben sie nie viel Beachtung geschenkt. Was dort wirklich verborgen lag, wusste lange Zeit nur einer: Christian Bormann.

Der Heimatforscher entdeckte die Ur-Mauer schon 1999 

Der Heimatforscher beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Sagen, Mythen und Legenden rund um Pankow. Schon 1999 hat er das Stück Ur-Mauer entdeckt, samt Sperraufbauten und Verteileranschlüssen für die Alarmdrähte. „Mein Bauchgefühl hat mir damals schon gesagt, dass das etwas Größeres sein könnte.“ Drei Jahre lang hat er recherchiert, alte Karten und technische Besonderheiten überprüft. Dann war ihm klar, was er da eigentlich gefunden hat. Erzählt hat er es niemandem. „Damals war der historische Abstand noch nicht groß genug, da wäre alles zerstört worden“, sagt er. Jetzt, 19 Jahre später, sah er sich gezwungen, zu handeln, denn der Zahn der Zeit nagt an den Steinen. Bei „seinem“ Mauerabschnitt handelt sich um einen Teil des „antifaschistischen Schutzwalls“, der 1961 errichtet wurde. Für das 80 Meter lange Stück innerdeutscher Grenze wurden die Außenwände zerbombter Mietshäuser genutzt. Wenige Jahre später wurde die zweite Generation der Mauer östlich des bisherigen Mauerabschnitts hochgezogen, dann geriet das Stück Ur-Mauer in Vergessenheit.

„Hier war die Mauer nie“, ist sich Anwohner Siegfried Klose immer noch sicher. Der 69-Jährige war Schornsteinfeger im Osten Berlins. „Von den Dächern aus hatte ich einen guten Überblick, ich weiß genau, wo die Grenze verlief“, sagt er. Allein schon, weil das Stück Wald in Schönholz, in dem die Ur-Mauer steht, heute zu Reinickendorf gehört – also zum ehemaligen Westen –, könne es sich nicht um die Mauer handeln. Auch das Landesdenkmalamt meldete zunächst Zweifel an der Echtheit von Bormanns Fund an. Dann aber stellte sich heraus: 1988 wurde der Grenzverlauf zwischen Pankow im Osten und Reinickendorf im Westen begradigt. Was erst zum Osten gehörte, wurde dabei westliches Gebiet. Das Landesdenkmalamt vermeldete nun offiziell: „Es handelt sich um eine alte Ziegelmauer, die im Zuge der Spaltung von Ost- und Westberlin als Teil der ,Berliner Mauer‘ verwendet und gesichert wurde.“ An keiner anderen Stelle in Berlin sei die erste Bauphase der Mauer derart authentisch zu sehen.

Der Bezirk-Reinickendorf will die 80 Meter lange Mauer schützen 

Der Bezirk Reinickendorf hat bereits einen Bauzaun aufgestellt, um die Ruinen zu sichern. Der scheint auch nötig, denn Touristen, Souvenirjäger und Journalisten aus der ganzen Welt reisen an, um Bormanns „kleine Sensation“, wie er sie selbst nennt, unter die Lupe zu nehmen. Manche, wie die Schulzes, wollen einfach nur schauen, auch viele Eltern kommen, um ihren Kindern die deutsch-deutsche Geschichte näherzubringen. Eine Frau wählte die Mauer als Hintergrund für ein Fotoshooting mit leichter Bekleidung. „So etwas muss nicht sein“, findet Bormann. „50 Meter weiter sind Menschen gestorben“, sagt er entrüstet.

Andere, wie der Köpenicker Rentner, nehmen Steine aus der Mauer oder vom Boden einfach mit. Davon hält sie auch der Zaun nicht ab. Für Bormann eine Katastrophe, denn so würde die Restaurierung enorm erschwert. Er hofft, dass das Grundstück bald umrüstet und mit einem Notdach versehen wird. Zum Schutz vor Wind und Wetter – und Mauerspechten. Und so lange, bis das passiert, sieht er selbst alle drei Stunden nach dem Rechten.

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