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Hintergrund
09.10.2018

Brasiliens Trump triumphiert

Bereits nach der Stimmabgabe zeigte sich Jair Bolsonaro seinen Anhängern gegenüber siegesgewiss.
Foto: Thiago Ribeiro

Der Rechtspopulist Jair Bolsonaro übertrifft mit seinem Wahlergebnis alle Erwartungen. Warum es für seinen Herausforderer schwer wird, das Ruder herumzureißen

Jubel in den Straßen von Rio de Janeiro, São Paulo und Belo Horizonte – an der Börse explodiert der Kurs der Petrobras-Aktie. Der Erdrutschsieg für den Rechtspopulisten Jair Bolsonaro im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen in Brasilien setzt Emotionen frei.

Wie groß muss die Wut und die Verzweiflung der Wähler sein, wenn sie einem homophoben, rassistischen und frauenfeindlichen Kandidaten die Macht überlassen will, der von sich selbst behauptet, von der Wirtschaft keine Ahnung zu haben. Mit rund 46 Prozent schrammte der ehemalige Fallschirmjäger der Armee, der offen mit der Militärdiktatur sympathisiert, an der absoluten Mehrheit vorbei. Damit holte der 63-Jährige, der seit 25 Jahren als Bundesabgeordneter Politik macht und schon acht verschiedenen Parteien angehörte, fast zehn Prozent mehr, als ihm die Umfragen vor der Wahl zugetraut hatten.

Der Jubel in den Straßen der Metropolen zeigt: Viele Brasilianer verbinden mit dem Mann, den seine Kritiker einen rechtsextremen Neofaschisten nennen, große Hoffnungen. Seine glühenden Fans nennen ihn schlicht „o Mito“ (der Mythos). Für Menschenrechtsorganisationen und das politische Establishment ist Bolsonaro ein Albtraum.

Pulverisiert wurden die moderate Linke und der bürgerliche Konservatismus, die keinerlei Konsequenzen aus den Korruptionsskandalen der Vergangenheit zogen. Die im Ausland so sehr geschätzte Umweltaktivistin Marina Silva, bei den Wahlen 2010 und 2014 noch mit fast 20 Millionen Wählern die wohl populärste grüne Politikerin der Welt, stürzte am tiefsten: Nur noch ein Prozent gab ihr die Stimme. Den Regenwald müssen nun andere retten. Auch deshalb hat dieses Ergebnis globale Auswirkungen.

In drei Wochen trifft „Dschungel-Trump“ Bolsonaro in der Stichwahl auf Fernando Haddad, den Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT, der auf rund 29 Prozent der Stimmen kam. Auch er schnitt ein bisschen besser ab, als die Umfragen prognostizierten. Nun haben die Brasilianer Zeit, sich noch einmal Gedanken zu machen, ob sie wirklich einem Politiker und mit ihm einem ganzen Clan die Macht anvertrauen wollen, der demokratische Grundwerte offen verachtet. Bolsonaros Söhne erzielten ebenfalls deutliche Siege, Brasilien hat eine neue Herrscherfamilie.

Herausforderer Haddad wird seine Taktik ändern müssen, um den endgültigen Rechtsruck zu verhindern. Denn noch etwas zeigt das Ergebnis vom Sonntag. Auch Brasiliens ehemalige Präsidentin Dilma Rousseff – wie Haddad von der PT – wurde vom Wähler in die politische Bedeutungslosigkeit geschickt. Sie muss dafür geradestehen, das legendär-berüchtigte Korruptionssystem mit den Konzernen Petrobras und Odebrecht während ihrer Regierungszeit 2010 bis 2016 verleugnet zu haben. Die Linkspolitikerin schaffte es nicht in den Senat. Dabei plante sie ein glänzendes Comeback. Die fehlende Bereitschaft, politische Verantwortung zu übernehmen, hat sie nun teuer bezahlt. Obwohl sie sich selbst nie persönlich bereicherte, steht sie stellvertretend für das Versagen der klassischen Politikelite. Die Kritiker werfen Bolsonaro vor, er trete demokratische Grundwerte mit Füßen. Aber es ist die durch und durch korrupte brasilianische Politik, die seinen Aufstieg erst möglich gemacht hat. Der Katzenjammer kommt zu spät.

Auch für die katholische Kirche ist das Wahlergebnis ein schwerer Schlag: In Lateinamerika wächst der Einfluss evangelikaler Pfingstgemeinden explosionsartig, auch eine Folge des Missbrauchsskandals in der Kirche. Ein evangelikaler Politiker nach dem anderen feiert seinen Aufstieg in den Zirkel der Macht. Auch deshalb sehen Beobachter diese Wahl als gesellschaftliche Revolution und erst den Anfang einer Entwicklung, an deren Ende die Katholiken zur religiösen Minderheit geschrumpft sein werden.

Fernando Haddad muss einerseits endlich eine glaubwürdige Aufarbeitung des Korruptionsskandals in den eigenen Reihen starten, um bei den Wählern Vertrauen zurückzugewinnen und er muss andererseits jene Protestwähler überzeugen, die aus reinem Frust Bolsonaro ihre Stimme gaben. Und er muss sich von jenen Kräften innerhalb seines Lagers distanzieren, die mit brutalen Linksdiktaturen wie der in Venezuela sympathisieren. Denn das ist die nächste Schwachstelle, auf die die Bolsonaro-Kampagne abzielt.

Haddad braucht noch eine Botschaft, die über die Forderung nach Straffreiheit für die Spitzenpolitiker der PT im Korruptionsskandal hinaus geht. Nach den Milliardendesastern Fußball-WM und Olympia braucht das Land eine Vision. Haddad kann das Ergebnis zumindest theoretisch noch drehen. Zieht man sein Ergebnis mit denen der anderen Bolsonaro-Gegner zusammen, ist der Rückstand gar nicht so groß. Und wenn der verrückte brasilianische Wahlkampf mit einem inhaftierten Favoriten Lula da Silva und einem Messerattentat auf Bolsonaro eines gezeigt hat, dann das: Innerhalb von drei Wochen können sicher geglaubte Wahrheiten noch kippen.

Aber: Weil der wegen passiver Korruption inhaftierte populäre Ex-Präsident Lula da Silva zu lange an seiner Kandidatur für die PT festhielt, die ihm letztendlich die Justiz verweigerte, muss Haddad als ehemaliger Bürgermeister von São Paulo nun in Rekordzeit auch in den anderen Landesteilen erst noch bekannter werden. Abgerechnet wird am 28. Oktober.

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