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Interview

21.08.2019

Historiker Friederichs: "Die Gegner Hitlers hätten mutiger sein sollen"

Am 23. August 1939 unterzeichneten Joachim von Ribbentrop (links) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn) in Moskau den deutsch-russischen Nichtangriffspakt.
Bild: dpa

Hauke Friederichs rekonstruiert die Tage vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Gespräch über verpasste Chancen, überraschende Bündnisse und die Erlebnisse des jungen JFK.

Im August 1939 ist es heiß, viele Deutsche zieht es in diesen Sommertagen in die Seebäder. Dass es am Ende des Monats zu einem Krieg kommen wird, ist längst nicht allen klar. Der Historiker und Journalist Hauke Friederichs hat die Ereignisse dieses Monats vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Tag für Tag rekonstruiert. Der Leser folgt Diplomaten wie Joachim von Ribbentrop und Ernst von Weizsäcker, aber auch Zeitzeugen wie Albert Einstein, Thomas Mann oder John F. Kennedy durch diese Tage. Am Ende entsteht das Bild eines Sommers, in dem das Schicksal der ganzen Welt entschieden wurde.

Herr Friederichs, in Ihrem Buch „Funkenflug“ widmen Sie sich dem August 1939, dem Monat vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Warum ausgerechnet diesen vier Wochen?

Hauke Friederichs: In den Schulbüchern entsteht oft der Eindruck, dass es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts eine gewisse Zwangsläufigkeit gab. Aber das war nicht der Fall. Der Krieg hätte nicht am 1. September 1939 beginnen müssen. Mit Hermann Göring wollte selbst einer der engsten Gefährten Adolf Hitlers den drohenden Konflikt bis zuletzt verhindern. Der Plan, Polen anzugreifen, entstand ohnehin sehr spät, Ende März 1939 erteilte Hitler erst den Befehl, die Offensive am Kartentisch zu planen – zum Unmut vieler seiner Generäle. Lange hatte er vergeblich um Polen als Verbündeten geworben. Auch der Hitler-Stalin-Pakt war vor dem Sommer 1939 nicht absehbar. Es hätte genauso gut sein können, dass die Sowjetunion nicht mit Deutschland einen Pakt schließt, sondern mit Frankreich und Großbritannien.

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Der Nichtangriffspakt gilt als entscheidend für den weiteren Lauf der Geschichte. Wäre ohne das Bündnis wirklich alles anders gekommen?

Friederichs: Ja, davon bin ich überzeugt. Wie es gekommen wäre, ist allerdings sehr schwer zu sagen. Aber ich bin sicher, dass Hitler nicht Polen angegriffen hätte, wenn die Gefahr bestanden hätte, dass er gegen die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien gleichzeitig in den Krieg ziehen muss. Wenn Deutschland Polen nicht im Jahr 1939 attackiert hätte, dann wäre Hitler aber vielleicht kurz darauf oder auch drei Jahre später in den Krieg gezogen.

Was macht Sie da so sicher?

Friederichs: Deutschland hatte stark aufgerüstet, das Land hatte Finanzsorgen, Rohstoffprobleme, alles war auf einen Konflikt getrimmt. Und Hitlers erklärtes Ziel war das Gewinnen vom Lebensraum im Osten. Eigentlich hatte er gemeinsam mit den Polen die UdSSR angreifen wollen. Die Polen, so hatte es Hitler vorgesehen, hätten dann einen Teil der Ukraine als Beute erhalten.

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt spitzte sich die Lage zu

In Ihrem Buch spitzt sich die Lage im August Tag für Tag zu. Ab wann war für die Zeitgenossen zu spüren, dass ein Krieg kommen wird?

Friederichs: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt lief natürlich alles sichtbar auf einen Krieg zu. Dann hat allerdings Italien Deutschland die Bündnistreue für einen Angriff auf Polen verwehrt. Hitler hatte fest damit gerechnet, dass Mussolini ihn dabei unterstützt. Also zog Hitler seinen Angriffsbefehl am 26. August zurück. Da haben einige Leute frohlockt, dass Hitler nun erledigt sei. Im Laufe des Augusts gab es immer wieder solche Momente. Das lässt sich zum Beispiel gut in den Aufzeichnungen von Ernst von Weizsäcker beobachten…

… dem Vater des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker

Friederichs: Von Weizsäcker war damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt und hat immer wieder versucht, Hitlers Politik zu unterwandern. An seinen Aufzeichnungen lassen sich seine Stimmungsschwankungen ablesen: Mal denkt er, Deutschland ist dem Frieden ein Stück nähergekommen. Dann zweifelt er wieder. Weizsäcker zahlt später einen hohen Preis dafür, dass es ihm nicht gelingt, den Frieden zu erhalten: Einer seiner Söhne stirbt kurz nach dem Beginn des Polen-Feldzugs. Richard von Weizsäcker ist bei diesem Gefecht nur wenige Meter von ihm entfernt und muss den eigenen Bruder begraben.

Anfang September 1939 marschierten deutsche Soldaten in Polen ein.
Bild: dpa

Sie schildern auch, wie der spätere amerikanische Präsident John F. Kennedy in diesen Wochen durch Deutschland reist. Wie sah JFK die Lage?

Friederichs: Kennedy hatte unglaubliche Möglichkeiten. Er kam als Student nach Deutschland, um für seine Abschlussarbeit zu recherchieren. Sein Vater war Botschafter in London und öffnete ihm alle Türen. Dazu war seine Familie einfach unglaublich reich, sodass er auch die Mittel hatte zu reisen. Kennedy konnte sich zum Beispiel ein Auto mieten und damit durch mehrere Länder fahren. Er war in Danzig, in München, in der Tschechoslowakei oder auch in Österreich. Kennedy hatte im August Phasen, in denen er dachte, dass es keinen Krieg geben wird. Er war damals ein junger Mann, natürlich irrte er auch ab und zu. Aber er hat auch vieles richtig eingeschätzt. Das Buch, das er später aus seiner Abschlussarbeit machte, trug den Titel: „Warum England schlief“. Darin beschreibt er, wie vor allem Großbritannien Hitler immer wieder nachgegeben hat.

Die britische Regierung hat lange versucht, Hitler in Schach zu halten. Ein großer Kritiker dieser Appeasement-Politik war der spätere Premier Churchill. Hätte man auf ihn hören sollen?

Friederichs: Mit dem Wissen, das wir heute haben: eindeutig ja. Nachdem Deutschland das entmilitarisierte Rheinland besetzt hatte, hätte der Westen reagieren müssen. Danach hat Hitler massiv aufgerüstet, die Wehrmacht wurde größer. Es wurden heimlich Kampfflugzeuge, Panzer und U-Boote entwickelt, obwohl das gegen den Versailler Vertrag verstieß. Hitler hat Österreich zwangsweise angeschlossen, dann das Sudetenland besetzt, die Tschechoslowakei zerschlagen. Da hätte man schon viel härter die Grenzen aufzeigen müssen. Und vor allem hätte Großbritannien sich, wie von Churchill gefordert, viel stärker um die Sowjetunion bemühen müssen.

SA und SS lieferten sich mit den Kommunisten Straßenschlachten

Die britischen Vertreter sind im August 1939 nach Moskau gereist, um ein Abkommen auszuhandeln. Woran ist es am Ende gescheitert?

Friederichs: Die britische Militärdelegation kam sehr spät in Moskau an. Die Vertreter waren nicht mit dem Flugzeug, sondern mit einem Frachter angereist, was die Reise enorm verlängerte. Stalins Einladung war da bereits sechs Wochen alt. Im Nachhinein fragt man sich, was die Regierung von Neville Chamberlain da geritten hat. Zusätzlich hatte die Delegation gar keine Befugnisse. Einen Pakt hätten die Vertreter also gar nicht unterzeichnen dürfen. Am Ende hat Hitler Stalin einfach mehr geboten, könnte man zynisch sagen. Und so kam dieser Pakt zwischen Faschisten und Bolschewisten zustande.

Ein eigentlich vollkommen abwegiges Bündnis zweier Erzfeinde…

Friederichs: Sowohl Hitler als auch Stalin hatten dementsprechend auch Probleme, ihren Anhängern diesen unglaublichen Pakt zu erklären. Die SA und die SS haben sich über Jahre mit den Kommunisten blutige Straßenschlachten geliefert. Für sie waren die Kommunisten kein weit entfernter Gegner am anderen Ende Europas, sondern richtige Feinde. Einige NSDAP-Anhänger warfen als Reaktion sogar ihre Parteiabzeichen weg, das war damals ein ungeheurer Akt. Die Nationalsozialisten boten gewaltige Propaganda-Anstrengungen auf, um für den Pakt zu werben. Am Ende war die Diktatur so gefestigt, dass es zu keiner offenen Revolte kam.

Wie blicken Sie heute, nach Ihren Recherchen, auf den Zweiten Weltkrieg und seine Vorgeschichte?

Friederichs: Ich habe gelernt, dass in diesem Sommer der große Krieg nicht hätte zwingend beginnen müssen. Mir ist noch deutlicher geworden, wie wichtig es gewesen wäre, dass andere Nationen Hitler entschieden entgegentreten. Und auch die Gegner Hitlers in Deutschland hätten mutiger sein und offener zutage treten sollen: Ernst von Weizsäcker, Wilhelm Canaris und andere einflussreiche Militärs hätten nicht nur mit unglaublich kunstvoll gesponnenen Intrigen versuchen sollen, Hitler aufzuhalten, sondern auch mit direkten Aktionen. Anfang August war es noch nicht zu spät, den Kriegsbeginn am 1. September aufzuhalten.

Hauke Friederichs: Funkenflug. Aufbau Verlag, 376 Seiten, 24 Euro.

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