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Friedensnobelpreis

06.10.2017

Ican gewinnt Friedensnobelpreis: Ein großer Triumph für den kleinen David

Freude bei Ican: Der Friedensnobelpreis geht an die „Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen“.
Bild: Fabrice Coffrini, AFP

450 Organisationen und 122 Länder wollen neun Atommächte entwaffnen. Nun hofft die „Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen“ auf den Durchbruch.

Der Kampf gegen das nukleare Inferno findet in einem unansehnlichen Beton-Komplex statt. Das graue Gebäude mit der Adresse Route de Ferney 150 steht am Rande der Schweizer Diplomaten-Stadt Genf. Hier streitet die „Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen“ (Ican) für ihr hehres Ziel. Am Freitag erhielten die Aktivisten den Lohn für ihr jahrelanges Engagement. Sie werden mit dem Friedensnobelpreis 2017 ausgezeichnet. Die Begründung: Die Kampagne setzte sich energisch für den internationalen Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen ein. Erst im Juli hatten sich 122 Staaten auf den Pakt gegen die Bombe geeinigt.

„Es waren einige verrückte Stunden, seitdem wir den Anruf erhielten“, brachte Ican-Direktorin Beatrice Fihn atemlos hervor. „Ich war geschockt. Zuerst wusste ich nicht, wie ich das Ganze bewältigen soll“, sagte die 34-Jährige. Die schwedische Aktivistin mit der langen blonden Mähne strahlte bei der eilig einberufenen Pressekonferenz über das ganze Gesicht. Fihn genoss ihren Triumph.

Doch sie wurde sehr schnell sehr ernst. „Nukleare Waffen bringen keine Sicherheit und keine Stabilität, im Gegenteil“, dozierte sie mit Blick auf die Krise um Nordkoreas Atomwaffenprogramm. Das gefährliche Kräftemessen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong un verdeutlicht nach ihrer Analyse, wie überlebenswichtig die totale nukleare Abrüstung für die Menschheit ist.

Ican globalisiert den Kampf gegen die Atomwaffen

Fihn steuert ihren Teil dazu bei: In ihrem winzigen Büro koordiniert sie mit wenigen Getreuen die Arbeit von Ican, einer Bewegung mit 468 Partner-Organisationen in 100 Ländern. Prominente wie der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu oder der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kämpfen Seite an Seite mit den Aktivisten. Die Rüstungsgegner organisieren Kampagnen auf sozialen Medien, Demonstrationen und Mahnwachen: Ican globalisiert den Kampf gegen die Atomwaffen. Diejenigen Regierungen, wie die deutsche, die dem Atomwaffenverbotsvertrag fernstehen, geraten schnell in ihr Visier. Trotz „ihres vollmundigen Bekenntnisses zu einer atomwaffenfreien Welt“ boykottiere die Merkel-Regierung den Pakt, ätzen die Ican-Strategen.

Ican versteht es auch, den Bogen von den aktuellen nuklearen Bedrohungen zu den ersten Opfern zu schlagen. „Dieser Vertrag ist der Anfang vom Ende für nukleare Waffen“, sagt Setsuko Thurlow auf der Internetseite von Ican über den Anti-Atomwaffenvertrag. „Dieser Vertrag gibt uns Hoffnung.“ Die betagte Dame ist eine Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima im Jahr 1945 durch die USA.

Doch der Anti-Nuklearpakt leidet unter einem entscheidenden Manko: Alle Staaten mit Atomwaffen verweigern sich. Es sind die USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Zusammen horten die Neun rund 15.000 Sprengköpfe.

Nobelpreisgewinner 2017: die internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican). Das Nobelpreiskomitee begründete die Ehrung mit dem Kampf der Organisation gegen Atomwaffen.
11 Bilder
Das sind die Friedensnobelpreisträger der letzten zehn Jahre
Bild: Britta Pedersen, dpa

Kompromisslos macht die Militärmacht mit dem stärksten Atomwaffenarsenal, die USA, gegen den Vertrag mobil. „Dieses Abkommen ist einfach schlecht“, urteilt der US-Abrüstungsbotschafter bei den UN, Robert Wood. „Es macht die Welt nicht sicherer und es wird nicht zur Verschrottung einer einzigen Atombombe beitragen.“ Schurkenstaaten wie Nordkorea scherten sich nicht um internationale Verträge. Sie würden weiter nach nuklearen Massenvernichtungswaffen gieren.

Auf Druck der USA lehnen auch alle übrigen Nato-Mitgliedsländer den Atomwaffenverbotsvertrag ab. Das Auswärtige Amt in Berlin begründet das deutsche Fernbleiben so: „Ein mögliches Verbot, das die Nuklearwaffenstaaten nicht einbindet,…wird wirkungslos sein.“ Die Rüstungsgegner von Ican lassen sich jedoch von den Neinsagern nicht beirren. Sie verweisen auf die simple Gleichung, die dem Pakt gegen die Atomwaffen zugrunde liegt: Keine Atombombe heißt kein Atomkrieg. „Die Menschheit kann einfach nicht unter dem dunklen Schatten einer nuklearen Kriegsführung leben“, warnt auch der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Peter Maurer.

"Als Friedensnobelpreisträger haben wir jetzt ein ganz anderes Gewicht"

Mit dem Vertrag schließen die Staaten eine völkerrechtliche Kluft. Während biologische und chemische Waffen seit Jahrzehnten international geächtet sind, gibt es bislang kein entsprechendes Verbot für die weitaus verheerender wirkenden Nuklearwaffen.

Der Pakt verbietet den Einsatz, die Drohung des Einsatzes, die Entwicklung, den Test, die Herstellung, den Erwerb, den Besitz und die Lagerung von Nuklearwaffen. Zudem untersagt er die Stationierung jeglicher atomarer Waffen auf den Territorien der Vertragsstaaten. Diejenigen Staaten, die über Atomwaffen verfügen, müssen ihre Arsenale zerstören. Wenn 50 Staaten das Abkommen ratifizieren, wird es in Kraft treten.

Die Rüstungsgegner von Ican hoffen, dass dieser Zeitpunkt schon bald erreicht sein wird. „Als Friedensnobelpreisträger haben wir jetzt ein ganz anderes Gewicht, wenn wir Politiker zum Beitritt zu dem Pakt auffordern“, sagt Direktorin Fihn. Die Menschheit werde etwas schneller das Ziel einer totalen nuklearen Abrüstung erreichen können.

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