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Studie

22.11.2018

Integration funktioniert besser, als viele denken

Ein Mann liest im Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken in Berlin den Koran. Die religiöse Betätigung von Menschen mit ausländischen Wurzeln wird vielerorts mit Misstrauen verfolgt.
Bild: Christoph Soeder, dpa

Menschen mit ausländischen Wurzeln fügen sich heute besser ein als vor zehn Jahren, so eine Analyse. Sie zeigt aber auch: Lebenswelten driften auseinander. Und auch Migranten können besorgte Bürger sein

Die meisten Menschen mit ausländischen Wurzeln sind nach einer Studie heute in Deutschland besser integriert als vor zehn Jahren. Ein wachsender Anteil wolle sich anpassen und am Leben der eingesessenen Bevölkerung teilhaben, zugleich aber die eigenen kulturellen Wurzeln behalten. „Die große Mehrheit betrachtet sich als völlig selbstverständlichen Teil der Gesellschaft“, heißt es in der Untersuchung des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung. Für diese wurden gut 2000 Migranten befragt – vom „Gastarbeiter“-Kind bis zum Flüchtling. Der Blick in die Details zeigt aber: Bestimmte Gruppen haben resigniert und koppeln sich ab.

Auch bei Migranten fallen die Lebenswelten immer stärker auseinander. Die Autoren der Studie sehen insgesamt zehn Milieus, die sehr unterschiedlich integriert sind, darunter Nachkommen der einstigen „Gastarbeiter“ und religiös Verwurzelte, aber auch eine bürgerliche Mitte und die Szene der kosmopolitischen Intellektuellen. Von den rund 19 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland gibt es die, die sich für „deutscher als Deutsche“ halten. Und andere, die sich in eine Nische unter Ihresgleichen zurückziehen.

Acht von zehn Befragten meinen, dass Migranten sich der übrigen Bevölkerung anpassen sollten. Die Deutschen sollten sie aber auch an ihrem Leben vollständig teilhaben lassen. Die Bräuche des Herkunftslandes – von Musik über Speisen und Getränke bis zur Kultur – bleiben für mehr als 70 Prozent aber weiterhin wichtig. Ähnlich viele sind „stolz auf ihr Herkunftsland“. Die eigenen kulturellen Wurzeln bewahren, das ist neun von zehn Migranten wichtig. Smartphone und Kopftuch – die Autoren sprechen von „hybriden Identitäten“.

Während es den einen gelinge, Karriere zu machen und sich engagieren, zögen sich andere in eine Nische zurück. „Die traditionellen und prekären Milieus fühlen sich ihrer Herkunftskultur insgesamt deutlich stärker zugehörig als noch vor zehn Jahren.“ Die deutsche Kultur sei ihnen fremd. Westliche Werte wie die Gleichberechtigung von Frau und Mann würden abgelehnt. Eine Sichtweise, die nach Überzeugung der Autoren der Studie durch Benachteiligung und Ausgrenzung verfestigt wird. Diese Migranten resignierten. Dies gelte vor allem für das relativ kleine religiös-verwurzelte Milieu, dem rund 900000 Migranten zugerechnet werden. „Ihre Probleme werden leider zu oft auf das Ganze projiziert“, sagte Verbandspräsident Jürgen Aring. Die Integrierten gerieten aus dem Blick.

Zwei von drei Migranten halten das Zusammenleben hierzulande für gut oder sehr gut. Jeder dritte glaubt, es habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Die Wahrnehmungen entwickelten sich auseinander, schreiben die Autoren. Das hänge auch vom Wohnort ab. „In kleineren Orten scheint das Zusammenleben für viele besser zu klappen.“ Dort hätten Menschen mit ausländischen Wurzeln mehr Kontakt zur übrigen Bevölkerung.

Die deutsche Sprache bleibe der Schlüssel für die Integration, hob Studienautor Bernd Hallenberg hervor. Unter den beruflich Erfolgreichen und im Milieu der Angepasst-Pragmatischen versuchen 80 Prozent nur deutsch zu sprechen. Bei denen in prekären Verhältnissen sind es nur 44 Prozent, bei den religiös Verwurzelten nur 12 Prozent. Sie hätten kaum Kontakt zum Rest der Bevölkerung – was nicht nur selbst gewählt sei. Nordafrikaner, Araber und Türken berichteten am häufigsten von Diskriminierung.

„Auch Migranten sind besorgte Bürger“, schreiben die Autoren und verwenden ein Etikett, das eigentlich Deutschen angeheftet wird, die gegen Zuwanderung protestieren. Migranten sähen zum Beispiel Politik und Medien ebenso kritisch wie die Gesamtbevölkerung, sorgten sich ebenso um die Sicherheit auf Straßen und Plätzen. Nur drei Prozent engagierten sich in Parteien und Bürgerinitiativen. Aber knapp jeder zweite sei in einem Verein, meist einem Sportverein.

Benachteiligung bleibe für viele Migranten Alltagsrealität, schreiben die Autoren, die neben der Umfrage auch 160 Einzelinterviews geführt haben. Bei der Job- und Wohnungssuche hätten es Migranten schwerer, sagte Hallenberg. Wer ausländische Wurzeln hat, wohnt auf weniger Wohnfläche bei höherer Quadratmeter-Miete. Doch deutlich mehr als vor zehn Jahren wollten sich in den nächsten Jahren eine Wohnung kaufen – laut Studie ein Zeichen, dass die moderne und statusbewusste migrantische Mittelschicht wachse. (dpa)

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