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Interview
13.09.2021

Politikwissenschaftler Thorsten Faas zum TV-Triell: "Das war eine verpasste Chance"

Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne) und Armin Laschet (CDU) während des zweiten TV-Triells .
Foto: Christophe Gateau, dpa

Der Politikwissenschaftler Thorsten Faas erklärt, welche Bedeutung Formate wie das TV-Triell haben, warum der aktuelle Dreikampf seine Erwartungen nicht erfüllt hat und was das nun für Laschet heißt.

Herr Faas, die Kanzlerkandidaten haben sich in einem engen Rennen um die Kanzlerschaft zum zweiten TV-Triell getroffen. Wie wahrscheinlich ist es, dass durch solche Formate der Lauf der Dinge noch geändert werden kann?

Thorsten Faas: Diese Formate haben immenses Potenzial, das wissen wir aus Duellen aus vergangenen Jahren. Sie ziehen eine riesige Zuschauerschaft an, darunter auch viele Menschen, die ansonsten gar nicht so tief im Wahlkampf drin stecken, die dann mobilisiert und überzeugt werden können. Ich fürchte allerdings, dass das mit dem aktuellen Triell nicht gelungen ist: Die Debatte, gerade auch die Geschwindigkeit, war unglaublich komplex und hoch, an vielen Stellen extrem detailliert. Das war eine verpasste Chance, fürchte ich.

Die Stimmung wirkte aufgeladener als beim letzten Mal, vor allem Armin Laschet griff an. Wie kommt das beim Wähler an?

Thorsten Faas: Ja, da waren Emotionen im Spiel, aber all das muss glaubwürdig bleiben… und auch da scheint die Strategie Laschets nicht ganz aufgegangen zu sein. Letztlich ist das das Grundproblem des Unionswahlkampfs: Angelegt als ein Wahlkampf aus der führenden Position heraus, gelingt es jetzt einfach nicht glaubwürdig, plötzlich wie eine Oppositionspartei zu agieren.

Thorsten Faas über den SPD-Kanzlerkandidat: "Scholz bietet keine Angriffsfläche"

Laschet erhält in der anschließenden Umfrage keine Sympathiepunkte... Wie wichtig wäre das für ihn?

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Thorsten Faas: Für Sympathie kann man sich wenig kaufen… aber dass ihn Wählerinnen und Wähler nicht für kompetent, nicht für glaubwürdig halten, das schmerzt, weil gerade das in diesen Zeiten vieler Unklarheiten immens wichtig ist.

Olaf Scholz tritt betont nüchtern auf – ist das die richtige Taktik?

Thorsten Faas: Er – und auch seine Partei – führen gerade recht deutlich. Insofern hat er vor allem ein Interesse daran, keine Angriffsfläche zu bieten. Und hinzu kommt ja auch: Es wäre doch komisch, wenn Olaf Scholz plötzlich ganz anders wäre als man ihn über viele Jahre kennengelernt hat. Dass dieses Nüchterne - kombiniert mit dem Verweis auf viele Erfahrungen - nun noch dazu als Kontrast zum anderen Kandidaten, zur anderen Kandidatin positiv wirkt, war so sicher nicht planbar, funktioniert aber eben gerade gut.

Politikwissenschaftler über die Grünen: "Kompetenzfrage ist Baerbocks Dilemma"

Annalena Baerbock versucht mit Fachwissen zu punkten – gelingt das? Oder kommt es auf anderes an?

Thorsten Faas: Nein, natürlich braucht es das. Aber trotzdem ist es nur eine notwendige Bedingung. Ihre Kampagne war ja von Beginn an von Zweifeln begleitet, ob sie letztlich die Erfahrungen mitbringt, die für das Kanzleramt nötig sind. Diese Zweifel sind im Laufe der Zeit größer geworden, aber die kann sie letztlich mit Fachwissen alleine nicht ausgleichen. In der ARD-Umfrage nach dem Triell war eine interessante Zahl zu sehen: Sie wurde als sehr tatkräftig wahrgenommen, aber letztlich als nicht sehr kompetent… das ist ihr Dilemma gerade.

Das Triell ist mit einer Frage eingestiegen, die öffentlich irgendwie zur entscheidenden wurde: Mit wem koalieren Sie? Wie wichtig ist das für Wähler tatsächlich für ihre Wahlentscheidung?

Thorsten Faas: Das ist ganz, ganz schwierig… denn natürlich wollen wir als Wählerinnen und Wähler das wissen, denn natürlich ist es nicht egal, welche Koalition das Land regiert. Das zeigen ja auch Studien: Koalitionen unterscheiden sich in ihren Zielen und setzen diese auch um. Also: Ja, wichtiges Thema – aber zugleich ist völlig klar, dass die Kandidaten und die Kandidatin dazu aktuell angesichts der unklaren Lage nichts sagen werden. „Ausschließen“ wäre eine strategische Schwächung für die Gespräche nach dem Wahltag. Das führt zu diesen wahnsinnig zähen Momenten in solchen Triellen.

Laschet warnt vor Rot-rot-grün: Verfängt die Warnung vor dem Linksrutsch?

Eines der wichtigsten Argumente der Union ist die Warnung vor einem „Linksrutsch“ – verfängt so etwas bei den Menschen?

Thorsten Faas: Es soll zunächst einmal Orientierung schaffen, gerade in den eigenen Reihen: Wer ist eigentlich der Gegner der Union? Diese Selbstversicherung scheint auch nötig, wenn man sich die Umfragewerte der Union anschaut. Aber es bleibt ein zähes Thema. Denn zugleich gibt es ja auch bei der Union offene Fragen mit Blick auf die Zeit nach der Wahl. Das hat ja etwa die Frage gezeigt, wie Laschet agieren würde, wenn er und die Union nur auf Platz 2 landeten. Würde er Juniorpartner der SPD in einer Neuauflage der Groko werden wollen?

Lars Klingbeil, Generalsekretär der SPD, und Saskia Esken, Vorsitzende der SPD, schauen gemeinsam das Triell.
Foto: Christophe Gateau, dpa

Wirecard, Cum Ex, FIU – das sind komplexe Materien. Bleibt beim Wähler nur das Wort „Skandal“ im Zusammenhang mit Olaf Scholz hängen?

Thorsten Faas: Natürlich sind das keine Gewinnerthemen für Scholz, aber meines Erachtens gibt es zwei Gründe, warum das sein Image nicht nachhaltig belastet gerade. Erstens sind die Themen wahnsinnig komplex, Scholz pariert die Vorwürfe natürlich gut vorbereitet, das macht klare Zuweisungen schwierig. Und hinzu kommt: Im Gegensatz gerade zu Baerbock ist Scholz ein bekannter Kandidat, zu dem die Menschen ein recht ausdefiniertes Bild haben. Auch die Schwierigkeiten von Scholz sind da schon drin… in diesem Sinne ist Scholz‘ Image träge.

Thorsten Faas: "Parteien verlieren an Integrationskraft, Personen werden wichtiger"

Aus dem Triell wird immer mehr ein Duell ums Kanzleramt – hätten die Grünen im Rückblick auf eine Kanzlerkandidatur verzichten sollen?

Thorsten Faas: Ach, das ist ja letztlich eine müßige Debatte, die wir ja zunächst mit Blick auf Scholz geführt haben, jetzt trifft es Baerbock. Aber man merkt schon sehr deutlich, dass die drei Kandidaten den Wahlkampf komplexer machen. Da wechseln ständig die Gegensätze: Laschet gegen rot-grün, Baerbock gegen die GroKo, Scholz gegen seine Herausforderer… das ist aber viel komplexer als ein Duell.

Wenn wir schon auf den Wahltag blicken: Falls die Union tatsächlich bei gut 20 Prozent landen würde, was bedeutet das für ihr Selbstverständnis als Volkspartei und für die allgemeine politische Gemengelage?

Thorsten Faas: Was wir in diesem Wahljahr auf Länderebene schon erlebt haben und jetzt auch auf Bundesebene sehen: Parteien verlieren an Integrationskraft – diese Funktion wird eher von Personen erfüllt. Kretschmann, Dreyer, Haseloff. Auf Bundesebene war es Merkel, jetzt scheint es Scholz erfüllen zu können.

Thorsten Faas.
Foto: Privat/thorsten Faas

Zur Person: Thorsten Faas ist Wahlforscher an der FU in Berlin.

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