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24.11.2018

Ist Politik reine Glückssache?

Dass aus der Kuba-Krise 1962 kein Krieg wurde, hatte auch mit Glück zu tun: Nikita Chruschtschow (links) und John F. Kennedy.
Bild: dpa

Die Mächtigen dieser Welt mögen das nicht gerne zugeben: Aber manchmal sind es eher zufällige Fügungen als große Strategien, die zum Ziel führen. Sogar wenn es um Krieg oder Frieden geht, kann Fortuna eine Rolle spielen

Herr Wassermann, wann haben wir in der Geschichte politisch gesehen mal richtig Glück gehabt?

Weltpolitisch sicherlich in der Kuba-Krise, als die Rationalität der Beteiligten siegte. Weil die eine Seite dachte, die andere ist hoffentlich auch rational. Und der Konflikt dann glücklicherweise nicht eskaliert ist und kein Dritter Weltkrieg ausbrach. In der jüngeren deutschen Geschichte war der große Glücksfall, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion die Gelegenheit erkannt und ergriffen wurde, die Wiedervereinigung Deutschlands in die Wege zu leiten. Der Name Helmut Kohl bleibt damit verbunden, in seiner vermittelnden Position zwischen Deutschlands Nachbarn. Aber wie immer bei solchen politischen Glücksmomenten: Sie können unterschiedlich gedeutet werden.

Wie denn?

Man könnte ja auch sagen: Es musste so kommen, die Wiedervereinigung war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Selbstläufer. Demnach hätte es des glücklichen Eingreifens durch Helmut Kohl gar nicht bedurft. Oder man könnte andere für das deutsche Glück verantwortlich machen: Willy Brandt etwa, der mit seiner Ost-Politik zur Annäherung zwischen Ost und West beitrug. Oder die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung, ohne die die friedliche Wiedervereinigung nicht denkbar war. Politisches Glück ist also immer umstritten, und zumeist hat es mehrere Väter und Mütter. Aber dass die Wiedervereinigung glücklich gelaufen ist, darin sind sich doch wohl die meisten einig.

Weil wir vom Mauerfall gesprochen haben: Waren die Menschen im Sozialismus glücklicher?

Da stellt sich die Frage, wie das Glück eigentlich zu messen ist. Wenn man ökonomisch herangeht und das Bruttoinlandsprodukt zum Maßstab nimmt, dann lautet die Antwort mit Blick auf den Mangelstaat DDR sicherlich: Nein. Wenn man Glück politisch misst und als die Chance begreift, sein eigenes Leben frei zu gestalten und an der freiheitlichen Gestaltung des Gemeinwesens mitzuwirken, dann lautet die Antwort mit Blick auf den Einparteien- und Spitzelstaat DDR wohl ebenfalls: Nein.Beides schließt aber natürlich nicht aus, dass es Momente des Glücks auch in der DDR gab, ob im Privaten und in der Nachbarschaft, in der Opposition oder auch bei offiziellen Feierlichkeiten. Glück im politisch-demokratischen Sinne ist das aber nicht.

Schauen wir uns etwas Aktuelles an. Donald Trumps Republikaner verloren zwar ein wenig bei den Kongresswahlen im Repräsentantenhaus, konnten aber im Senat dazugewinnen. Wie sehr hat der Flüchtlingsstrom eine Rolle gespielt? Hatte Trump Glück?

An Trumps Agieren zeigt sich: Politisches Glück passiert nicht einfach, sondern es lässt sich gestalten und formen. Das hat schon der italienische Staatsdenker Niccolò Machiavelli im 16. Jahrhundert erkannt. Er fragte sich: Wie viel seines Schicksals hat der Mensch, und gerade der Politiker, eigentlich selbst in der Hand? Dabei gelangte Machiavelli zu dem Schluss, dass das Glück (fortuna) zwar blind wütet. Die politische Kunst bestehe aber darin, die unvorhersehbaren Schicksalsschläge, die man nicht unter Kontrolle hat, in Bahnen zu lenken und auch zu nutzen.

Und das hat Trump gemacht?

Trump hat den Flüchtlingsstrom als eine für ihn günstige Gelegenheit erkannt, sich im Wahlkampf als den Verteidiger Amerikas gegen unkontrollierte Zuwanderung zu inszenieren. Damit schloss er gewissermaßen an Machiavelli an, der der Politik riet, wie ein Deichbaumeister die unvorhersehbaren Launen der Fortuna zu kanalisieren, um dadurch Überschwemmungen vorzubeugen. Die Metaphorik des Stroms und der Deiche funktioniert dabei unabhängig davon, ob der Strom tatsächlich steigt und inwiefern der Deich auch wirklich halten würde. Entscheidend ist, dass Trump sein Wahlglück dadurch beförderte, dass er eine zufällige Begebenheit zur Selbstinszenierung nutzte.

Gibt es überhaupt so etwas wie Glück in der Politik? Oder heißt es eher, dass man verstehen muss, wann man als Politiker handeln soll und wann nicht?

Ja, das Glück in der Politik ist einerseits die günstige Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Daneben gibt es aber auch eine andere Art von politischem Glück: Glück als Ziel und Sinn von Politik.

Was ist damit gemeint?

Wann sind die Menschen eines Landes glücklich? Was macht sie glücklich? Aristoteles zufolge streben alle Menschen nach Glück. Jedoch sind sie uneinig, wo sie dieses Glück finden. Manche suchen es in der Befriedigung ihrer Lust, andere in der Beschäftigung mit der Philosophie, wieder andere im politischen Engagement. Letzteres ist das eigentlich politische Glück: sich gemeinsam mit den Mitbürgern für das Gemeinwesen einzusetzen.

Aber jeder hat ja ein anderes Empfinden von Glück, oder?

Glück wird in diesem Sinne oft sehr individualistisch betrachtet. Im politischen Sinn kann das Glück für ein Gemeinwesen dagegen als Gemeinwohl verstanden werden. Auch dieser Begriff ist sehr offen. Was ist überhaupt das Gemeinwohl? Wie schaffe ich eine glückliche Gemeinschaft? Die Aufgabe der Politik und insbesondere der politischen Parteien ist es, hierauf zeitgemäße Antworten zu geben, über die sich dann demokratisch beraten und hoffentlich glücklich entscheiden lässt. Interview: Denis Dworatschek

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