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25.01.2019

Ist das zumutbar?

Erwachsene Hartz-Empfänger müssen bei Weiterbildungen Übungen für Grundschüler machen. Wie die Bundesagentur reagiert

Weil sie auf Hartz IV angewiesen ist, muss eine Frau aus Niedersachsen an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen. Eigentlich sollte sie dort etwas für eine neue Arbeit lernen. Doch als das erste Übungsblatt vor ihr liegt, kommt sie sich veräppelt vor: Auf dem Blatt sind in quadratischen Kästchen kleine Bildchen gezeichnet: Eine Katze, ein Spatz, eine Kerze, ein Herz und andere Symbole. In der Aufgabe wird sie geduzt: „Schreibe unter jedes Bild das passende Wort: Vorsicht, nicht jedes Wort wird mit tz geschrieben.“ Die Niedersächsin merkt sofort: Das Arbeitsblatt ist eigentlich für Grundschüler, und sie fragt sich, ob man sie für doof hält.

„Das ist pure Erniedrigung erwachsener, intelligenter Menschen“, schrieb die Tochter der Frau bei Twitter und postete ein Foto des Übungsblattes. Ihr Beitrag wurde tausendfach geteilt. Zahlreiche Internetuser empören sich über die Aufgaben auf „Drittklässlerniveau“, andere erzählen von ähnlichen Erfahrungen. Susanne Eikemeier von der Bundesagentur für Arbeit bestätigt die Echtheit des Übungsblattes und dass es tatsächlich Teil einer Fortbildung in Niedersachsen war.

„Die Weiterbildungsmaßnahme, über die getwittert worden ist, ist für eine große Zielgruppe von Personen mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen und Deutschkenntnissen entwickelt worden“, erklärt sie. Aber rechtfertigt das, Erwachsene zu duzen und ihnen Übungen aus der Grundschule vorzulegen?

Nein, sagt Eikemeier. „Wir können gut verstehen, dass die Teilnehmenden das kritisieren.“ Nicht die Arbeitsagentur, sondern ein externer Träger sei für die Weiterbildung verantwortlich. Er sei aber inzwischen gebeten worden, „Unterrichtsmaterial so zu wählen, dass Erwachsene respektvoll und angemessen angesprochen werden“.

Die Linkspartei sieht darin keinen Einzelfall: „Solche sinnlosen und entwürdigenden Maßnahmen sind im Hartz-IV-System leider keine Ausnahme, wie Raucherentwöhnungskurse, Kaufmannsladen spielen oder Spaziergänge mit Lamas zeigen, um nur einige Beispiele zu nennen, die mir in den letzten Jahren bekannt geworden sind“, sagte Linken-Fraktionsvize Sabine Zimmermann unserer Redaktion. „So etwas kratzt wirklich an der Menschenwürde, insbesondere vor dem Hintergrund, dass man in diese Maßnahmen unter Sanktionsandrohung hineingezwungen wird.“

Auch der CDU-Arbeitsmarktexperte Peter Weiß sagt, die Frau habe „mit dem Kursanbieter Pech gehabt“. Bildungsgutscheine seien aber ein gutes Instrument der Arbeitsmarktpolitik. „Sie räumen den Beziehern von Arbeitslosengeld und Hartz IV die Möglichkeit ein, sich frei für einen Träger zu entscheiden.“ Weiß rät Betroffenen notfalls zu Beschwerden: „Solche Rückmeldungen sind gut für die Bundesagentur.“ (mit bju, sla)

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