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US-Wahlkampf

21.08.2020

Joe Biden: Die bisher wichtigste Rede seines Lebens

Nun auch offiziel: Joe Biden ist der Präsidentschaftskandidat der Demokraten.
Bild: Andrew Harnik, dpa

In seiner ersten großen Rede nach der Nominierung betont der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden die Bedeutung von Charakter, Anstand und Mitgefühl.

Kurz zuvor hat er bislang wichtigste Rede seines Lebens gehalten - ernst, authentisch und mitfühlend, obwohl er auf einer Bühne ohne Publikum stand. Nun lässt sich Joe Biden draußen in einem Autokino von seinen Anhängern in den Fahrzeugen etwas feiern. Nur seine Frau Jill, die designierte Stellvertreterin Kamala Harris und deren Ehemann Douglas Emhoff stehen – wie er mit Maske - neben ihm, als am nächtlichen Himmel ein Feuerwerk abgebrannt wird. Es ist die vorbildliche Inszenierung einer Freudenfeier in Covid-Zeiten.

Doch es ist eigentlich nicht die Welt von Joe Biden. Der 77-Jährige ist gewöhnlich kein begnadeter Redner. Er blüht auf im persönlichen Kontakt mit Menschen. Regelmäßig hat er sich vor der Pandemie unmittelbar nach seinen Wahlkampfauftritten ins Publikum gemischt, hat Hände geschüttelt und Schultern geklopft. Das ist nun nicht mehr möglich. Doch irgendwann braucht Biden ein bisschen persönlichen Austausch. Er tritt an den Rand des Podiums, nimmt den Atemschutz vom Mund und ruft den Reportern ganz vorne ein paar Sätze zu.

Biden hat die Nominierung der US-Demokraten als Präsidentschaftskandidat angenommen und ist damit offiziell der Herausforderer des republikanischen Amtsinhabers Trump bei der Wahl im November.
Bild: Carolyn Kaster/AP/dpa

Demokraten nominieren Biden offiziell als Präsidentschaftskandidaten

Der kurze Bruch der Masken-Etikette bleibt der einzige, winzige Patzer an diesem Abend. Ansonsten meistert Biden seinen ersten großen Live-Auftritt nach der Nominierung als demokratischer Präsidentschaftskandidat fehlerfrei. Viel war zuvor über drohende Versprecher oder mögliche Aussetzer bei der Rede spekuliert worden. Seit Wochen versucht Präsident Donald Trump, seinen Herausforderer als senilen Greis zu diffamieren, der kaum seinen eigenen Namen aussprechen kann. Tatsächlich hält Biden nach Einschätzung vieler Beobachter eine seiner besten Reden. „Das war eine enorm effektive Rede“, urteilt auch Chris Wallace, der Moderator bei Trumps rechtem Haussender Fox News: „Donald Trump muss nun gegen einen Kandidaten und nicht gegen eine Karikatur bestehen.“

In seiner 25-minütigen Live-Ansprache wechselt Biden zwischen harter Kritik an Trump, teilweise emotionalen persönlichen Passagen und der sehr grundsätzlichen Darlegung seiner eigenen Vorhaben. Wie ein roter Faden zieht sich der Gegensatz zwischen einer Politik der Wut, der Angst und der Spaltung, die Biden dem Amtsinhaber vorwirft, und den eigenen Appellen an die Rückbesinnung auf die einenden amerikanischen Werte durch das Manuskript. „Ich werde ein Verbündeter des Lichts sein und nicht der Dunkelheit“, verspricht der einstige Stellvertreter von Barack Obama: „Es ist Zeit für uns, das Volk, zusammenzukommen.“

Biden will auch enttäuschte Trump-Unterstützer ansprechen

Biden beschreibt die Wahl am 3. November als einen „Wendepunkt“: Auf dem Stimmzettel stünden nicht nur Namen, sondern Werte wie Charakter, Anstand, Mitgefühl, die Achtung der Wissenschaft und letztlich die Demokratie. Nur sehr kursorisch und unspezifisch erwähnt der Kandidat seine Vorhaben in der Wirtschafts-, Gesundheits-, Bildungs- und Klimapolitik. Ganz offensichtlich geht es ihm darum, die Basis seiner Wähler zu erweitern und auch enttäuschte Trump-Unterstützer anzusprechen. Breiten Raum räumt Biden hingegen der Corona-Pandemie ein, bei der die USA „das mit Abstand weltweit schlechteste Bild“ bieten würde: „Der Präsident hat versagt, uns zu schützen.“

Weite Passagen seiner Rede trägt Biden mit festem Ton und staatsmännischer Pose vor. Als er sich jedoch an die Hinterbliebenen von Covid-Toten wendet, wird seine Stimme einfühlsam und persönlich: „Ich kenne das tiefe, schwarze Loch, das sich in der Brust öffnet.“ Mehrfach auf diesem Parteitag war bereits Bidens Lebensgeschichte zur Sprache gekommen. Als junger Senator mit Mitte 30 hatte er bei einem Autounfall seine Frau und seine Tochter verloren. Sein Lieblingssohn Beau, der verletzt überlebte, starb Jahrzehnte später an einem Gehirntumor.

Nach seiner Nominierungsrede auf dem Parteitag streckt Joe Biden gemeinsam mit seiner Vize-Kandidatin Kamala Harris den Arm in die Höhe. Die beiden Demokraten wollen im November gegen Trump die Wahl gewinnen.
Bild: Andrew Harnik/AP/dpa

Charlottesville als Weckruf

Biden hat seine Kandidatur bei früherer Gelegenheit auch als eine Art Vermächtnis des Sohnes dargestellt. In der Nacht zum Freitag liefert er eine weitere Motivation: den Aufmarsch von Rassisten und Neo-Nazis im liberalen Universitätsstädtchen Charlottesville vor drei Jahren, bei dem eine Gegendemonstrantin getötet wurde. „Das war ein Weckruf für das Land und ein Aufruf für mich zum Handeln.“ Sein Vater habe ihn gelehrt, dass Schweigen in bestimmten Situationen eine Mitschuld bedeute.

Und noch etwas hat Biden von seinem Vater, einem Autohändler, gelernt. Der „ehrenwerte, anständige Mann“ habe in seinem Berufsleben eine Reihe von Schlägen einstecken müssen, sei aber immer wieder aufgestanden, berichtet er. Ganz ähnlich sieht er die Lage der USA, die unverändert „eine großartige Nation“ seien. Unter Trump habe das Land eine „Phase der Dunkelheit“ durchlaufen. Biden ist kein Revolutionär, der das System umgestalten will. Er setzt auf die Rückbesinnung auf alte Werte. „Ich glaube, dass es nur einen Weg nach vorne gibt“, sagt er zum Ende seines Vortrags: „Als ein vereintes Amerika.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Demokraten vermitteln ein Bild der Einheit

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