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Tierschutz

28.09.2018

Kastration ohne Betäubung: Hat das Leiden der Ferkel bald ein Ende?

Die Ferkel von Berthold Mederle aus Hafenreut sind nicht mal eine Woche alt, wenn sie betäubungslos kastriert werden. Seit Jahrzehnten ist das gängige Praxis in Deutschland.
Bild: Judith Roderfeld

Exklusiv 20 Millionen Schweine werden jedes Jahr ohne Betäubung kastriert. Nun tobt ein Streit über ein neues Gesetz. Bauern wie Berthold Mederle fordern Aufschub.

Das Quieken des Tieres verstummt. Nach zehn Sekunden ist das Ferkel kastriert. Vorher spritzt Bauer Berthold Mederle den kleinen Ebern immer ein Schmerzmittel. Das hilft gegen den Wundschmerz danach. Für die Kastration selbst gibt es keine Betäubung.

Zwei Mal schneidet Mederle mit einem Skalpell in das Fleisch des Tieres. Hoden und Samenleiter wirft er in den schwarzen Eimer neben seinen Füßen. Nach dem Eingriff setzt er das Schweinchen wieder direkt zur Muttersau. An den Hinterläufen des drei Tage alten Ferkels rinnt noch das Blut.

Die betäubungslose Kastration ist seit Jahrzehnten eine gängige Praxis

Seit Jahrzehnten kastrieren deutsche Ferkelerzeuger ihre männlichen Schweine betäubungslos. Ab Januar 2019 ist das verboten. Schweinezüchter Mederle aus Hafenreut bei Donauwörth fürchtet dann das Aus. Genau wie viele andere bäuerlichen Betriebe.

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Der Gesetzgeber beschließt 2013 mit der Reform des Tierschutzgesetzes ein Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration. Zulässige Verfahren sollen die Ebermast, die Vollnarkose sowie die Impfung gegen den Ebergeruch sein. Für viele Ferkelerzeuger sind das keine praxistauglichen Alternativen.

2013 wurde die Reform des Tierschutzgesetzes beschlossen

2017 sollte die Änderung greifen, doch die Branche bekommt einen Aufschub von zwei Jahren. Im August fordern viele Länder eine weitere Verlängerung, doch der Bundesrat lehnt die Anträge ab. Gegen einen Aufschub ist die SPD: „Die Abschaffung der betäubungslosen Ferkelkastration war ein wichtiger Schritt zu mehr Tierwohl in der Schweinehaltung“, betont SPD-Tierschutzbeauftragte Susanne Mittag.

Warum betäubungslos kastrieren, wenn es tierschutzgerechte Alternativen gebe, fragt sich die Bundestagsabgeordnete. Sie lehnt eine weitere Verzögerung ab. Fünf Jahre Übergangsfrist seien genug, um sich darauf einzustellen. „Die gesamte Branche wusste, was auf sie zukommt.“ Zu lange habe das Landwirtschaftsministerium nichts unternommen. Dessen Aufgabe sei es gewesen, die Alternativen auf ihre Praxisreife zu testen. Das, klagen auch die Bauern, sei nie geschehen.

Fleisch von unkastrierten Schweinen gilt als unverkäuflich

Warum überhaupt die Kastration? In erster Linie geht es um den Ebergeruch. Wird ein männliches Schwein nicht kastriert, kann das Schnitzel auf dem Teller unangenehm schmecken. „Wer einmal einen Stinker auf dem Tisch hatte, wird nicht mehr so schnell zum Schweinefleisch greifen“, sagt Konrad Ammon, Landesinnungsmeister vom Fleischerverband Bayern. Außerdem seien geschlechtsreife und pubertierende Eber aggressiver.

Stolz präsentiert Ferkelzüchter Mederle seinen Betrieb mit rund 800 Schweinen. Weil er so oft lächelt, ziehen sich seine Augen immer wieder zu kleinen Schlitzen zusammen. Durch seinen Schweinestall zieht eine warme Luft. Die Stirn des Bauers glänzt vom Schweiß. Alle drei Wochen kommen im Hafenreuter Betrieb 200 Ferkel auf die Welt.

Ewig schon protestieren Tierschützer, um der betäubungslosen Kastration ein Ende zu setzen. Sie begrüßen die Ablehnung des Bundesrats. „Kein Tier darf ohne vernünftigen Grund leiden“, sagt Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder. „Und wirtschaftliche Interessen sind keinesfalls als ein Grund zu akzeptieren.“

Bauern fordern die lokale Betäubung

Die konventionelle Landwirtschaft und die Fleischindustrie würden am liebsten eine lokale Betäubung anwenden. Seit Jahren hat sich die Branche und der Bayerische Bauernverband darum bemüht, den sogenannten vierten Weg durchzusetzen. Mit den aktuellen Medikamenten ist die lokale Betäubung aber nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar. Bis sich das ändert, stehen Forschungen und Zulassungen an. Das könnte noch mal fünf Jahre dauern. „Warum man die Forschungen nicht schon früher in Auftrag gegeben hat, ist mir ein Rätsel“, kritisiert SPD-Politikerin Mittag.

Ablehnend gegenüber der lokalen Betäubung äußert sich die Bundestierärztekammer. „Anästhesie gehört nicht in Laienhand“, betont der Verband. Tierärzte müssten die Betäubung vornehmen, nicht die Landwirte. Durch die Spritze in den Hodensack würde das Tier zusätzlich leiden. Den vierten Weg als schmerzfrei zu bezeichnen, lässt sich laut Bundestierärztekammer nicht wissenschaftlich belegen.

In der Humanmedizin ist die lokale Betäubung längst normal

Nicht alle Ärzte sehen das so. In der Humanmedizin werde die Lokalanästhesie tausendfach angewendet, erklärt der Münchener Chirurg und Klinikdirektor Helmut Friess. „Die Methode ist sehr effizient. Der Schmerz wird komplett ausgeschaltet.“ Beim Zahnarzt bekommt nahezu jeder Patient eine lokale Betäubung. Die Aufregung um eine Zulassung bei Ferkelkastrationen versteht der Mediziner nicht.

Ebenso Andreas Randt, Geschäftsführer und tierärztlicher Leiter des Tiergesundheitsdienstes Bayern. Er hält es für falsch, Bauern als Laien zu bezeichnen. „Die Bauern haben ein Gespür für ihre Tiere, sie wissen, was ihnen guttut oder missfällt.“ Wird der Landwirt entsprechend geschult, sei das Risiko, dass bei einer Lokalanästhesie was schiefläuft, ähnlich gering wie bei der Injektion durch den Tierarzt.

Die Vollnarkose stellt die Bauern vor eine Herausforderung

Die kleinen bis mittelständischen Betriebe trifft die Gesetzesänderung besonders hart. Denn die Kastration unter Vollnarkose stellt die Bauern vor eine Herausforderung – nicht nur finanziell. Zum Beispiel muss ein Tierarzt vor Ort sein, um die Narkose einzuleiten. Aber auf dem Land ist meist ein Tierarzt für mehrere Höfe zuständig. Müssen alle Bauern auf die Vollnarkose zurückgreifen, reicht die Zahl der Mediziner nicht aus.

Schon jetzt beziehen viele Schweinemäster ihre Ferkel aus Dänemark und den Niederlanden. Dänische Ferkelerzeuger dürfen ihre Ferkel lokal betäuben, die Niederländer nutzen übergangsweise CO2 als Narkosegas. Beides ist in Deutschland bislang verboten. „Die profitieren davon, wenn die lokale Betäubung bei uns nicht zugelassen wird“, sagt Landwirt Mederle. Genau wie die Agrarfabriken, gegen die alle schimpfen. Denn für die großen Betriebe sei die Umstellung kein Problem. Sie hätten das Geld und eigene Tierärzte. „Die bäuerlichen Betriebe nicht. Wir fühlen uns von der Politik alleingelassen.“

Dänische Ferkelzüchter können von dem neuen Gesetz profitieren

In Dänemark herrsche beim Tierschutz ein geringerer Standard, sagt SPD-Politikerin Mittag. „Ich bin froh darüber, dass unser Tierschutzgesetz an dieser Stelle so eindeutig ist.“ Allerdings sieht auch sie die Gefahr, dass Sauenhalter hier aufgeben, weil sie mit den Preisen nicht mehr mithalten können.

Bewahrheitet sich die Befürchtung, werden künftig noch mehr Ferkel aus dem Ausland nach Deutschland gekarrt. „Tausende Kilometer“, sagt Bauer Mederle und schüttelt den Kopf. Was das noch mit Tierschutz zu tun habe, fragt er sich. Der Ferkelzüchter wird still, wenn er an die Zukunft denkt. „Ich habe immer gehofft, dass uns der vierte Weg rettet.“

Jetzt rechnet der 62-Jährige, muss überlegen, ob sich die Tierhaltung noch rentiert. „Aber so einen Betrieb gibt man nicht einfach auf.“ Er holt tief Luft. „Das schmerzt.“

1981 übernimmt Berthold Mederle den Hof seines Vater. Später soll sein Sohn Stephan den Betrieb übernehmen. Ob sich die Tierhaltung so lange noch rentiert, weiß die Familie nicht.
Bild: Judith Roderfeld

Fleisch von geimpften Ebern findet keine Abnehmer

Nicht nur ihn. Vielen Ferkelerzeugern geht es jetzt ähnlich. Landwirt Mederle hat die Kontakte. Als Vorsitzender des Ferkelerzeugerrings Schwaben kann er sich vorstellen, wie viele Bauern jetzt überlegen, aufzuhören. Ohnehin sinke die Zahl der Betriebe stetig. Gerade, wenn neue Auflagen kämen. Wie 2013 die Gruppenhaltung zum Beispiel. Der Wartestall, in dem trächtige Sauen für einen bestimmten Zeitraum zusammen gehalten werden müssen, hat die Familie aus Hafenreut eine Viertelmillion Euro gekostet. Doch, sagt Mederle, sie seien bereit, sich an neue Vorgaben zu halten. „Wenn es eine konkrete Lösung gibt, die umsetzbar ist.“ Diesmal gäbe es sie nicht.

Würden ihm die Schweinemäster unkastrierte Ferkel abkaufen, wäre das für alle das Einfachste. „Wir kastrieren ja nicht gerne.“ Aber keiner wolle das Fleisch eines Ebers. Tiere, die gegen den Geruch geimpft werden, ebenfalls nicht. Vermutet wird, dass der Verbraucher Fleisch von geimpften Tieren nicht akzeptiert. „Die Immunokastration hätte schon länger beworben werden können, die Praxistauglichkeit für den Landwirt ist da vorhanden“, erklärt SPD-Politikerin Mittag. „Frau Klöckners Vorgänger hätte da schon früh alle Akteure an einen Tisch holen und klarmachen müssen, dass es keinen Weg zurück gibt.“

Bauern hoffen noch auf einen Aufschub durch den Bundestag

Die bäuerlichen Betriebe hoffen für einen Aufschub nun auf den Bundestag. CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner könnte einen neuen Gesetzesvorschlag vorlegen. Bislang halte sie sich damit aber bedeckt, sagt SPD-Politikerin Mittag. Dabei sei erforderlich, die bestehenden Methoden zur Kastration praxistauglich zu machen. Zum Beispiel, indem Landwirte ihre Ferkel selbst in Vollnarkose setzen dürfen.

Bauer Mederle traut sich zu, seine Ferkel selbst zu betäuben. Seit 1981 führt er den Betrieb seines Vaters. Vor einigen Jahren baut die Familie Mederle weitere Ställe, kauft einen anderen Betrieb auf, vergrößert sich – um davon leben zu können. Ganz geht das aber ohnehin nicht mehr. Zu niedrig ist der Preis, den Ferkelerzeuger für ihre Tiere kriegen. Zu niedrig der Preis, den Verbraucher bereit sind, für ihr Fleisch zu zahlen. „Meine Frau arbeitet zwei Tage die Woche“, sagt der Landwirt. Er selbst ist jeden Tag auf dem Hof.

Jetzt ist Mederle 62. Irgendwann übernimmt sein Sohn Stephan. Nebenan steht schon das neue Haus. Der 32-Jährige lebt dort mit seiner Frau. Im Dezember werden die beiden Eltern. „Der Betrieb ist der Zukunftsplan für unseren Junior.“

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