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Exklusiv-Interview

08.05.2018

Kirchenkritiker Flügge: "Katholikentag ist Geldverschwendung"

Katholikentage – wie der im Jahr 2014 in Regensburg – sind Großevents. Erik Flügge findet: Das Geld, das die Kirche für diese ausgibt, wäre besser in der Seelsorge investiert.
Bild: Armin Weigel, dpa (Archiv)

Der katholische Bestseller-Autor Erik Flügge hält nichts von der Großveranstaltung. Um die Kirche zu retten, fordert er eine Revolution.

Herr Flügge, Sie sind SPD-Mitglied und Mitglied der katholischen Kirche. Haben Sie ein Faible für Organisationen, die in der Krise stecken?

Erik Flügge: In der Tat. Aber ich glaube: Sowohl die SPD als auch die katholische Kirche erfüllen wichtige Funktionen für die Gesellschaft. Sie prägen unsere Gesellschaft, sie tun ihr gut. Es ist ein Drama, dass beide gerade so schwächeln. Das Schlimme daran ist: Das Problem ist in beiden Fällen hausgemacht.

Leiden Sie an der SPD und an der katholischen Kirche und deren fortwährenden inneren Richtungskämpfen?

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Flügge: In der SPD kann ich als Mitglied zumindest Einfluss nehmen auf den Kurs der Partei. Da ich kein Priester bin, kann ich das in meiner katholischen Kirche nicht. Ich kann nur Thesen zur Debatte stellen.

Wie ist Ihre These zum Katholikentag, der am Mittwoch in Münster beginnt – und auf dem Sie sein werden?

Flügge: Für mich ist der Katholikentag eine brutale Geldverschwendung.

Nach Veranstalterangaben kostet er etwa 9,3 Millionen Euro. Gut zwei Drittel davon trägt die Kirche selbst.

Flügge: Mich stört: Die Leute, die dort hingehen, sind doch ohnehin bereits in der Kirche engagiert. Und noch schlimmer: In Münster werden auch Tausende Kirchenmitarbeiter herumlaufen – in ihrer Arbeitszeit. Diese Personalkosten wären besser in der Seelsorge investiert, nicht in dieser Selbstbespaßung.

Sind Sie da nicht sehr ungerecht? Ein Katholikentag ist auch eine Standortbestimmung mit Signalwirkung: Wir sind Kirche und dafür stehen wir!

Flügge: Der Katholikentag könnte tatsächlich einen Wert haben, wenn er wuchtige Impulse für eine Veränderung der Kirche geben würde.

Das tut er nicht?

Flügge: Nein. Von den vergangenen Katholikentagen ist die Botschaft ausgegangen, dass alles gleich bleibt. Oder dass man noch mehr um sich selbst kreist.

Seit Monaten wird darüber diskutiert, ob der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Volker Münz, an einer Podiumsdiskussion des Katholikentags teilnehmen sollte.

Flügge: Dies wird den Katholikentag komplett überlagern. Es wird in der öffentlichen Diskussion darum gehen: Wie stark wird die AfD in Münster provozieren – und wie unfähig wird der Katholizismus sein, mit dieser Provokation umzugehen? Der Katholikentag wird die gleiche Debatte abbilden, die täglich bundesweit über die AfD geführt wird. Gestern regte man sich über Beatrix von Storch auf, auf dem Katholikentag wird man sich über Münz aufregen und morgen über einen anderen AfD-Politiker. Muss die Kirche wirklich so viel Geld, Zeit und Personal in die Frage investieren, wie man mit der AfD umgehen sollte?

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken veranstaltet den Katholikentag. Dessen Präsident Thomas Sternberg verteidigte die Einladung von Münz im Interview mit unserer Redaktion: Die Podiumsveranstaltung sei richtig, das Ignorieren der AfD würde deren Mitgliedern nur die Möglichkeit bieten, sich als Märtyrer zu stilisieren.

Flügge: Er macht einen Riesenfehler: Nicht, weil man Angst davor haben sollte, mit der AfD zu diskutieren. Der Fehler ist, dass die Debatte über dieses eine Podium eben alles überlagert. Außer er hat Glück, und es geht ausschließlich um Markus Söders Kreuz-Anordnung. Aber auch das wäre ein Thema, das Herr Sternberg nicht selbst gesetzt hat.

Aber Münz ist doch nicht allein auf der Bühne. Mit ihm werden die kirchenpolitischen Sprecher aller im Bundestag vertretenen Parteien auftreten.

Flügge: Die ändern doch nichts daran, dass alle Medien auf die Provokationen von Münz drauf springen werden. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken wollte mutig sein, hat aber mit dieser Einladung nur dafür gesorgt, dass seine eigenen Thesen untergehen.

Sollten Katholikentage also abgeschafft werden?

Flügge: Die katholische Kirche muss umdenken: Sie muss sich nach dem allergrößten Anteil ihrer Mitglieder ausrichten – und das sind eben nicht die zehn Prozent, die zu einem Katholikentag gehen oder am Sonntag in die Kirche. Die zehn Prozent der aktiven Kirchenmitglieder verbrauchen das gesamte Geld, die gesamten Personalressourcen der Kirche – während die übrigen 90 Prozent der Kirchenmitglieder nichts davon abbekommen.

So schreiben Sie das auch in Ihrem neuen Buch „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“. Irritiert es Sie dabei nicht, dass diese mutmaßlichen 90 Prozent die kirchlichen Angebote gar nicht so intensiv wahrnehmen? Nicht umsonst sind die Kirchen leer…

Flügge: Aber sie treten nicht aus! Und wenn man die Ausgetretenen befragt, dann sagen die: Ich habe von meiner Kirche nichts mehr gehört, ich bin ihr offensichtlich egal. Mein Co-Autor David Holte erzählte mir, wie aufwendig sein Austritt aus der Kirche war. Er musste erst recherchieren, wie es geht, musste dann zum Amtsgericht, musste 30 Euro zahlen. Er sagte: „Ich habe mehr Zeit in meinen Kirchenaustritt investiert als meine Kirche in mich.“ Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Eine solche Kirche hat es verdient, wenn ihre Mitglieder austreten.

Das ist hart.

Flügge: Das mag hart klingen. Doch wenn die Menschen nicht mehr in die Kirche kommen, dann muss die Kirche eben sagen: Wir nehmen alle unsere Priester, unsere Mitarbeiter – und gehen zu den Menschen, klingeln an ihren Haustüren. Wir brauchen eine Kirche, die aufhört zu warten, bis jemand zu ihr kommt.

Wie soll das denn mit immer weniger Priestern funktionieren?

Flügge: Dafür werden nicht unbedingt Priester benötigt. Nein, wir sollten zentrale Orte für die Gottesdienste schaffen; Orte, an denen getauft wird, an denen geheiratet wird. Die restlichen Kirchenmitarbeiter sollten nach draußen an die Haustüren. Das wäre eine Revolution. Es braucht doch keine großen, leeren Gotteshäuser, sondern mehr Gebete in den Wohnzimmern. Das wäre dann auch nah am frühen Christentum. Die katholische Kirche ist zu einer riesigen Immobilienverwaltung geworden. Der Auftrag von Jesus war aber nie: Schafft Häuser!

Die Zeugen Jehovas gehen auch von Haustür zu Haustür.

Flügge: Die Zeugen Jehovas versuchen, fremde Menschen zu missionieren. Kirchliche Mitarbeiter würden dagegen bei einem Mitglied der katholischen Kirche klingeln. Ich glaube, das stört die Menschen nicht. Dazu gibt es Erhebungen und bereits Erfahrungen in den Bistümern: Die Menschen zeigen sich aufgeschlossen. Sie wünschen sich persönliche Ansprache und ein moderneres Erscheinungsbild der Kirche. Übrigens haben auch Haustür-Besuche politischer Parteien starke Wirkungen auf das Wahlverhalten.

Zur Person: Erik Flügge wurde 1986 in Backnang in Baden-Württemberg geboren. Als Politikberater begleitete er unter anderem Wahlkämpfe des niedersächsischen SPD-Spitzenpolitikers Stephan Weil. Flügge war Ideengeber für das Projekt „Valerie und der Priester“, das 2016 und 2017 zu einem der erfolgreichsten Angebote der deutschen katholischen Kirche im Internet wurde. Sein Buch „Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ wurde 2016 zum Spiegel-Bestseller. Sein neues Buch erscheint an diesem Dienstag im Verlag Herder (80 Seiten, 8 Euro).

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