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Augsburg

10.09.2014

Kleine gegen große Entbindungsstation: Die Situation am Josefinum

Das Josefinum in Augsburg ist oft die erste Wahl der werdenden Mütter. Wichtig ist ihnen die persönlich-ärztliche Betreuung vor und nach der Geburt und die Ruhe im Haus.
Bild: Martin Gerten (dpa)

In kleinen Krankenhäusern schließen immer mehr Entbindungsstationen. Viele Frauen entscheiden sich aber bewusst für ein großes Hospital - wie für das Augsburger Josefinum.

Bei den einen dauert es nur noch eine Woche, bei den anderen fast noch einen Monat. Den 15 Frauen, die in einem schlichten Raum eines nicht minder schlichten Gebäudes im Augsburger Stadtteil Oberhausen im Kreis zusammen sitzen, steht die Geburt ihres Kindes bevor. Nur eine weiß, was auf sie zukommt, sie hat vor zwei Jahren einen Sohn entbunden. Die anderen haben noch Fragen an Susanne Keller, die Leitende Hebamme der Frauenklinik Josefinum.

Sie ist die persönliche Ansprechpartnerin der werdenden Mütter und erklärt nicht nur, dass sie bei einer normalen Geburt innerhalb von drei und nach einem Kaiserschnitt nach bis zu sieben Tagen nach Hause dürfen. Sie nimmt ihnen vor allem die Angst und vermittelt das Gefühl: Das wird schon. Ein Grund, warum sich die Frauen für das Josefinum und nicht für eine kleine Klinik entschieden haben. Wie sich auch so viele andere im Land für große Häuser entscheiden.

Im Josefinum sind die Ärzte rund um die Uhr einsatzbereit

Die Teilnehmerinnen des Vorbereitungskurses haben in den vergangenen Wochen auf Isomatten sitzend oder auch stehend gelernt, wie sie richtig atmen, wenn die Wehen kommen. Sie haben gelernt, was in die Reisetasche gehört, bevor sich das Baby ankündigt. Und sie haben erfahren, dass ihnen das Josefinum als eine der zehn größten Geburtskliniken in Deutschland bei ziemlich jeder Komplikation helfen wird, die vor, während oder nach der Entbindung auftreten kann. Auch das ist ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Grund, warum die Frauen jetzt hier sind. Nicole Schwarz aus Gersthofen und Rosaria Carita aus Augsburg sind zwei von ihnen.

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Für Letztere spielt es schon eine Rolle, dass sie selbst im Josefinum auf die Welt gekommen ist. „Für Augsburger ist es irgendwie selbstverständlich, hier zu entbinden“, sagt die 30-Jährige. „Aber auch die Sicherheit ist mir wichtig.“ Denn es gibt Fachärzte, die rund um die Uhr eingreifen können. Es gibt eine eigene Intensivstation für Kinder, die zu früh geboren werden. Und in einer speziellen Abteilung können schon vor dem Notfall schwierige Schwangerschaften diagnostiziert werden. „Es ist schade, dass kleine Geburtsstationen schließen“, sagt Nicole Schwarz, 31. „Aber bei dem Gedanken, dass man dort nicht so versorgt ist wie hier, wird einem anders.“

Bis zu 15 Entbindungen am Tag werden im Josefinum vorgenommen

Die beiden Frauen und die übrigen Teilnehmerinnen des Vorbereitungskurses wird Hebamme Susanne Keller bei der Geburt begleiten. Es ist eine Besonderheit des Josefinums, dass Schwangere sich aus einem Beleghebammen-Team zwei aussuchen, die ihnen sympathisch sind. So entsteht in der Klinik, in der es mit fast 2.800 Geburten allein im vergangenen Jahr und bis zu 15 Entbindungen am Tag hektisch zugehen kann, etwas Persönliches. Ein wenig hektisch geht es tatsächlich zu, als Susanne Keller nach dem Kurs ihren eigentlichen Dienst antritt. Dazu muss sie nur ein Haus weiter gehen. Die Frauenklinik ist in einem modernen Zweckbau gegenüber des Hauptbaus untergebracht, der komplett erneuert wird und in dem fast ständig das Gedröhne der Baumaschinen zu hören ist. Der Lärm reicht aber nicht bis zur Frauenklinik hinüber.

In der Hebammen- und Schwesternstation des dortigen Kreißsaals stehen auf einer Tafel bereits elf Namen von Frauen, die in den nächsten Stunden ihr Kind zur Welt bringen. Wird ein Name gestrichen, wird bald schon der nächste ergänzt. Immer wieder schauen Hebammen, Pflegepersonal und Ärzte nach den Patientinnen. Zwischendurch werden Krankenakten ausgefüllt und Anrufe entgegengenommen. Vom Mittagessen kann Susanne Keller nur zwischendurch einen Bissen nehmen. Die Frauen gehen vor.

Der Vorteil von kleine Geburtsstationen ist die Ruhe

Geregelte Arbeitszeiten haben die 44-jährige Hebamme und ihre Kolleginnen nur in der Klinik. Ansonsten teilen sie sich ihre Zeit selbst ein und sind auch nachts abrufbereit. Anders als in kleinen Krankenhäusern reicht den Hebammen im Josefinum die Zahl der Geburten, um zusammen mit der Vor- und Nachsorge finanziell gut auszukommen. Lange Arbeitstage sind der Preis.

An anderen Standorten mit weniger Entbindungen und längeren Bereitschaftszeiten hingegen verdienen nicht nur die Hebammen, sondern auch die Belegärzte zu wenig, um allein die Haftpflichtprämie von mehreren tausend Euro zu zahlen. „Es ist furchtbar, wenn die kleinen Stationen zumachen müssen“, sagt Keller. „Denn gerade ein kleines Haus kann einem viel Ruhe geben. Und ein Konkurrenzdenken zwischen Kliniken, so wie es früher der Fall war, gibt es nicht mehr.“

Deshalb kooperieren kleinere Geburtsstationen mit dem Josefinum oder auch dem Zentralklinikum, wo ein Baby-Notarzt stationiert ist. Er bringt etwa Frühchen mit einem Spezialfahrzeug nach Augsburg, wo die Kinder besser versorgt sind. Gerade die kleinen Häuser versuchen, mit liebevoll gestalteten Räumen oder Angeboten bis hin zur Wassergeburt oder Rückenschule besonders attraktiv zu sein und setzen auf die persönliche Atmosphäre. Für schwierige Entbindungen sind sie aber meist nicht gerüstet, weshalb sich viele Frauen von vornherein für ein medizinisches Zentrum entscheiden. Das bringt kleine Hospitäler zusehends in Schwierigkeiten.

Immer mehr Entbindungsstationen in Krankenhäusern müssen schließen

Im Vergleich zum Norden und Osten der Republik ist Bayern zwar noch größtenteils gut versorgt. Aber etwa in Wertingen, eine halbe Autostunde von Augsburg entfernt, musste das Krankenhaus seine Entbindungsstation schließen. Es fanden sich keine neuen Belegärzte mehr. Andere Häuser haben zwar mit ihrer Spezialisierung auf die familiäre Geburt Erfolg, wie das Beispiel Friedberg mit 600 Entbindungen im Jahr zeigt. Es gibt aber auch viele wie Aichach, Bobingen oder Schwabmünchen, die sich mit dem gleichen Konzept mit rund 200 bis 300 Geburten schwerer tun. Aus eigener Kraft könnten sie kaum mehr tun, als die Auslastung stabil zu halten, erklärt der Vorstand der Wertachkliniken Schwabmünchen und Bobingen, Martin Gösele: „Über kurz oder lang werden sich unsere Gesellschaft und unsere Politik entscheiden müssen, wie viel ihnen eine medizinisch hochwertige, wohnortnahe Geburtshilfe wert ist.“

Natalie Ackermann aus Augsburg ist sie viel wert. Die 32-Jährige hat erst vor wenigen Tagen in Bobingen Töchterchen Emilia zur Welt gebracht und ist begeistert, wie sie in der Klinik umsorgt wurde: „Ich hatte gar nicht das Gefühl, in einem Krankenhaus zu sein.“ Sie kennt zwar Frauen, die sich für ein großes Hospital entschieden haben. Doch das Persönliche hat für Ackermann den Ausschlag für Bobingen gegeben. Zumal ihr die Gewissheit, dass in einem Notfall der Baby-Notarzt kommt, die Angst vor möglichen Komplikationen genommen hat.

Dieses Risiko bestand bei Marina Mayr aus Leitershofen, das direkt an Augsburg grenzt. In einem früheren Stadium der Schwangerschaft war zu befürchten gewesen, dass das Kind schon in der 24. Woche zur Welt kommen könnte – normal ist die Zeit um die 40. Woche. Als sich später aber abzeichnete, dass die Geburt doch ohne Probleme verlaufen könnte, entschied sich die 35-Jährige trotz des Restrisikos für Bobingen. Auch sie fand es beruhigend, dass im Notfall eine schnelle Verlegung nach Augsburg möglich wäre. „Ich weiß nicht, ob man sich dort so gut und so persönlich um uns kümmern könnte wie in Bobingen“, sagt Mayr, deren Kind im Dezember geboren wurde. „Aber wichtig ist doch, dass man sich überhaupt entscheiden kann.“

Für schwangere Frauen spielt die Sicherheit eine große Rolle

Dieser Meinung ist auch Dr. Roman Steierl, der Chefarzt der Frauenklinik am Josefinum. „Ich bin kein Freund der Zentralisierung“, sagt der Mediziner, dem eine wohnortnahe Versorgung wichtig ist. Er sagt aber auch, dass die Zentren aus medizinischer Sicht nötig seien. „Zumindest die Erstversorgung von Mutter und Kind ist auch draußen in einer ländlichen Klinik gewährleistet, aber die Zeit kann dort für den Arzt lang werden, bis beispielsweise der Baby-Notarzt kommt und übernimmt.“ Zudem beobachtet er, dass der Anspruch der Patienten an die eigene Sicherheit und die des Nachwuchses immer weiter steigt.

Das kann Claudia Dörle für sich bestätigen. Die 39-Jährige hat im Josefinum ihr viertes Kind Antonia entbunden, obwohl sie aus Langenneufnach kommt, das näher an Bobingen liegt. Abgesehen davon wollte sie, dass Augsburg in der Geburtsurkunde steht, weil sie selbst gebürtige Augsburgerin ist.

Hingegen spielte für Anja Geisenberger bei der Geburt ihres ersten Kindes Jakob die Sicherheit mit Abstand die größte Rolle. „Mir war wichtig, dass mein Kind und ich im Notfall gut versorgt sind“, sagt die 32-Jährige aus Hirblingen an der Augsburger Stadtgrenze.

Das Josefinum wir den Geburtenrekord in diesem Jahr brechen

Einen solchen Notfall hat Janine Benth erlebt. Sie hatte sich Donauwörth für die Entbindung ausgesucht, nach einem Blasensprung wurde sie aber mit dem Rettungswagen ins Josefinum gebracht. In der 27. Woche der Schwangerschaft kam ihr Sohn mit einem Gewicht von nur 960 Gramm auf die Welt. Gut zwei Monate ist das her. Monate, in denen die 29-Jährige und ihr Lebensgefährte sehr viel Zeit in der Frühchenabteilung mit ihrem ersten Kind verbracht haben. Inzwischen wiegt es fast zwei Kilogramm und soll bald die Station verlassen können. „Man hat sich so gut um uns gekümmert, da würden wir uns jetzt wohl direkt für ein so großes Haus entscheiden“, sagt Benth.

Auf der Geburtsstation ist nach einer kurzen Verschnaufpause nun wieder jeder Kreißsaal belegt. Zeit, sich die Geschenke anzuschauen, die Mütter und Väter vorbeibringen, bleibt den Hebammen trotzdem. Vor allem Blumen und Schokolade liegen auf dem Tisch im Stationszimmer, aber auch viele Bilder von Kindern. Babys wird es in der Klinik in diesem Jahr wohl noch mehr geben als im vergangenen, als fast 2.800 Geburten ein Rekord waren. Jetzt könnten es 2.900 werden. Da stößt selbst das Josefinum fast an die Grenzen der Zentralisierung.

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