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Der Hunger ist die Wurzel allen Übels - und kann besiegt werden

Kommentar Von Bernhard Junginger
14.10.2021

Der Befund der Welthungerhilfe muss die Politik endlich wachrütteln. Ohne eine bessere Ernährungssituation werden sich andere Probleme wie der Klimawandel nicht lösen.

Es ist ein Armutszeugnis im engsten Wortsinn, das die Welthungerhilfe den reichen Staaten der Erde, Deutschland eingeschlossen, ausstellt: Mehr als 800 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen, mehr als 40 Millionen darben sogar am Rande einer Hungersnot. Von dem verbindlichen Ziel der Vereinten Nationen, den Hunger bis zum Jahr 2030 zu besiegen, ist die Weltgemeinschaft so weit entfernt wie lange nicht mehr. Für eine Menschheit, deren reichste Vertreter zum Vergnügen ins All fliegen, ist es eine Schande, dass es bei Abermillionen nicht einmal für eine Handvoll Reis oder eine Schale Bohnenmus am Tag reicht. Dabei kann die Erde ihre Bewohner nachweislich ernähren. Den Hunger zu beenden wäre möglich, würde nur einen Bruchteil etwa der weltweiten Rüstungsausgaben kosten, doch es fehlt am politischen Willen. Dabei hat gerade die Corona-Pandemie überdeutlich gezeigt, wie sehr die Menschen voneinander abhängig sind. Das Virus hat sich rasend schnell auf der Welt verbreitet und ganze Volkswirtschaften lahmgelegt.

Corona hat die Ungleichheit noch verstärkt

Viel ist darüber geredet worden, dass auch die Antworten auf diese globale Krise globaler Natur sein müssen. Doch faktisch hat sich jedes Land fast ausschließlich um sich selbst gekümmert und die Unterschiede in der Verteilung des weltweiten Wohlstands sind nur noch gravierender zutage getreten. Während in den Industrieländern die Drittimpfungen für Ältere und chronisch Kranke laufen, ist in vielen armen Ländern noch nicht einmal ein Bruchteil der Bevölkerung geimpft. Globale Versorgungsketten sind zusammengebrochen, unzählige Menschen in schwach entwickelten Ländern haben ihre Arbeit verloren, ohne dass sie auf irgendwelche Hilfe vom Staat hoffen können. Der vom Menschen verursachte Klimawandel wirkt wie ein Brandbeschleuniger der Hungerkatastrophe. Im globalen Süden wird es in ganzen Landstrichen so heiß, dass nichts mehr wächst, weder Mensch noch Tier überleben können. Aber auch im globalen Norden brennen wie in Kanada die Kornfelder oder spülen Überschwemmungen die Ernten weg. Umgekehrt verstärkt der Hunger in diesem Teufelskreis wieder den Klimawandel. Wo Menschen nichts zu essen haben, werden wertvolle Wälder abgebrannt und zu Anbauflächen, wandert selbst der letzte schattenspendende Strauch ins Kochfeuer.

Wer über Hunger spricht, muss auch über die weltweite Bevölkerungsexplosion sprechen. Vielerorts halten Fortschritte in der wirtschaftlichen Entwicklung und der Ernährungssituation nicht mit extremen Geburtenraten Schritt. Die Folgen sind gravierend: Verteilungskonflikte führen zu Kriegen, die wiederum das Elend verstärken. Ein Anschwellen der weltweiten Flüchtlingsströme und noch mehr Hungersnöte sind die Folge.

Wo Hunger herrscht, hat Fortschritt keine Chance

Doch es wäre mehr als zynisch, den Hunger nur als hausgemachtes Problem bestimmter zu schnell wachsender Länder abzutun. Die Ursachenkette ist meist eine andere: Gerade wo Hunger herrscht, sind die Geburtenraten hoch. Denn dort werden Kinder als Arbeitskräfte auf dem kargen Feld gebraucht, soll der Nachwuchs die Eltern im Alter absichern und ist die Säuglingssterblichkeit hoch. Wo dagegen Mädchen Zugang zu Bildung haben, Frauen auf Verhütungsmittel zurückgreifen können, sich gesellschaftlicher Wandel und bescheidener Wohlstand einstellen, werden in der Regel auch die Familien kleiner. Solange aber Hunger herrscht, ist jeder Fortschritt unmöglich.

Mit leerem Magen lernt es sich schlecht, wo die ganze Sorge dem nackten Überleben gelten muss, ist kein Platz für längerfristige Strategien, das Auskommen zu sichern. Jegliche Bekämpfung der weltweiten Armut muss beim Kampf gegen den Hunger ansetzen. Reiche Industrieländer wie Deutschland sind gefordert, entschieden zu handeln, schon aus Eigeninteresse und längst nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Fluchtursachenbekämpfung. Der Hunger ist die Ursache fast allen Übels auf einer Welt, auf der alle Menschen immer stärker aufeinander angewiesen sind. Die nächste Bundesregierung muss sich deshalb klar zu ihrer Verantwortung bekennen und beim Kampf für eine nachhaltige globale Ernährungssicherung vorangehen.

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15.10.2021

Schön, dass darüber geschrieben wird, aber ich fürchte, es wird sich wenig ändern. Zu groß ist der Egoismus derer, die im Überfluss leben. Lebensmittel müssen in unseren Supermärkten billigst sein, auch wenn sie einen (zu) weiten Weg hinter sich haben, Konzerne greifen gierig nach dem Land von Kleinbauern, um möglichst kostensparend und mit Gentechik maximalen Gewinn zu erzielen, der Produktion von Palmöl wird das Interesse der Menschen untergeordnet, heimische Märkte werden kaputtgemacht durch Billigimporte aus der EU (z.B. die aufstrebende Geflügelzucht in Afrika), unser Wohlstandsmüll wird exportiert und verseucht ganze Landstriche, die Klimaziele, die man sich gesteckt hat, bestehen nur auf dem Papier, Kleidung, die unter schlimmen Bedingungen hergestellt wird, ist in Europa nur ein Wegwerfartikel und auf dem Grab thront ein Grabstein, den auch Kinderhände bearbeitet haben. Das sind nur einige Beispiele. Die sog. "westliche Welt" ist gierig und wird es bleiben – man schaut einfach nicht so genau hin, wenn man ein Schnäppchen ergattert. Das gilt für beim "Shoppen" ebenso wie für das Handelsverhalten der Staaten, die eigentlich ein Interesse daran haben sollten, Misstände zu beseitigen. Denn dies wäre ein wetvoller Schritt, Konflikten in der Welt auch ohne Militär zu begegnen.

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