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Die Grünen müssen an Baerbock festhalten - gerade weil sie polarisiert

Kommentar Von Margit Hufnagel
07.07.2021

Die Kanzlerkandidatin der Grünen ist schwer beschädigt, Rufe nach Baerbocks Rückzug werden immer lauter. Doch darauf darf sich die Partei nicht einlassen.

Manche Geschichten sind so gut, dass sie fast wie ein politisches Drehbuch wirken. Zum ersten Mal überhaupt in ihrer Geschichte wagen es die Grünen, eine eigene Kanzlerkandidatin ins Rennen zu schicken. Die Anwärterin scheint perfekt: Jung, klug, weltgewandt. Größer könnte der Kontrast zwischen ihr und den so verbissen um die Macht kämpfenden Männern mittleren Alters nicht sein. Die Umfragewerte explodieren, die Begeisterung reicht weit über die eigentliche Kernwählerschaft hinaus. Doch das wahre Leben kennt nicht immer ein Happy End. Für Annalena Baerbock läuft es inzwischen so schlecht, dass selbst die grün angehauchte taz vehement ihren Rückzug fordert. Ihr Ansehen ist im Sturzflug.

Man darf davon ausgehen, dass selbst in den Büros der grünen Strategen zwischenzeitlich darüber nachgedacht wurde, ob nicht Robert Habeck der bessere Kandidat gewesen wäre. Habeck hat bewiesen, dass er Wahlen gewinnen kann. Habeck hat Regierungserfahrung. Habeck schreibt kluge Bücher. Und trotzdem wäre es ein gewaltiger Fehler, würden die Grünen nun ihre Spitzenfrau aus taktischen Gründen fallen lassen. Und das hat keineswegs nur damit zu tun, dass es schwierig ist, in einer laufenden Kampagne einen neuen Kandidaten, der immer als zweite Wahl gewertet werden wird, aufzubauen.

Der harte Gegenwind zeigt, wie gefährlich Baerbock für ihre Gegner ist

Dass Baerbock in einem ohnehin von hoher Nervosität geprägten Wahlkampf derart unter Beschuss geraten ist, zeugt doch auch davon, wie sehr sie von ihren Gegnern als Gefahr eingestuft wird. Während der Sozialdemokrat Olaf Scholz beinahe von der Öffentlichkeit unbemerkt durch die Republik tingeln kann, um für sich und seine Partei zu werben, wird bei der Grünen-Kandidatin jede Regung mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt. Denn Gegnern wie Unterstützern war klar: Wenn jemand das Selbstbewusstsein der Union herausfordern konnte, dann war das (entgegen deren eigener Selbstwahrnehmung) nicht die SPD, sondern Baerbock.

Niemand polarisiert so stark wie die 40-Jährige. Von den einen wird sie verehrt, von den anderen verachtet. Das mobilisiert. Alleine durch ihre Person stand sie für ein Versprechen auf Veränderung, war sie die perfekte Gegenspielerin zur Union – eine ähnliche Euphorie hätte Habeck nie auslösen können, auch wenn er beliebt bei vielen Menschen ist. Wer glaubt, dass er unfallfrei durch das Wahlkampfgewitter gezogen wäre, unterschätzt zudem die Dynamik solcher Prozesse. Schon mit seinen Wissenslücken zur Finanzaufsicht Bafin und zur Pendlerpauschale zeigte er, dass auch er ein Kandidat mit Angriffsfläche geworden wäre. Nur, dass diese Schwächen vor dem Wahlkampf noch nicht so schwer wogen und Habeck mit eher harmlosem Spott davonkam.

Baerbock würde als tragische Figur enden, wie einst Martin Schulz

So hart es auch sein mag: Die Grünen müssen jetzt durchhalten, wollen sie sich als ernst zu nehmende Partei im deutschen Machtgefüge beweisen. Das heißt nicht, dass es mit einem „Augen zu und durch“ getan sein wird. Wenn es den Grünen nicht gelingt, den Blick zurück auf Themen zu lenken und weniger auf ihr bequemes Alleinstellungsmerkmal „Frau + jung + modern“, kann die Partei froh sein, im Herbst noch auf den dritten Platz zu kommen.

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Stoßen die Grünen Baerbock jetzt aber vom Thron, wird deren politische Karriere jäh beendet sein. Derart beschädigt könnte sie im Falle eines Regierungseintritts noch nicht einmal mehr ein Ministeramt übernehmen. Ähnlich wie einst Martin Schulz würde sie als tragische Figur in die Erzählungen eingehen - Drehbuch-Vorlagen gibt es also bereits. Die Kanzlerkandidatin muss deshalb beweisen, dass sie stark genug ist, den Gegenwind auszuhalten.

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Die Diskussion ist geschlossen.

08.07.2021

>> ... und den so verbissen um die Macht kämpfenden Männern mittleren Alters nicht sein. <<

Einfach Leistung bringen und nicht nur abschreiben, dann klappt es auch mit der Anerkennung und es braucht keine pauschalen Herabwürdigungen ;-)

>> Niemand polarisiert so stark wie die 40-Jährige. Von den einen wird sie verehrt, von den anderen verachtet. <<

Für die Verachtung hat sie ganz überwiegend selbst mit ihrem Buch und dem Umgang mit der berechtigten Kritik gesorgt.

Es ist Zeit für Verantwortung statt für Spaltung - und darum wird der neue Kanzler auch Laschet heißen ;-)

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08.07.2021

Nein, für die Verachtung brauchte sie nicht zu sorgen. Die Verachtung aus den hier höhnisch kommentierenden Kreisen war zuerst da und es wird nun seit ihrer Kanditatur krampfhaft ein Skandal nach dem anderen konstruiert. All diese Fehler sind lächerlich im Vergleich zu den moralisch und teilweise auch rechtlich zweifelhaften Machenschaften der bisherigen Regierenden. (Mautdebakel, Wirecard, Maskendeals etc.)

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08.07.2021

"Es ist Zeit für Verantwortung statt für Spaltung - und darum wird der neue Kanzler auch Laschet heißen ;-)"

Ausgerechnet dieser Vollversager (Tönnies) und Notenfälscher Laschet. Hoffentlich nicht…

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07.07.2021

Also das Wort "klug" sollten Sie in Ihrer Bewertung vielleicht streichen?

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07.07.2021

Natürlich sollten sie an ihr festhalten. Denn das Ziel ist doch definitiv einstellig. :D

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07.07.2021

Natürlich müssen sie an ihr festhalten. Für Deutschlöand wäre ein Nichtfesthalten nur von Voirteil - das würde die Grünnen sicherlich unter die 10%-Marke drücken. So werden vielleicht ein paar Prozentpunkte mehr.

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