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Scholz kündigt weitere Waffenlieferungen an – USA verstärken Truppen
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Joe Bidens Abzugspläne sind so nachvollziehbar wie gefährlich

Kommentar Von Simon Kaminski
18.04.2021

Der US-Präsident Joe Biden will seine Truppen bis September aus Afghanistan abziehen. Auf Bedingungen für die Taliban verzichtet er. Dahinter steckt ein Strategiewechsel.

Voll auf dem falschen Fuß erwischt. Sichtlich irritiert waren die Europäer, als US-Präsident Joe Biden am Mittwoch den Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan bis zum 11. September erklärte, ohne ihn an Bedingungen für die Taliban zu knüpfen. Entsprechend fiel die erste Reaktion von Nato-Chef Jens Stoltenberg oder dem deutschen Außenminister Heiko Maas aus: dröhnendes Schweigen. Dann die Versicherung an Kabul, man werde das Land auch in Zukunft nicht alleine lassen. Was man so sagt, wenn man aufkommende Nervosität nicht noch verstärken will.

Allen dürfte klar sein, dass Bidens Vorstoß eine gefährliche Wette ist. Die drohende Rückkehr der Taliban löst gerade unter Frauen und jungen Afghanen, die Geschmack an neuen Spielräumen und Rechten gefunden haben, blanke Verzweiflung oder Panik aus.

Bekannt ist, dass Biden den Militäreinsatz schon seit Jahren mit wachsender Skepsis verfolgt. In dieser Frage ist er nicht weit weg von seinem Vorgänger Donald Trump. Eine bittere Gleichung dürfte ihn bestärkt haben, Fakten zu schaffen: Zwei Jahrzehnte Krieg, 2400 gefallene US-Soldaten bei Kosten von rund 2000 Milliarden Dollar ergeben: Der Konflikt in Afghanistan bleibt weiter ungelöst. .

US-Präsident Joe Biden hat andere Prioritäten

Der Präsident setzt andere Prioritäten. Mit billionenschweren Investitionen will er Corona besiegen, die marode Infrastruktur abgehängter Regionen in den USA ins 21. Jahrhundert katapultieren, Prosperität und Arbeitsplätze schaffen. So hofft er, die Spaltung des Landes zu mildern. Der teure und in der Bevölkerung extrem unpopuläre Einsatz am Hindukusch stört da nur. Außenpolitisch liegt Bidens Fokus darauf, China und Russland in die Schranken zu weisen – die eine Macht aufstrebend und aggressiv, die andere aggressiv, weil sie eben nicht vorankommt.

Zudem argumentiert Präsident Biden, dass es gelungen sei, zu verhindern, dass die USA und die Nato-Länder von Afghanistan aus durch Terroristen bedroht werden – genau das sei Ziel der Mission gewesen.

Seit 20 Jahren kämpfen US-Soldaten in Afghanistan. Im Herbst sollen die Truppen endgültig das Land verlassen haben.
Foto: Dave Martin, AP, dpa

Den Afghanen wurde nach dem Sieg gegen die Taliban (zu) viel versprochen

Das aber ist nicht aufrichtig. Denn nach dem Sieg der Allianz und dem Sturz der Taliban-Regierung im Herbst 2001 wurde der Bevölkerung (zu) viel versprochen: Wir befreien euch endgültig von den Steinzeit-Fundamentalisten, wir bringen westliche Werte, nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung und Stabilität. Davon ist nur wenig übrig geblieben. Wieder einmal zeigt sich, dass der Export von Demokratie ein Kunststück ist, das nur äußerst selten gelingt.

Dass das Land 20 Jahre nach der Intervention des Westens derart in Gewalt, Kriminalität und Korruption versinken würde, hatten allerdings auch notorische Pessimisten nicht erwartet. Einen Anteil an diesem Desaster haben die afghanischen Eliten, die kläglich versagten, als es darum ging, die gigantische finanzielle Unterstützung effektiv zu nutzen. Viele Politiker waren weit kreativer darin, Hilfsgelder in die eigene Tasche umzuleiten.

Anteil an dem Desaster haben auch die afghanischen Eliten

Natürlich wurde auch – nicht zuletzt durch Hilfsprojekte nichtstaatlicher Organisationen – einiges erreicht: Mehr Rechte für Frauen und Mädchen, bessere Bildung, ein Zuwachs an Meinungsfreiheit. Für Teile der Bevölkerung verbesserte sich auch die wirtschaftliche Lage sowie die Gesundheitsversorgung. Viele Afghanen haben also etwas zu verlieren. Ihnen und der afghanischen Regierung versichert der Westen jetzt, dass Finanzhilfen und Waffenlieferungen auch nach dem Abzug nicht eingestellt werden.

Doch politische und wirtschaftliche Unterstützung zu organisieren dürfte schwierig werden, wenn eines Tages ein Taliban-Politiker den Hörer im Präsidentenpalast abnehmen sollte.

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Die Diskussion ist geschlossen.

18.04.2021

Der Afghanistan Krieg war nicht erfolgreich und konnte seit 20 Jahren trotz moderner Waffen von den Ländern der Koalition gegen die Taliban in Badelatschen nicht gewonnen werden.

Der völkerrechtlich nicht gedeckte Angriff auf Afghanistan ist ein Fiasko!

Zwar waren und sind die Taliban furchtbare Islamisten aber das rechtfertigt nach dem Völkerrecht keinen Angriff auf ein anderes Land.

Es gab KEIN UN Mandat.

Präsident Bush ist nur in Afghanistan einmarschiert, um sich aus der politischen Hilflosigkeit von 9/11 zu befreien. Seine Vasallen sind treu hinterher marschiert.

Was hat es im Rückblick nun gebracht außer vielen Toten, vielen abgeworfenen Bomben?

Nichts! Die Taliban wurden nicht besiegt und sind bald wieder an der Macht. Dafür gibt es verlorene Generationen, die nun seit zwanzig Jahren im Krieg leben mussten und Millionen von Flüchtlingen, die ohne den Krieg gegen Afghanistan gar nicht nach Europa gekommen wären.

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19.04.2021

"Dafür gibt es verlorene Generationen, die nun seit zwanzig Jahren im Krieg leben mussten und Millionen von Flüchtlingen, die ohne den Krieg gegen Afghanistan gar nicht nach Europa gekommen wären. "
In Afghanistan gibt es seit 1979 durchgehend Krieg. Ausgelöst durch den sowjetrussischen Einmarsch.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetische_Intervention_in_Afghanistan

Zumindest gab es zum Einmarsch der US-geführten Streitkräfte Rückendeckung durch die UN. ;-)
https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Afghanistan_seit_2001#Resolutionen_des_Sicherheitsrates

Was das ganze aber natürlich nicht erfolgreicher macht. Nur militärischer Einsatz ohne die "Hintermänner" (hier in Pakistan) anzulangen, war noch nie ziehlführend. Abgesehen davon, dass man nicht gegen die Bevölkerung arbeiten kann und Afghanistan nicht eine homogene Bevölkerung hat. Das einzige was diese eventuell verbindet ist der Islam. Und selbst dort gibt es starke Differenzen (Sunniten/Schiiten).

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18.04.2021

In einem Land das verloren ist und es keine Wende zu erwarten gab hätte man schon vor über 10 Jahren abziehen sollen oder die Bundeswehr sich nie stationieren lassen. Außer Geld, Verletzte und Toten haben wir nichts gewonnen. Was hätten wir in Deutschland dafür alles machen können.

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18.04.2021

....nach dem Sieg der Allianz und dem Sturz der Taliban-Regierung im Herbst 2001.....

Die Taliban wurden von der Koalition nie besiegt. Und nach jedem kleineren Scharmützel machten alle Medien ein Riesengeschrei wegen Opfern unter der Zivilbevölkerung. Nun sind die Talis aber nun mal Zivilisten und keine reguläre Armee. Man hätte ihnen in der einzigen Sprache antworten müssen, die sie verstehen. Und das ist nun mal rohe und brutale Gewalt. Anders geht es nicht.

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18.04.2021

Und warum waren exakt dieselben Pläne von Trump vor etwa 1/2 Jahr nicht nachvollziehbar? Kann es sein, daß da mit 2erlei Maß gemessen wird?

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