Newsticker
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer für mehr Freiheiten schon nach erster AstraZeneca-Dosis
  1. Startseite
  2. Politik
  3. Kommentar: Lass uns ein bisschen träumen, Joe: Ein Brief an Präsident Biden

Lass uns ein bisschen träumen, Joe: Ein Brief an Präsident Biden

Kommentar Von Gregor Peter Schmitz
20.01.2021

Natürlich wird nicht einfach wieder alles gut mit Biden als US-Präsident. Aber er kann uns daran erinnern, dass Amerika immer wieder ein Comeback schaffte.

Geschichte wiederholt sich nicht, hat uns Karl Marx gelehrt. Journalisten hingegen wiederholen sich oft. Am 4. Juli letzten Jahres, zum amerikanischen Unabhängigkeitstag, haben wir einen Abschiedsbrief an die USA verfasst. Damals sah vieles noch danach aus, als werde Donald Trump wiedergewählt, die Verzweiflung war gewaltig. Wir schrieben, wie das gehen solle, einen Abschiedsbrief an jemanden verfassen, von dem man gar nicht wirklich Abschied nehmen will? Weil da immer noch so viele Gefühle sind, Zuneigung klar, aber Liebe auch, fast schon Leidenschaft, das ganz große Kino eben. Weil der Beziehungsstatus so verflixt kompliziert ist, weil man irgendwie weiß, es geht so nicht mehr weiter, aber wie soll es ohne einander gehen?

Wir haben Amerika viel zu verdanken

Nun ist der allergrößte Beziehungs-GAU nicht eingetreten, um 12 Uhr wirst Du vereidigt, lieber Joe. Also geht bei manchen von uns das Kopfkino schon wieder an, rund um unseren ganz eigenen amerikanischen Traum. Dass der Mensch aufrecht vor Königsthronen stehen kann, als Subjekt der Geschichte und nicht nur als Objekt, das haben wir auch Deinem Amerika zu verdanken, und diesen Worten in Deiner Unabhängigkeitserklärung, die so klein daherkommen und doch so Großes aussagen: Alle Menschen sind gleich geschaffen, klar, aber wie es dann weitergeht: the pursuit of happiness, das Streben nach Glück. Wow!

Auf einmal ging es also im Menschenleben nicht mehr einfach darum, sich mühsam durch den Tag zu schleppen: nein, am Ende geht es um happiness, um das Recht aufs Glücklichsein. Was mit Spaßgesellschaft völlig falsch übersetzt wäre. Das ist die DNA der Vereinigten Staaten von Amerika, lieber Joe, Deiner USA.

Du weißt natürlich, was Deine großen Vorgänger in ihren Reden alles gesagt haben. „Mitgefühl für alle“ versprach Abraham Lincoln und John F. Kennedy stand blutjung und ohne Mantel in der Kälte und gelobte, Amerika werde für die Freiheit jede Last schultern. Und dann kam ein Clown namens Trump mit seinem Gefasele vom „amerikanischen Gemetzel“, das er seinem Land vor allem selber antat...

Du musst erst einmal die Demokratie heilen

Auch wegen Trump wirst Du vieles nicht sagen können, lieber Joe. Amerikas aktuelle Schwäche ist zugleich Deine Schwäche. Du musst erst einmal die Demokratie daheim gesundstreicheln, statt sie exportieren zu können. Die Nicht-Demokraten in Moskau, Peking oder Pjöngjang, die lachen gerade über Dich, sie lachten über den Chaos-Mob im Kongress, auch darüber dass Ihr so eine Corona-Bananenrepublik seid. Und: dass rund 74 Millionen Amerikaner trotz allem Trump gewählt haben.

Aber, ach, Joe. Du kennst das ja, Dein Land war immer launisch, unberechenbar, auch grausam. Als es seine Unabhängigkeitserklärung verfasst hast, war natürlich keine Frau dabei. Es hat einen Bürgerkrieg geführt, und danach gab es zwar offiziell keine Sklaverei mehr, aber den Rassismus natürlich noch, bis heute. Es hat sich in Kriegen verloren, in Terrorwahn, in Wall-Street-Exzessen...

Amerika hat sich oft verloren - und neu gefunden

Doch Amerika kam immer wieder, wieder ein Filmgeschenk, eine wegweisende Erfindung, ein Ohrwurm...Und plötzlich war es Morning Again in America, und dann standen Amerikaner so strahlend da wie jene GI’s, die gar uns Deutsche wieder aufnahmen in der Weltgemeinschaft. Alles, was falsch ist an Amerika, kann geheilt werden durch das, was gut ist an Amerika, hat Bill Clinton gesagt. Wir wollen dieses Strahlen wieder sehen. Diesen Optimismus, den wir oft verspotten, aber heimlich lieben. Klar können wir Abschiedsbriefe an Amerika schreiben. Aber abschicken können wir die nie. Also: Lass uns ein bisschen träumen, Joe.

Lesen Sie hierzu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

20.01.2021

Ich bin mal neugierig wie lange es dauert, bis in Deutschland erkannt wird, daß Biden der US-amerikanische Präsident ist und er "first" für seine Nation, wie die meisten Staatenlenker dieser Welt, handeln wird.

Permalink
20.01.2021

Ansonsten könnte er ja morgen gleich die Sanktionen gegen North-Stream2 aufheben, wird er aber nicht machen..............

Permalink
20.01.2021

Da hat er ja schon gesagt, daß er das vermutlich nicht macht. Er will ja sein Fracking-Gas verkaufen ...

Permalink
20.01.2021

Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen first und first.

Permalink
20.01.2021

Lieber Gregor Peter Schmitz,
lassen Sie mich Ihren Kommentar vervollständigen.

Lieber Joe,
nachdem Du mittlerweile als der neue Messias gehandelt wirst, mache so weit es Dir möglich ist, auch alle Ungerechtigkeiten rückgängig, für die das hochgelobte Land Amerika verantwortlich ist, oder entschuldige Dich zumindest dafür.
Zum Beispiel verschiedene Regime-Change (-Versuche) und Kriege, wie zum Beispiel Ukraine, Libyen, Iran, Irak, Syrien, Jemen (Liste nicht vollständig).
Und ziehe doch auch BITTE alle Atomwaffen der USA aus den Ländern ab, in denen sie nichts zu suchen haben.
Dann, lieber Joe, werde ich auch an eine amerikanische Gerechtigkeit und Demokratie glauben.
Zum Beispiel verschiedene Morde, die mit der Hilfe Amerikas begangen wurden, z.B. Patrice Lumumba, Salvador Allende (Liste nicht vollständig).
Zum Beispiel die Menschenunwürdige Jagd auf Julian Assange, der es gewagt hat, Verbrechen der USA öffentlich zu machen.

Permalink
20.01.2021

Lieber Rainer Nödel,

selbstverständlich wird Joe Biden kein Messias. Er wird einen Großteil seiner Energie dafür aufbringen müssen, mit den etwa 70 Millionen Trump-WählerInnen fertig zu werden und dennoch ein paar ganz wichtige Dinge für die Corona-Bekämfung, für den Klimaschutz, für die Entschärfung von Ländern wie dem Iran, Nordkorea und Syrien, für die Verringerung der sozialen und wirtschaftlichen Benachteiligung großer Teile der US-Bevölkerung, ... zu tun.

Für die Nicht-Weiter-Verfolgung von Julian Assange ist die USA und somit jetzt Joe Biden verantwortlich. Übrigens auch für die Auflösung von Guantanamo, dem vergessenen unmenschlichen Konzentrationslager für Terrortäter oder auch nur vermeintliche Terrortäter.

Doch für die Kriege in der Ukraine und in Syrien ist das diktatorische Regime von Putin verantwortlich.

Raimund Kamm

Permalink
20.01.2021

Syrien hat der Bürgerkrieg ohne Zutun der USA angefangen. Verantwortlich ist Assad mit seinem rücksichtslosem Handeln,
Jemen????? Machen die USA gemeinsame Sache mit dem Iran? Haben die die schiitischen Rebellen aufgewiegelt und unterstützt?
In der Ukraine kämpfen russische Militärs verdeckt. Ja ich weiß, was kann man schon machen, wenn die eigenen Soldaten mit Ausrüstung dort Urlaub machen.
Irak hat der republikanische Vorgänger Trumps angefangen und damit die ganze Region destabilisiert.
Übrigens wegen der Atomwaffen leben wir seid 70 Jahre im Frieden. Schade, dass es nicht ohne ging und immer noch geht.
Na und wegen der CIA-Schweinereien wird sich Biden nicht entschuldigen können. Allende war schließlich Kommunist. Was würde das für einen Aufschrei bei den Trumpisten geben und bestärken im Hass und Wahn, wenn der "Sozialist"Biden sich dafür entschuldigen würde. Man denke nur an den Aufschrei in einigen Kreisen in Deutschland wegen Brandts Kniefall in Warschau ...

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren