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Kita-Streik

08.05.2015

Kommentar: Nur zufriedene Erzieher sind gute Erzieher

Kita-Streiks: Erzieher sollten besser entlohnt werden.
Bild: Martin Schutt (dpa)

Eltern leiden unter dem Streik des Kita-Personals. Warum es aber höchste Zeit ist, die Arbeit dieser Menschen besser zu entlohnen.

Ist es unanständig, sich mit anderen Arbeitnehmern in dieser Gesellschaft zu vergleichen? Ist es anmaßend, wenn Erzieherinnen (pardon, aber in diesem Beruf arbeiten über 90 Prozent Frauen) davon überzeugt sind, dass sie mehr verdienen müssen, dass ihre Arbeit mehr wert ist? Natürlich – da hat der Kölner Wirtschaftspsychologe Fabian Christandl schon recht – vergleichen wir uns gerne mit Leuten, die mehr verdienen als wir. Erzieherinnen messen sich mit den Lehrern. Denn warum sollten sie, die mit Kindern im Alter bis zu sechs Jahren einen Erziehungs- und Bildungsplan erfüllen, nicht die gleiche finanzielle Wertschätzung erfahren wie Lehrer? Auch ihr Auftrag lautet Erziehung und Bildung. Es ist unfair, dem Kita-Personal im Tarifstreit einen Benachteiligungskomplex vorzuwerfen?

Dass Erzieherinnen wenig bis zu wenig verdienen, ist bei den kommunalen Trägern, die jetzt bestreikt werden, bekannt. Aber nur in München bekommen sie eine Arbeitsmarktzulage in Höhe von 200 Euro. Das ist aber immer noch zu wenig, um sich ein Leben in der Großstadt leisten zu können.

Die Erzieher-Ausbildung zieht sich über fünf Jahre

Erzieherinnen gehen derzeit nicht nur wegen ihrer schlechten Bezahlung auf die Straße. Einer Studie zufolge fühlen sie sich von der Gesellschaft nicht anerkannt. Die Belastung durch den Beruf, sowohl im körperlichen als auch im emotionalen Bereich, ist sehr hoch. Zudem wissen viele nicht, was und wie viel Erzieherinnen zur Bildung der Kinder beitragen. Zu fest ist das Bild vom Kindergarten und den „Spieltanten“ in der kollektiven Vorstellung installiert. Aber: Ausschließlich gespielt und gebastelt wird in den Kitas in Stadt und Land schon lange nicht mehr.

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Die Ausbildung der Erzieherinnen ist anspruchsvoll und zieht sich über fünf Jahre hin. Zeitlich lässt sich das fast mit dem Lehrerstudium vergleichen. An der Akademie in Dillingen beispielsweise gliedert sich die Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher wie folgt: zwei Jahre sozialpädagogisches Seminar, zwei Jahre theoretische Ausbildung und ein Jahr Berufspraktikum (Anerkennungsjahr). Das mündet in einen mittleren Bildungsabschluss. Damit sitzen die Erzieherinnen in der Lohn- und Gehaltsfalle.

Die Ausbildung ist nicht mehr zeitgemäß

In vielen anderen Ländern wird die hiesige Erzieher-Ausbildung gar nicht anerkannt. Bestenfalls reicht sie für eine Assistentenstelle. Warum ist das so? Weil in Frankreich, Kanada oder in der Türkei die Ausbildung der Erzieher an den Universitäten angesiedelt ist. Das Personal, dem man die Kleinsten anvertraut, muss dort besonders qualifiziert sein.

In Zukunft wird man auch hierzulande um eine Akademisierung der Erzieherausbildung nicht herumkommen. Die Ansprüche im diagnostischen und pädagogischen Bereich an diese Berufsgruppe sind enorm. Es gilt, die Kleinen ihren Begabungen entsprechend zu fördern, Kinder mit Migrationshintergrund auf die Schule vorzubereiten und mit Eltern kompetente Gespräche zu führen.

Kampf um mehr Geld und Anerkennung

Dass die Erzieherinnen eine gute Arbeit leisten, ist unbestritten. Sie arbeiten aber an ihren Grenzen. Ihre Ausbildung stammt aus den Zeiten, da sich niemand auf dem internationalen Markt messen musste, als Migration als Thema entweder noch nicht existent war oder nicht als solches anerkannt wurde. Und frühkindliche Bildung mit unangemessenem Stress gleichgesetzt wurde. Für das Lernen war die Schule zuständig.

Heute streiken die Erzieher und kämpfen um mehr Geld und Anerkennung. Eltern leiden darunter. Aber gerade ihnen muss es am Herzen liegen, dass sie ihre Kinder in die Hände von bestausgebildeten und zufriedenen Fachleuten geben.

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