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Interview

16.11.2019

Konzernchef Richenhagen: „Donald Trumps Politik gebe ich eine Vier minus“

Martin Richenhagen hat einen deutschen und einen US-amerikanischen Pass.
Foto: Imago Images

Exklusiv Martin Richenhagen leitet den US-Landtechnikkonzern AGCO, zu dem auch Fendt gehört. Ein Gespräch über das angeschlagene deutsch-amerikanische Verhältnis.

Herr Richenhagen, wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA dieser Tage ein?

Martin Richenhagen: Also ich denke schon, dass derzeit ein Tiefpunkt der Beziehungen erreicht ist. Man gewinnt ja fast den Eindruck, Trump treffe sich lieber mit Erdogan, Netanjahu und Kim Jong Un als mit der deutschen Kanzlerin. Es hat seit dem Zweiten Weltkrieg in der Freundschaft zu den USA zwar immer mal wieder Aufs und Abs gegeben, das ist auch normal. Aber unter der Regierung Trump sind im Miteinander der beiden Nationen sicherlich Schäden entstanden. Keine irreparablen, doch das Verhältnis ist in Mitleidenschaft gezogen worden. Allerdings bin ich optimistisch, dass man dies auch wieder reparieren kann.

Für Deutschland war Amerika stets der wichtigste Verbündete. Sind die USA noch ein Partner, dem man vertrauen kann?

Richenhagen: Natürlich. Es gibt eine lange, lange Freundschaft zwischen diesen beiden Ländern. Ohne Amerika wäre Deutschland nach dem Krieg nicht wieder auf die Beine gekommen, hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben. Die Freundschaft besteht auch weiterhin. Sie ist allerdings ein wenig unausgewogen. Meiner Beobachtung nach sind die Einschätzungen der Menschen in Amerika gegenüber den Deutschen überwiegend positiv. Die finden die deutsche Pünktlichkeit, unsere Technik toll, haben Respekt vor unseren Exporterfolgen. Und diese Beurteilung ist auch durch die Fehler wie etwa dem Dieselskandal oder die Korruptionsfälle bei Siemens oder anderswo nicht zerstört worden. Hingegen lässt die deutsche Zuneigung zu den USA nach. Diese Distanz ist ein Resultat der Politik und der Kommunikationsweise des amerikanischen Präsidenten.

Haben Trumps Twitter-Tiraden gegen Deutschland dem deutschen Image geschadet?

Richenhagen: Nein. Die Amerikaner haben sich daran gewöhnt, dass der Präsident merkwürdig kommuniziert. Natürlich kann man den Stil kritisieren, wenn er sich rassistisch, nationalistisch oder frauenfeindlich äußert. Ich glaube aber nicht, dass er Deutschland mit seinen Kommentaren wirklich beschädigen kann. Und Trump hat darüber hinaus zwei Kritikpunkte, die die Mehrheit der Amerikaner als berechtigt ansieht: das mangelnde internationale Engagement Deutschlands verbunden mit der Debatte um den deutschen Beitrag zur Nato – und natürlich der Exportüberschuss. Das ist inzwischen auch auf deutscher Seite erkannt worden.

Hat es aus Ihrer Sicht bereits Zugeständnisse gegeben?

Richenhagen: Die Exportüberschüsse ärgern die Franzosen, Engländer, Italiener, Spanier und Griechen genauso wie die Amerikaner. Da müssen wir uns was einfallen lassen. Die Wirtschaft kann da helfen. Trump hat ja mit Zöllen auf deutsche Autos gedroht. Die Politik hat hier noch nichts auf die Reihe bekommen, es gibt hier keine vernünftige Diskussion. Nun sind einige deutsche Automobilmanager selbst aktiv geworden und haben Trump und seinen Leuten erklärt, was sie in Zukunft alles vorhaben. Die Hersteller fahren jetzt ein wichtiges Investitionsprogramm in Amerika. Und deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass es überhaupt keine Automobilzölle geben wird.

Wie sieht es mit den Plänen Ihres Konzerns aus? Mit der AGCO-Tochter Fendt wollen Sie auf dem amerikanischen Markt wachsen – und dort auch produzieren?

Richenhagen: Unser nächster strategischer Schritt ist es, mit Fendt nach Süd- und Nordamerika zu gehen. Und das fängt im Hightech-Segment auch bereits ganz erfolgversprechend an. Wenn sich das Volumen einmal in Richtung 10.000 Einheiten bewegt, will man natürlich unabhängig sein – auch was mögliche Zölle anbelangt. Dann könnte man überlegen, mit einem von Fendt gemanagten Werk in den USA anzufangen. Das ist derzeit aber noch Zukunftsmusik.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Merkel und Trump keine besondere Sympathie füreinander hegen. Was bedeutet das für die Zusammenarbeit der beiden Länder?

Richenhagen: Ich weiß gar nicht, ob die unbedingt gut miteinander können müssen, das ist ja schließlich kein Liebesverhältnis. Aber sie müssten eine vernünftige, gute Kommunikation zustande bringen. Doch die beiden reden zu wenig miteinander. Das ist nicht gut. Wenn es zwischen Präsident und Kanzlerin nicht klappt, funktioniert die Zusammenarbeit auf den unteren Ebenen auch nicht richtig gut.

Ist die Lage schlecht oder gar nicht so schlecht?

Richenhagen: Es kommt auf die Ebenen an, die man betrachtet. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit ist ausgezeichnet. Die deutschen Firmen sind die größten ausländischen Investoren in den USA. Amerika ist für die Deutschen ein absolut attraktiver Markt. BMW ist etwa der größte Exporteur von amerikanischen Autos mit seinem Werk in North Carolina. Die Wirtschaft hat nach wie vor ganz gute und enge Beziehungen zu den USA. Auch der kulturelle Austausch läuft nach wie vor ausgezeichnet – auch wenn wir Fehler machen: In Atlanta ist zum Beispiel das Goethe-Institut geschlossen worden. Ein völlig falsches Signal. Deutsche Unternehmen sind daraufhin eingesprungen und haben gesagt: Dann machen wir das eben. Ich meine, wir sollten uns auch weiter engagieren für die deutsch-amerikanische Freundschaft.

Seit kurzem sind Sie Vorsitzender des renommierten deutsch-amerikanischen Thinktanks AICGS der John-Hopkins-Universität in New York. In Ihrer neuen Rolle haben Sie einen noch intensiveren Blick auf die transatlantischen Beziehungen. Was muss sich zeitnah verbessern?

Richenhagen: Der wichtigste Punkt ist der Freihandel. Wir sind natürlich fest davon überzeugt, dass Wirtschaft am besten funktioniert, wenn es einen gut funktionierenden Handel gibt zwischen Deutschland und Amerika – ohne Einschränkungen. Es wird künftig auch wichtig sein, uns besser abzustimmen in der Außenpolitik. Alleingänge oder unvorbereitete Aktivitäten von beiden Seiten sind nicht sinnvoll. Da ist noch einiges zu tun. In dieser Frage stehen wir unter anderem im engen Kontakt mit der Münchener Sicherheitskonferenz.

Die Amtszeit von Präsident Trump neigt sich dem Ende zu. Welches Zeugnis würden Sie ihm ausstellen für seine Wirtschaftspolitik?

Richenhagen: Eine Vier minus. Sein größtes Verdienst ist die Steuerreform. In Sachen Deregulierung hat Trump einige Dinge auch ganz gut hinbekommen. Auf der anderen Seite hat er mit Blick auf Europa und China große Schäden angerichtet. Trump sieht sich ja als den großen Dealmaker und dachte, er könnte mit den Chinesen schnell etwas erreichen. Er hat dann aber unvorbereitet, schnell und ohne soziale Kompetenz verhandelt und Sanktionen ausgesprochen. Wie sind die beantwortet worden? Die Chinesen haben gesagt: Wir kaufen weder Hühnchen- und Schweinefleisch, noch Mais noch Sojabohnen. Den amerikanischen Bauern fehlt dadurch ein Umsatz in Höhe von 50 bis 60 Milliarden Dollar.

Wie schätzen Sie die Chancen für eine Wiederwahl Trumps ein?

Richenhagen: Es ist jetzt noch viel zu früh für eine fundierte Prognose. Bei der Wahl vor vier Jahren hatte ich gesagt, es wird sehr eng und Trump hat durchaus Siegchancen gegen Hillary Clinton. Als sich meine Vorhersage bewahrheitet hatte, galt ich dann plötzlich als Fachmann – und als Trump-Anhänger. Dabei war ich noch nie Trump-Fan. Bis zur Wahl im nächsten November kann noch viel passieren. Meine Einschätzung: Es wird ganz, ganz knapp. Gefühlsmäßig stelle ich mich aber auf vier weitere Jahre Trump ein – positiv überraschen lassen kann ich mich ja immer noch.

Lesen Sie dazu auch: Fendt-Chef Peter-Josef Paffen legt sein Amt nieder

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