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Augsburg

29.07.2014

Krise am Klinikum: Der Doktor und das liebe Geld

Etwa 35 Mitarbeiter des Augsburger Klinikums - vor allem Ärzte - haben kurzzeitig ihre Arbeit niedergelegt. So wollten sie auf die Probleme des Krankenhauses aufmerksam machen.
Bild: Stefan Puchner (dpa)

Am Klinikum Augsburg, Schwabens größtem Krankenhaus, gehen Ärzte und Pfleger auf die Barrikaden. Denn Einsparungen im Haus würden auf Kosten der Patienten gehen. Stimmt das?

Die Schilderungen der Ärzte und des Pflegepersonals hören sich dramatisch an: Die einen beklagen, dass es auf Stationen zu wenige Schwestern gibt, wenn frisch operierte Neuzugänge kommen. Andere berichten, dass zu viele Patienten auf einer Station liegen, die überwacht werden müssen. Da können kritische Situationen kaum noch gemeistert werden.

Am Klinikum in Augsburg, mit 1750 Betten, 5500 Beschäftigten und 230.000 Patienten jährlich das größte Krankenhaus in Schwaben, hängt seit einigen Monaten der Haussegen schief. Die Zahl der sogenannten Überlastungsanzeigen ist laut Personalrat gestiegen. In denen signalisieren Ärzte und Pflegepersonal den Vorgesetzten Probleme – sprich: sie melden, dass sie ihre Arbeit nicht mehr ordnungsgemäß erledigen können.

Im vergangenen Jahr sind 64 derartige Anzeigen in Kopie beim Betriebsrat gelandet, in diesem Jahr sind es bereits 57. „Ich habe jeden Tag Kollegen – vor allem aus der Pflege – bei mir, die sich wegen des zunehmenden Drucks beklagen“, sagt Personalratsvorsitzende Hildegard Schwering.

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Frei werdende ärztliche Stellen werden nicht sofort nachbesetzt

Zuletzt kocht die Stimmung über, als die Klinikleitung Sparmaßnahmen im ärztlichen Bereich ankündigt. Eine der Maßnahmen: frei werdende Stellen werden erst nach einem gewissen Zeitraum nachbesetzt. Das Klima zwischen den teils recht selbstbewusst auftretenden Chefärzten und der ebenfalls entschieden agierenden Klinikleitung – bisher oft schon schwierig – wird dadurch noch frostiger. Die Oberärzte schreiben einen Brief an den Klinik-Vorstandsvorsitzenden Alexander Schmidtke, in dem sie feststellen: „Der derzeitige Konsolidierungskurs gefährdet Patienten am Klinikum Augsburg.“ Gespart werde vor allem am Personal.

Schließlich gibt es sogar eine Art Demonstration der Belegschaft während der Arbeitszeit. Vor der Kantine legen etwa 35 Beschäftigte – vor allem Ärzte – dem Verwaltungsrat des Klinikums mit dem Augsburger Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) an der Spitze die Sorgen dar. Offizielle Ärztevertreter schlagen deutlicher Krach: Von „Zuständen wie in einer Fabrik“ spricht der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes in Augsburg, Kurt Reising. Man habe den Eindruck, dass es nicht mehr ums Patientenwohl, sondern um die Bilanzen des Krankenhauses gehe.

„Was lange gärt, wird endlich Wut“, sagt der ehemalige Chefarzt und frühere Augsburger Stadtrat Rolf Harzmann zu der Unruhe in der Belegschaft. Wenn die Motivation erst einmal sinke, steige das Fehlerrisiko. Vergangene Woche verabschiedete sich der Ärztliche Vorstand, also der oberste Mediziner am Haus, vorzeitig aus seinem Vertrag. Begründet wird dies mit der familiären Situation von Prof. Peter Schuff-Werner, doch die zeitliche Nähe zu den zuletzt aufgekommenen Misstönen ist auffällig. Vor zwei Jahren war auch dessen Vorgänger vorzeitig aus dem Amt geschieden.

Das Klinikum hat seit seinem Bestehen meistens Verluste eingefahren

Der jetzige Krach kommt viereinhalb Jahre, nachdem der Vorstandsvorsitzende Schmidtke, 48, seinen Posten antrat und das Klinikum umkrempelte. Teils mag es bei den jetzt öffentlich gewordenen Querelen um Besitzstandswahrung gehen, doch das wäre zu kurz gegriffen. Manche Mitarbeiter sind schlicht der Meinung: die Zitrone ist ausgepresst. Betriebsbedingte Kündigungen und Outsourcing gab es nicht, aber seit Schmidtkes Start ist vieles im Fluss.

Das Krankenhaus hat in den gut 30 Jahren seines Bestehens meist Verluste eingefahren – am Ende müssen die chronisch klamme Stadt Augsburg und der Landkreis bluten und Millionendefizite tragen. Sie überlegen auch offen, das Krankenhaus an einen privaten Klinik-Konzern zu verkaufen. Schmidtkes langjähriger Vorgänger Anselm Berger, der noch ein Konzept zur finanziellen Sanierung ausgearbeitet hat, wird 2009 Knall auf Fall abgelöst.

Unter Schmidtke schreibt das Krankenhaus nach einem Jahr eine „schwarze Null“. Das Ergebnis kann seither gehalten werden oder weist sogar einen kleinen Gewinn aus. Die Zahl der Patienten – und somit die Umsatzerlöse – steigt, bei den Sachkosten wird Geld gespart. Schmidtke betont, nicht auf Kosten der Patienten zu sparen: „Die Qualität ist weiter voll und ganz gewährleistet.“

Mehr Pfleger gibt es im Klinikum nicht

Die ärztlichen Stellen wurden in der Vergangenheit in der Tat aufgestockt, Stellen im Pflegebereich hingegen nicht. Wenn es bei einzelnen Punkten Probleme gibt, müsse man konkret dort ansetzen, sagt Schmidtke. Dies gelte auch für Überlastungsanzeigen. Es gehe dabei nicht nur um Personalengpässe, sondern vielfach auch um interne Organisation. Das müsse in der Abteilung geregelt werden, so der Standpunkt der Klinikumsleitung, die damit den Ball auch Richtung Chefärzte spielt. Doch nicht an allen Stellen im Haus ist die Unzufriedenheit gleich groß.

Krankenhaus-Manager Schmidtke, der selbst als Krankenpfleger angefangen hat, spricht viel von „Prozessoptimierung“ und „Strukturanpassungen“. Das heißt: Abläufe müssen wirtschaftlicher werden. Nach Schmidtkes Vorstellungen profitieren auch die Patienten davon, wenn etwa Wartezeiten verkürzt werden. Nur: Sparen, ohne gleichzeitig Abläufe und Strukturen zu ändern, funktioniere nicht, ist sein Credo. Die Suche nach mehr Effizienz geht von der Umstellung auf einheitliche Computerdrucker bis hin zur Überprüfung der Auslastung einzelner Stationen und der Kosten einzelner Abteilungen.

Allein steht das Augsburger Klinikum mit seinen Maßnahmen nicht da. In vielen Krankenhäusern spielt die Wirtschaftlichkeit eine immer größere Rolle, zumal der Kostendruck in Zukunft zunehmen dürfte. Wer heute kostendeckend arbeitet, könnte in einigen Jahren Verluste machen. Schon heute schreibt die Hälfte der etwa 2000 Krankenhäuser in Deutschland rote Zahlen. Bis 2020 könnten 13 Prozent der Häuser schließen müssen, stellte eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung jüngst fest. Nochmals in einer anderen Liga spielen private Klinik-Konzerne. Der Krankenhaus-Gigant Fresenius (Helios-Kliniken) verlangt etwa satte 15 Prozent Gewinn von seinen Häusern.

Horst Seehofer will das Klinikum zur Uniklinik machen

Der wirtschaftliche Druck und die Risiken der Zukunft sind auch der Grund, warum die Träger des kommunalen Großkrankenhauses, die Stadt und der Landkreis Augsburg, den Gesundheitsriesen am westlichen Augsburger Stadtrand loswerden wollen. Als „Geburtsfehler“ wird bezeichnet, dass das Krankenhaus zwar medizinische Versorgung auf dem Niveau einer Uniklinik bietet (von der Kinderkrebsstation bis zur Nierentransplantation), aber wie ein Kreiskrankenhaus unter kommunaler Trägerschaft steht.

Inzwischen hat Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sich klar dazu bekannt, das Klinikum zur Uniklinik machen zu wollen. Zuständig wäre dann der Freistaat – von Gebäuden und Ausstattung (das ist er bisher schon) über die laufenden Kosten der Grundversorgung (finanziert von den Krankenkassen) bis hin zu den noch zu schaffenden Medizin-Lehrstühlen. Dann könnte man an der Uni Augsburg Medizin studieren. Und das Klinikum wäre die sechste Uniklinik in Bayern. Ein Kabinettsbeschluss soll im Herbst fallen.

Es wird der Eindruck vermittelt, das Klinikum loswerden zu wollen

Doch klar ist auch, dass der Freistaat wenig Lust verspürt, ein hochdefizitäres Krankenhaus zu übernehmen, das aus der Vergangenheit zudem noch mit Schulden belastet ist. Man wolle die Hausaufgaben machen, erklärten Oberbürgermeister Kurt Gribl und Landrat Martin Sailer vor vier Jahren, als das Thema Uniklinik erstmals aufkam. Für die aktuelle Marschrichtung heißt das: Das Klinikum soll keine Verluste machen, auch wenn die aktuellen Zahlen zum Halbjahr 2014 für die ganze Kliniklandschaft nichts Gutes verheißen.

2018 könnte das Klinikum vom Freistaat betrieben werden – dann wären Stadt und Landkreis ihre Bürde los. Spitzenmedizin könne so dauerhaft gesichert werden, sagt Gribl. Personalratsvorsitzende Schwering sieht es zurückhaltender: Momentan habe man den Eindruck, dass es vor allem darum gehe, das Klinikum samt Mitarbeitern loszuwerden: „Die Mitarbeiter wollen in erster Linie eine gute Arbeit machen und nicht in erster Linie den Status einer Uniklinik erreichen.“

Ein neues Kinderkrankenhaus geht im September in Betrieb

Fortführen müsste der Freistaat auch die begonnene Generalsanierung des Krankenhauses, die nach jahrelangem Ringen angelaufen ist. Das Klinikum hat eine Rettungshubschrauber-Station auf dem Dach bekommen, die Operationssäle werden saniert, ein neues Kinderkrankenhaus geht im September in Betrieb. Was noch folgt sind Anbauten für eine neue Intensivstation sowie die komplette Sanierung des Hochhauses mit allen Patientenzimmern – bei laufendem Betrieb. In den kommenden Jahren wird in dem Haus kein Stein auf dem anderen bleiben. Die Kosten: insgesamt rund 350 Millionen Euro.

Angesichts der jüngsten Querelen hat Schmidtke sich und dem ganzen organisatorischen Umbau eine Ruhepause verordnet. Es gehe jetzt zunächst einmal darum, dass alle Beteiligten innehalten und sehen, wo man stehe. Danach will man – im Dialog mit allen – sehen, wie man die Umstrukturierungen weiter vorantreiben kann.

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