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EU-Beitritt

13.06.2013

Kroatien hofft auf die EU - und zweifelt gleichzeitig

Die EU-Kommission gibt grünes Licht für den kroatischen EU-Beitritt.
Bild: Klaus-Dietmar Gabbert (dpa)

Am 1. Juli wird der Balkanstaat als 28. Mitglied in die Europäische Union aufgenommen. Doch nach fünf Jahren Wirtschaftskrise sind die Menschen entmutigt. Ein Stimmungsbild.

Josip will bleiben. Tomislav will gehen.  „Ich liebe Kroatien, es ist mein Land“, sagt der eine.  „Ich liebe mein Land genauso, aber es ist mir so vieles schuldig geblieben“, meint der andere. Die beiden Brüder, 24 und 22 Jahre alt, studieren Medizin in Zagreb. Chirurgen wollen sie werden, beide.  „Wenn wir erst zu Europa gehören, werden wir es schaffen“, ist Josip überzeugt.  „Hier läuft so viel falsch, ich habe die Hoffnung verloren“, meint Tomislav.

Am 1. Juli, wenn Kroatien als 28. Land in die EU aufgenommen wird, wollen sie feiern. Alle beide.  „Es ist ein großes Datum“, darin sind sie sich einig.  „Wie wir denken viele“, sagen sie. „Alle hoffen, dass es besser wird“, ergänzt der ältere Josip.  „Aber jeder versteht darunter etwas Eigenes.“

Von freudiger Erwartung kaum etwas zu spüren

Euphorie sieht anders aus. Vor neun Jahren, als die Gemeinschaft sich mit einem Schlag um zehn Staaten weit nach Osten erweiterte, waren die Plätze und Innenstädte der neuen Mitgliedstaaten schon Wochen vorher mit europäischen Fahnen geschmückt. In Zagreb sucht man in diesen Tagen vergebens nach Flaggen, Symbolen oder festlichen Vorbereitungen.

Kroatien hofft auf die EU - und zweifelt gleichzeitig

Jahrelang hat sich der Prozess hingezogen, unter anderem, weil der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag der kroatischen Führung mangelnde Zusammenarbeit bei der Suche nach Kriegsverbrechern wie Ante Gotovina vorgeworfen hatte. Als der festgenommen worden war, kam die Sache ins Rollen.  „Kroatien ist bereit“,  hatte die EU-Kommission vor wenigen Monaten im bisher letzten Fortschrittsbericht geurteilt. Der 1. Juli 2013 stand damit fest. Doch die 793.000 Einwohner große Hauptstadt des Landes strahlt nicht gerade das Selbstbewusstsein einer westlichen Metropole aus, obwohl die frisch renovierten Gebäude aus der Zeit des Habsburger-Reiches wieder in neuem Glanz erscheinen.

Touristen kommen eher zur Zwischenlandung hierher, die meisten zieht es nach Dubrovnik oder Split, dorthin, „wo wir das beste Wasser und die schönste Küste Europas anbieten können“, wie es Ante Gavranovic formuliert. Der heute 80-jährige ehemalige Wirtschaftsjournalist kennt die Stimmung im Land: „Vorfreude ist das nicht. Nach fünf Jahren Wirtschafts- und Finanzkrise sind die Menschen entmutigt.“

Mehrheit der Kroaten erwartet bessere Perspektiven

35 Prozent der jungen Erwachsenen und Jugendlichen haben keinen Job, Kroatien wird das Land mit der dritthöchsten Jugendarbeitslosigkeit in der Gemeinschaft werden. Die Wirtschaft leidet seit 2008 unter einem stetigen Rückgang.  „Wir haben die Auflagen aus Brüssel erfüllt. Und darauf können wir stolz sein“, sagt Gavranovic, „aber uns fehlt ein Konzept für eine ökonomische Zukunft. Dabei sind die Reichtümer Kroatiens enorm.“

Eine der schönsten Landschaften Europas, unermessliche Möglichkeiten zur Energie-Gewinnung für EU-Partner, qualitativ hochwertige Nahrungsmittelherstellung, Spitzenprodukte für den Weltmarkt, darunter Schuhe und Helme für die Nato –  all das wird immer wieder genannt. Doch die Realität sieht häufig nicht ganz so glanzvoll aus. Ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes kommt zwar aus dem Tourismus,  und doch fehlen Ferienanlagen für Familien mit Kindern. Der Hafen von Rijeka wird gerade ausgebaut, obwohl die Werftindustrie seit Jahren den Bach runtergeht.

„Unsere derzeitige Regierung hat viele ökonomische Probleme übernommen“, erklärt Visnja Samardzija. Die Professorin, die heute die Abteilung EU am Institut für Entwicklung und internationale Beziehungen in Zagreb leitet, war in den Anfangsjahren Mitglied der Delegation, die den Beitritt vorbereitete. „Eine Mehrheit der Kroaten erwartet bessere Perspektiven für die Wirtschaft und ein verlässliches Rechtssystem. Eine Minderheit fürchtet, dass gut ausgebildete Leute ins Ausland gehen könnten. Und sie haben Angst, dass Reiche die Grundstücke an den Küsten aufkaufen sowie die nationale Identität verloren geht“, sagt Samardzija.

EU-Beitritt: 30 Prozent der Kroaten sind skeptisch

Umfragen von Anfang Juni zeigen: Deutlich mehr als 60 Prozent der Kroaten hoffen auf die EU, gut 30 Prozent sind eher skeptisch. Die Angst in den neuen Partner-Ländern vor einer Abwanderungswelle Richtung Westen teilt in Zagreb niemand. „Kroatien hat 4,4 Millionen Einwohner. Wo sollte da eine Welle  herkommen?“, fragt Ivo Lovric. Der Journalist arbeitet bei der Nachrichtenagentur Hina, war lange in Deutschland tätig und ging vor einigen Jahren wieder in seine Heimat.  „Die Menschen hier sind sehr stolz, sie wollen nicht mit dem Geld anderer hochgepäppelt werden. Sie wollen es selber schaffen. Aber dafür brauchen sie Hilfe.“

 Wie zur Bestätigung listet der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen die Sportarten auf, in denen Kroaten  zur Weltspitze gehören: Fußball, Skifahren, Tennis, Handball, Eishockey . . . Von den 4,4 Millionen Landeskindern (Senioren und Kleinkinder eingerechnet) haben 1,2 Millionen Arbeit. Rund 400 000 sind offiziell als arbeitsuchend gemeldet. „Wir bräuchten zwei Millionen Erwerbstätige, um klarzukommen“, sagte der Wirtschaftsfachmann Gavranovic. Es fehlt nicht einmal an Investoren, aber an geeigneten Strukturen. Als die Möbelhauskette Ikea im Umfeld der Hauptstadt einen neuen Markt eröffnen wollte, mussten die Schweden fast zwei Jahre auf die notwendigen Genehmigungen warten. „Wenn Sie hier zu einem Amt gehen“, sagt der Journalist Lovric, „haben Sie das Gefühl, dass sich nichts geändert hat.“  Da werde nach Gebührenmarken, Stempeln und Formularen gefragt, von denen selbst gebürtige Kroaten gar nicht wussten, dass es sie gibt.

Wenn junge Leute ein Geschäft eröffnen wollen, lege ihnen die amtliche Bürokratie so viele Steine in den Weg, dass sie am Ende entmutigt wieder aufgeben. Marija gehört dazu. Die 32-jährige Hausfrau und Mutter wollte eine Schneiderei eröffnen und junge Designerinnen beschäftigen. Sie kämpfte sechs Jahre für die notwendigen Genehmigungen. Dann gab sie auf.

Kroatien muss stabilisiert werden

 „Das Land hat viel geschafft“, sagt Dietmar Dirmoser, der seit zwei Jahren das Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Zagreb leitet. „Man hat innerhalb von 15, 20 Jahren die Demokratie und die Marktwirtschaft installiert und friedenssichernde Maßnahmen mit den Balkannachbarn getroffen. Das ist eine große Leistung. Aber jetzt muss das Land selbst stabilisiert werden.“ Das heißt wohl auch: Vertrauen in die politische Spitze schaffen.

Korruption benennen Kroaten in großer Übereinstimmung mit den EU-Gutachtern als großes Problem. Die Tatsache, dass mit Ivo Sanader ein ehemaliger Regierungschef verurteilt hinter Gittern sitzt, hält dem Land ständig vor Augen, wie hinter den Kulissen geschoben wurde   und wird. „Die Bürokratie verleitet dazu, sich Genehmigungen auf anderen Wegen zu holen, wenn die legalen unmöglich erscheinen“, hört man immer wieder.

Hinzu kommt auch massive Verärgerung über die EU. Die habe sich bei den Beitrittsverhandlungen nicht selten „autoritär und unsensibel“  gezeigt, sagt Ivo Lovric. Nationale Eigenheiten wurden weggedrückt, Ängste übergangen. Das zeige sich in Kleinigkeiten. Wochenlang wurde über traditionelle Herstellungsverfahren für landwirtschaftliche Produkte wie Käse oder Schinken gestritten. Am Ende setzten sich die Brüsseler Unterhändler durch und verordneten den kroatischen Produzenten die Umstellung auf EU-Standards. „Das hat für viele Antipathien gesorgt“, sagt die Professorin Samardzija.

Beitrittsverhandlungen gestalteten sich schwierig

80.000 Seiten europäische Vorschriften musste die Regierung in Zagreb übernehmen, durchs Parlament bringen und den eigenen Bürgerinnen und Bürgern antragen. „Immer mit dem Versprechen, dass dann alles besser wird“, sagt der angehende Chirurg Tomislav. Sein Bruder Josip ergänzt: „Solche Versprechen hören wir schon zu lange.“

Dabei müssen die Kroaten noch ein weiteres Problem lösen. Denn auch wenn die meisten Narben des Krieges in den 1990er Jahren geheilt scheinen, es gibt noch viele Wunden. „Der Balkan hat Störpotenzial“, hat Kroatiens Außenministerin Vesna Pusic erst vor kurzem erklärt.

Noch sind die Beziehungen zu den wichtigsten Nachbarn Serbien und Bosnien-Herzegowina politisch nicht wirklich geklärt. Vielleicht schauen viele Kroaten auch deshalb besonders auf ein Ereignis, das die offiziellen Beitrittsfeierlichkeiten am 1. Juli überlagern könnte: Unter den Ehrengästen wird auch der serbische Präsident Tomislav Nikolic sein. Es ist der erste Besuch eines Staatsoberhauptes aus Belgrad seit dem Ende des Balkan-Krieges. Für Kroatien ein weiterer Hoffnungsschimmer, ausgerechnet an dem Tag, an dem das Land zur EU stoßen wird.

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Bild: dpa/tmn
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