Newsticker

Söder will erlaubte Besucherzahlen für Kunst und Kultur verdoppeln
  1. Startseite
  2. Politik
  3. Lässt uns die Corona-Krise in Schulden ertrinken?

Analyse

30.06.2020

Lässt uns die Corona-Krise in Schulden ertrinken?

Corona hat die Wirtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz so stark getroffen wie keine Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.
Bild: Friso Gentsch, dpa (Symbolfoto)

Plus Deutschland gibt in der Corona-Krise am meisten aus, Österreich diskutiert über Kurzarbeit. Die Schweiz ist auch ohne Konjunkturpakete optimistisch.

Corona hat die Wirtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz so stark getroffen wie keine Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Zumindest darüber sind sich führende Ökonomen aus den drei Ländern einig. Im Kampf gegen die Auswirkungen der Pandemie schlagen die Nachbarstaaten allerdings ganz unterschiedliche Wege ein. Deutschland gibt im Vergleich deutlich mehr Geld aus, um den Schaden zu begrenzen. Trotzdem sind die Aussichten pessimistischer.

Clemens Fuest, Leiter des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, rechnet angesichts der immensen Kosten der Krise für Deutschland mit „zunehmenden Verteilungskämpfen“. Über die Frage, wer die Schulden zurückzahlen solle, erwarte er heftige Diskussionen. Über mögliche Steuererhöhungen oder Rentensenkungen drohten „harte Auseinandersetzungen“ in der Gesellschaft. Denn die Lasten seien immens: Alle deutschen Konjunkturpakete, den deutschen Anteil am EU-Paket eingeschlossen, summieren sich seiner Berechnung nach auf 610 Milliarden Euro. Hinzu kämen Kredite und Garantien über 820 Milliarden Euro. „Wir sind erheblich ärmer geworden in dieser Krise“, bilanziert Fuest bei einer Internet-Diskussion mit Kollegen aus den beiden Alpenländern.

Für Exportland Deutschland ist Corona ein gewaltiges Risiko

Die Schuldenlast sei tragbar, solange die Zinsen niedrig seien, sagt der Münchner Wirtschaftsprofessor. Doch bei der nächsten Krise könne dann „das Ende der Fahnenstange erreicht sein“, glaubt er. Wertschöpfungsketten könnten kürzer und teurer werden, die Produktion stagnieren, Kosten und Inflation steigen. Es drohe eine „Japanisierung“ der deutschen Wirtschaft. Japan ist seit dem Ende des Booms vor über 30 Jahren nie mehr richtig in Schwung gekommen. Die starke deutsche Abhängigkeit von Exporten sei in Zeiten, in der wichtige Abnehmerländer teils noch tief im Corona-Schlamassel stecken, ein gewaltiges Risiko. Zudem schrumpfe die Erwerbsbevölkerung und die wichtige Autoindustrie habe schon vor Corona ihre Probleme gehabt. Und dann, so Fuest, seien da noch die Belastungen, „die aus Europa auf uns zukommen“.

Im Vergleich zu den Beträgen, mit denen sich Deutschland gegen die Corona-Folgen stemmt, nehmen sich die österreichischen und schweizerischen Anstrengungen fast bescheiden aus. Dies gilt auch im Verhältnis zu den jeweiligen Einwohnerzahlen: 83 Millionen Menschen leben in Deutschland, 8,8 Millionen in Österreich und 8,6 Millionen in der Schweiz. So beziffert die Wiener Ökonomin Margit Schratzenstaller das Gesamtvolumen aller Corona-Maßnahmen in der Alpenrepublik auf knapp 39 Milliarden Euro. Wie Deutschland setzt auch Österreich auf eine Mehrwertsteuersenkung, allerdings nur für die Bereiche Gastronomie, Kultur und Verlagswesen.

Österreich befürchtet, dass zu lange Kurzarbeit schadet

Auch Kurzarbeit werde in nie da gewesenem Umfang eingesetzt, um Arbeitsplätze zu erhalten, für 1,3 Millionen Menschen sei dies beantragt. Doch in Wien werde bereits diskutiert, dass zu lange Kurzarbeit auch zu Fehlanreizen führen könne, also Unternehmen dazu verleiten, das Hochfahren der Produktion länger als nötig aufzuschieben. Das Vorkrisenniveau, glaubt Schratzenstaller, werde die österreichische Wirtschaft nicht vor 2022 wieder erreichen. Zumal die Abhängigkeit vom Tourismus sehr stark sei.

Umgerechnet rund 35 Milliarden Euro hat die Schweiz bislang gegen die Corona-Bedrohung eingesetzt, berichtet Jan-Egbert Sturm. Dadurch, so der Direktor der Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, werde die Staatsverschuldung steigen. Sie befindet sich aber seinen Angaben zufolge von vornherein auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in Österreich und Deutschland. Finanziert haben die Eidgenossen vor allem Kurzarbeit sowie Liquiditäts- und Überbrückungshilfen für darbende Unternehmen. Rund 1,9 Millionen Arbeitnehmer befänden sich in Kurzarbeit, so viele wie nie zuvor. Betroffen seien vor allem das Gastgewerbe, der Bau und die verarbeitende Industrie.

Schweiz blickt in der Corona-Krise besorgt auf Deutschland

Anders als in Deutschland und Österreich gibt es in der Schweiz allerdings so gut wie keine nennenswerten Konjunkturmaßnahmen. Laut Sturm sei die schweizerische Wirtschaftskultur eine andere, der Staat mische sich traditionell weniger ein, vertraue stärker auf die Initiative der Unternehmen. Was die Erwartungen der helvetischen Geschäftsleute betreffe, sei die Talsohle bereits durchschritten, langsam kehre die Hoffnung zurück. Die Diskussion drehe sich darum, wie die 35 Corona-Milliarden wieder „zurückverdient“ werden könnten.

Allerdings, sagte Sturm, gehe er davon aus, dass es mindestens zwei Jahre dauern werde, bis das Vorkrisen-Niveau wieder erreicht sei. Denn auch die Schweiz sei stark von der Entwicklung der Weltwirtschaft abhängig. Mit großer Besorgnis blicke das kleine Land zudem auf seine großen Nachbarn, die Auswirkungen der Krise in Deutschland würden in der Schweiz massiv zu spüren sein. Noch größere Sorgen machen dem Ökonomen Sturm Frankreich und vor allem Italien.

Warum Deutschland in der Corona-Krise so viel ausgibt

Für den deutschen Wirtschaftswissenschaftler Fuest gibt es durchaus gute Gründe, warum die Bundesrepublik auch im Verhältnis deutlich mehr Geld gegen die Krise in die Hand nimmt als die kleineren Nachbarn. In einer großen Volkswirtschaft wie Deutschland, die viele Waren selbst produziere, landeten die Hilfsmilliarden überwiegend auf dem eigenen Markt. In kleineren Ländern profitierten dagegen vor allem Importeure.

Alle drei Ökonomen finden, dass ihre jeweiligen Länder ein anfangs starkes Infektionsgeschehen relativ schnell in den Griff bekommen haben. Dadurch sei die Ausgangslage für eine Überwindung der Krise deutlich besser als in jenen Ländern, in denen das Virus noch ungebremst wüte. Jede Hoffnung auf schnelle Erholung, das sagt auch der eher optimistische Schweizer Sturm, würde platzen, wenn es eine zweite Corona-Welle gebe.

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren