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Landwirte und Verbraucher müssen miteinander reden

Kommentar Von Stefan Lange
16.01.2020

Die Grüne Woche hat sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Der ist aber nur Vorwand für neue Trends. Der Dialog mit dem Verbraucher gerät ins Hintertreffen.

Woran erkennen Verbraucher, dass sie altmodisch sind? Sie bestellen sich im Kino eine Tüte Popcorn. Die coolen Leute hingegen ordern „CineBalls“, das sind kleine Waffelbällchen aus Weizen- und Hanfmehl, gefüllt mit einer Salsa- und einer Käsesoße. Sie werden vom Hersteller in selbstredend gendergerechter Grammatik als „ein alternativer Snack für Kinobesucher*innen“ angepriesen. Wen es jetzt innerlich schüttelt, bei dem dürfte „Knärzje“ auch nicht auf den Tisch kommen: ein sogenanntes Zero-Waste-Bier (frei übersetzt etwa: Null-Müll-Bier), das aus aussortiertem Brot gebraut wird und deshalb der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken soll. Zu finden ist das alles auf der gerade gestarteten Internationalen Grünen Woche in Berlin, und die Beispiele zeigen, wie irre sich die beiden Messebereiche Ernährung und Landwirtschaft gerade entwickeln.

Die eingangs genannten Beispiele zeigen auch, dass Tier- und Klimaschutz sowie nachhaltige Ernährung zum Spielball von Marketingstrategen geworden sind. Die Ernährungsindustrie jubelt darüber. Nach ersten Schätzungen konnte der Umsatz 2019 im Vorjahresvergleich um 2,2 Prozent auf 183,6 Milliarden Euro gesteigert werden. Gestützt wurde dieses Plus von neuen Trends – und von einem anhaltenden Griff zu Billiglebensmitteln, die mit Nachhaltigkeit bekanntlich auch nichts zu tun haben. Die Verantwortung sieht die Branche nicht bei sich, sondern bei der Politik. Die müsse endlich ihre „Moderatorenrolle an Runden Tischen“ verlassen.

Grüne Woche: Verbraucher wollen kurze Transportwege

Nach dem Staat ruft auch der Deutsche Bauernverband. Laut einer internen Umfrage hat sich die Stimmungslage der deutschen Landwirte noch weiter verschlechtert. Sie beurteilen die Situation demnach als „sehr ungünstig“ und fordern von der Politik verlässliche Rahmenbedingungen für Zukunftsinvestitionen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Bauern beschweren sich über staatliche Auflagen, die im Sinne von mehr Tier- und Klimaschutz ergehen.

Der Deutsche Bauernverband und die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie sind die „ideellen Träger“ der Grünen Woche, der Klimaschutz wurde zum Schwerpunkt erhoben.

Vor diesem Hintergrund müssen sie sich fragen lassen, ob Mega-Lebensmitteltrends und politische Forderungen wirklich die Antworten auf die Fragen sind, die Konsumenten heute stellen. Die wollen wissen, wie die Wurst produziert wurde, in die sie gerade beißen. Es geht um Nachhaltigkeit, um Verpackungsmüll, um kurze Transportwege.

Der Bauernverband übt sich in Selbstreflexion

Für vernünftige Antworten müsste der Dialog vor allem zwischen Landwirten und Konsumenten intensiviert werden. Beide können dann gemeinsam Einfluss auf die profitorientierte Lebensmittelbranche nehmen.

Hunderte Bauern stehen mit ihren Traktoren auf der Bundesstraße 64 bei Münster. Die Landwirte protestieren gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung.
Foto: Guido Kirchner, dpa

Der Bauernverband jedoch ist vielfach in Selbstreflexion gefangen. Das Rahmenprogramm der Grünen Woche ist beispielsweise allen Ernstes und in Anlehnung an das Weltwirtschaftsforum mit „Das Davos des Agrarbusiness“ überschrieben. Noch weiter weg von Otto Normalverbraucher kann man sich kaum bewegen. Womöglich sehen das einige Landwirte auch so. Jedenfalls spricht die Branche nach der Gründung der Initiative „Land schafft Verbindung“ – die bundesweit für Trecker-Demos verantwortlich zeichnet – neuerdings mit zwei Zungen.

Wenn sich die Funktionäre einigen und gerade auf der Grünen Woche mehr Luft zwischen sich und der Ernährungsindustrie lassen würden, dann klappt das mit der Glaubwürdigkeit. Dann geht es wieder zurück zur Natur. Und nicht vorwärts zum nächsten Trend.

Lesen Sie dazu auch: Wer hinter der Bewegung "Land schafft Verbindung" steckt

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