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Libanon
05.08.2020

Am Abgrund: Wie die Explosion Beirut ins Chaos stürzt

Vor den Trümmern ihrer Existenz: Die Einwohner Beiruts sind Kummer gewohnt. Doch die Explosion im Hafen der Stadt am Mittelmeer war so mächtig, dass sie alles in den Schatten stellt, was die Menschen bislang erlebt haben.
Foto: Marwan Naamani, dpa

Seit Monaten leidet der Libanon unter einer Wirtschaftskrise. Jetzt drängt die schwere Explosion das Land weiter Richtung Abgrund.

Plötzlich bricht der Gouverneur von Beirut in Tränen aus. "Das ist zu viel für unser Volk", schluchzt er und wischt sich mit dem Taschentuch durch die Augen. Noch nie in seinem Leben habe er eine solche Zerstörung gesehen. "Das ist eine nationale Katastrophe, wie sollen wir da jemals wieder rauskommen", sagt Marwan Abboud bei seinem Rundgang durch den völlig verwüsteten Hafen. Von dem gigantischen Silo, in dem nahezu die gesamten Getreidevorräte des Libanon lagerten, steht nur noch ein aufgerissenes Wrack. Zentrale Teile Beiruts sehen nach der sekundenkurzen Mega-Explosion aus wie nach einem jahrelangen Bürgerkrieg.

In Beirut sind überall Scherben: Eine Eingangstüre zerbarst.

135 Tote wurden bisher gezählt, viele Opfer liegen noch unter den Trümmern begraben. Mindestens 5000 Menschen sind verletzt, das sagte Gesundheitsminister Hassan Hamad am Mittwoch, darunter auch Deutsche, Niederländer und Franzosen. Vier Krankenhäuser wurden zerstört, zwei weitere beschädigt, hunderte Patienten mussten evakuiert werden. Die übrigen Kliniken sind überwältigt von dem Andrang Schwerverletzter, von denen manche zunächst unter freiem Himmel auf Parkplätzen oder Bürgersteigen versorgt werden mussten.

Gesundheitssystem ist mit so vielen Opfern überfordert

Das ohnehin geschwächte Gesundheitssystem des Landes war mit der Versorgung einer so großen Zahl von Opfern überfordert. Kaum eine Fensterscheibe im Umkreis von zehn Kilometern blieb heil. Auf Instagram fahnden Familien verzweifelt nach vermissten Angehörigen. "Meine Schwester ist weg, wir können sie nicht finden. Arbeiter sagten uns, sie sei schwer verletzt", postete eine junge Frau.

 

Beirut und der Libanon werden Jahrzehnte brauchen, um sich von dieser Katastrophe zu erholen, wenn es überhaupt je gelingt. "Ich habe den Bürgerkrieg durchgemacht, die israelische Invasion 1982 und den libanesisch-israelischen Krieg 2006, aber eine solche Explosion habe ich noch nie gesehen", berichtet ein Augenzeuge gegenüber CNN. In vielen Straßenzügen dasselbe Bild: Balkone sind abgerissen, Klimaanlagen baumeln herab, verbeulte Autos überall, der Asphalt bedeckt mit Glassplittern. Mindestens 250.000 der 2,4 Millionen Einwohner verloren nach ersten Schätzungen der Behörden ihre Bleibe. "Ich laufe die ganze Zeit im Kreis herum durch meine Wohnung und weiß nicht, wo ich anfangen soll", zitierte die Zeitung L’Orient – leJour eine Frau aus dem Stadtteil Achrafiyé, der mit am stärksten betroffen ist. Ihre Nachbarin will die kaputten Scheiben zunächst nur durch Pappen ersetzen. Vorrang für sie hat die zerborstene Haustüre, weil viele Plünderer unterwegs sind. Ihr Schreiner jedoch musste sie vertrösten. Er wisse nicht, was von seiner Werkstatt noch übrig sei.

Die Detonation verschärft das Leiden der Libanesen: Staatspräsident Michel Aoun rief einen zweiwöchigen Notstand aus in einem Land, das bereits seit Monaten in einer tiefen Staatskrise steckt und dessen korrupte politische Eliten sämtliche Reformen boykottiert. Schon vor der Explosion war die Wut der Menschen groß. Jetzt ist sie noch weiter gewachsen. Eine Frau, die auf ihrem beschädigten Balkon steht, weint und brüllt: "Präsident, Regierung und Parlament sollten sofort zurücktreten." Mindestens 80 Milliarden Dollar sind in dem maroden Bankensystem versickert, wahrscheinlich sehr viel mehr. Die heimische Währung befindet sich im freien Fall, allein in den letzten drei Monaten stiegen die Lebensmittelpreise um 150 Prozent. Reihenweise mussten Firmen und Geschäfte schließen. Arbeitslosigkeit und Kriminalität grassieren. Die Hälfte der sechs Millionen Einwohner lebt heute unterhalb der Armutsgrenze. Vor allem ältere Menschen mit wertlos gewordenen Renten, die im Müll auf den Straßen nach Essbarem suchen, sind inzwischen ein gewohnter Anblick.

Krankenhäuser sind schon wegen Corona an Belastungsgrenze

Anfang Juli schnellten erstmals auch die Corona-Infektionen nach oben, die viele Krankenhäuser schon vor der jüngsten Katastrophe an ihre Belastungsgrenzen brachten. Seit Wochen haben weite Teile des Landes nur noch vier Stunden Strom am Tag, was die Suche nach Toten und Überlebenden im nächtlichen Beirut extrem erschwert.

Libanons Präsident Michel Aoun (Mitte) inspiziert bei einem Rundgang das Ausmaß der Schäden.
Foto: -/Dalati & Nohra/dpa

Zu der genauen Ursache der Apokalypse gibt es weiterhin kein klares Bild. Ministerpräsident Hassan Diab erklärte im Fernsehen, 2750 Tonnen Ammoniumnitrat seien in die Luft geflogen, die seit sechs Jahren in einer Halle des Hafens unsachgemäß gelagert worden seien. Die hochexplosiven Chemikalien, die normalerweise zur Herstellung von Dünger verwendet werden, sollen von einem Schiff stammen, welches 2013 von Georgien nach Mosambik unterwegs war und in Beirut strandete. Ungeklärt ist jedoch, was der kolossalen Detonation vorausging. Das Handyvideo eines Augenzeugen im Hafenareal zeigt zunächst ein Feuer und eine erste Explosion, der dann wenige Sekunden später die Mega-Druckwelle folgte. Was diesen Brand auslöste, dazu schweigen bisher die libanesischen Ermittler. Lokale Medien berichten, Schweißarbeiten seien der Grund gewesen. Militärexperten wie der frühere CIA-Mitarbeiter Robert Baer dagegen weisen darauf hin, dass die intensiv orange Farbe der Explosionswolke auch auf militärischen Sprengstoff hindeuten könnte und damit auf eine vorsätzliche Tat.

Am Mittwoch liefen Hilfsflüge für den Libanon an. Frankreich als ehemalige Kolonialmacht schickte Bergungsspezialisten und Medikamente. Aus Russland trafen fünf Transportmaschinen mit Ärzten und einem Feldkrankenhaus ein. Die Golfstaaten Katar, Kuwait und Vereinigte Arabische Emirate brachten mobile Kliniken auf den Weg. Aber auch die alltägliche Versorgung der Bevölkerung steht nach dem Unglück auf der Kippe. Nasser Yassin, Professor an der Amerikanischen Universität von Beirut, fordert das Ausland auf, mit der Lieferung von Lebensmitteln einzuspringen. Auf die libanesische Regierung könne die Bevölkerung schon lange nicht mehr zählen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man diesem Desaster noch beikommen kann mit den herkömmlichen Methoden der Libanesen – sich auf sich selbst verlassen und auf die Unterstützung seiner unmittelbaren sozialen Umgebung."

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