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Interview

26.01.2021

Medienkonsum von Kindern: "Auch mal den Stecker ziehen"

Überall Bildschirme: Eltern sollten Kinder die Digitalwelt nicht „alleine erobern lassen“, sagt Daniela Ludwig.
Bild: Boris Roessler, dpa (Symbol)

Kinder und Jugendliche sind pro Woche im Schnitt rund 23 Stunden online. Die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig erklärt, wie man einer Sucht vorbeugen kann.

Frau Ludwig, morgens lernen zu Hause am iPad oder am Laptop und am Nachmittag WhatsApp oder Computerspiele – schauen unsere Kinder zu lange auf Bildschirme?

Daniela Ludwig: Die problematische Nutzung von digitalen Medien ist seit Jahren total im Aufwärtstrend. Neueste Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegen, dass Zwölf- bis 17-Jährige Computerspiele und das Internet durchschnittlich 22,8 Stunden pro Woche und 18- bis 25-Jährige durchschnittlich 23,6 Stunden pro Woche „just for fun“ nutzen – also nicht für Schule, Studium oder Arbeit. Wir sehen, dass sich ein ungesunder Umgang bei den Jugendlichen zwischen 2015 und 2019 von 21,7 Prozent auf 30,4 Prozent und bei den jungen Erwachsenen von 15,2 Prozent auf 23 Prozent erhöht hat. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Corona macht es natürlich nicht leichter, es „zwingt“ Kinder, Jugendliche – eigentlich alle – dazu, mehr denn je Zeit vorm Bildschirm zu verbringen. Für Homeschooling und Homeoffice sind die digitalen Medien natürlich ein Gewinn, aber irgendwann muss man schlichtweg auch mal den „Stecker“ ziehen und einfach mal etwas anderes machen.

Ist das gefährlich für die gute Entwicklung der Kinder?

Ludwig: Wenn die Kids nur noch vorm Tablet, Smartphone oder der Spielkonsole hängen, ganz sicher. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen die zeigen, dass die Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Und es kann dazu kommen, dass sich Kinder stärker „in sich“ zurückziehen. So wie man nicht jeden Tag tafelweise Schokolade essen sollte, muss man beim Konsum von digitalen Medien genauso aufpassen, dass es nicht überhand nimmt. Der Alltag, das restliche Drumherum, muss noch funktionieren. Ich bin davon überzeugt, dass in Zukunft niemand mehr ohne digitale Medien leben wird, aber es muss mit Maß und Verstand ablaufen. Die Schulen bekommen gerade einen Crash-Kurs beim Thema Digitalisierung. Das hat langfristig gesehen natürlich auch viele Vorteile. Medienkompetenz fängt schon im Kindergartenalter an. Ich sage immer: So wie kein Elternteil die Kinder einfach ins Wasser wirft und sagt: „Jetzt schwimm’ halt los“ - so sollten die Eltern auch ihre Kinder nicht alleine die digitale Welt erobern lassen. Begleiten, ein gutes Vorbild sein, zusammen genau hinschauen, was da vor einem so flimmert – das ist schon mal ein guter Anfang.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig.
Bild: Gregor Fischer, dpa

Können chatten, surfen und am Computer spielen zur Sucht werden?

Ludwig: Absolut. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert „internetbezogene Störungen“ seit einigen Jahren als Krankheit. Mediennutzung ist in den Familien, in Stadt und Land gleichermaßen ein Thema. Zu kaum einem anderen Suchtthema bekomme ich so viele Zuschriften. Es ist doch so: Im Netz bekommen Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, sofort Lob und Anerkennung – in jedem Fall schnell ein Feedback. Das geht im „echten“ Leben natürlich nicht immer so schnell. Da ist der Reiz natürlich groß, viel Zeit mit virtuellen „Freunden“ zu verbringen. Was also tun? Wir müssen dafür sorgen, dass Medien Spaß und nicht krank machen. Das klappt, wenn alle Beteiligten gemeinsam über ihren Medienkonsum sprechen, „gute“ und „schlechte“ Games unterscheiden lernen und es neben all den spannenden digitalen Angeboten noch andere, vor allem reale Highlights im Leben gibt.

Sie haben jetzt mit dem Moderator Tobias Krell vom Kinderkanal einen Film produziert, der die Suchtgefahr zeigt. Was sollen die Kinder daraus lernen?

Ludwig: Es ist mir ein wichtiges Anliegen, nicht nur zu jammern, sondern Medien als großen Gewinn und Spaßfaktor zu sehen. Kinder müssen mit Spaß und Verstand an die Sache herangeführt werden. Das funktioniert aktuell primär über digitale Angebote, Stichwort Distanzunterricht. Der Film wurde mit Tobias Krell, bekannt aus „Checker Tobi“ produziert, weil er es schafft, den Kids auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen ein Thema super gut zu vermitteln. Der Film soll Spaß machen, aber auch dazu anregen, sich kritisch mit dem eigenen Medienkonsum – und dem innerhalb der Familien und des Freundeskreises – auseinanderzusetzen. Wie kann ein gesunder Umgang gelingen? Wann brauche ich ein eigenes Smartphone und ab wann ist mein Gaming vielleicht viel zu viel? All das beantwortet der Film auf eine ansprechende und zielgruppengerechte Art und Weise. Hinzu kommen noch Arbeitsmaterialien für die Schulen und interessierte Eltern zum Herunterladen, also alles „Homeschooling-tauglich“. Das ist ein hilfreiches Info-Paket im Rahmen meiner Kampagne „Familie.Freunde.Follower“.

Tobias Krell erklärt Kindern die Welt. In seiner Sendung "Checker Tobi" oder in seinem Kinofilm "Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten".
Bild: Johannes Obermaier, dpa

Was können Eltern tun, um die Bildschirmzeit zu begrenzen?

Ludwig: Dabei sein, klare Regeln aufstellen und ihren Kindern ab und an mal sehr genau über die Schulter schauen. Natürlich wohne ich nicht auf dem Mond und weiß, wie schwer alternative Aktivitäten momentan sind. Nicht jeder geht gern Wandern oder lernt jetzt mit Leidenschaft Stricken. Aber es muss doch möglich sein, mit den Kindern mal in den Park zu gehen, ein Brettspiel zu spielen, zu lesen oder, oder, oder. Die Welt besteht nicht nur aus Bildschirmen. Das muss sich aktuell jeder mehr denn je bewusst machen. Auch wenn es Disziplin und Überzeugungsarbeit braucht.

Tipp „Tobi Krell erklärt Mediensucht“ wird mit Arbeitsmaterialien allen Schulen in Deutschland kostenlos zur Verfügung gestellt und soll in den Unterricht einfließen. Er wird an diesem Dienstag vorgestellt und ist für jedermann auf dem Youtube-Kanal des Bundesministeriums für Gesundheit zu sehen.

Zur Person Daniela Ludwig, 45, sitzt seit 2002 für den Wahlkreis Rosenheim im Bundestag und ist seit 2019 Drogenbeauftragte.

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26.01.2021

Tja, am besten mal als Eltern mit gutem Beispiel vorangehen. Und vielleicht mit den Kids rausgehen oder etwas basteln oder spielen, je nach Alter. ;-)

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