Newsticker
6729 Corona-Neuinfektionen und 217 neue Todesfälle gemeldet
  1. Startseite
  2. Politik
  3. Mein Leben ohne Matthieu nach dem Anschlag im "Bataclan"

Ein Jahr danach

13.11.2016

Mein Leben ohne Matthieu nach dem Anschlag im "Bataclan"

„Mein Alltag ist alles andere als einfach, aber ich weiß, dass meine Fähigkeit zu lieben intakt ist“: Aurélie Silvestre hat im Musikklub „Bataclan“ ihren Freund verloren.
Bild: Brigitte Baudesson

Aurélie Silvestre ist schwanger, als ihr Freund im Musikklub „Bataclan“ ein Konzert besucht. Er schickt ihr noch eine SMS. Dann wird er ein Opfer des Terrors. Ein Jahr ist das her.

Über den 13. November 2015 sagt Aurélie Silvestre: „Es war ein Freitag, das Leben war schön.“

Am Morgen hat die junge Französin ihrem Freund Matthieu Giroud in einer SMS geschrieben, dass sie ihn liebt und er ein toller Vater für ihren gemeinsamen dreijährigen Sohn Gary sei. Sie ist im fünften Monat schwanger und erwartet ein Mädchen. Am Abend bricht der 38-jährige Dozent für Geografie zur Konzerthalle „Bataclan“ auf, wo die US-Band „Eagles of Death Metal“ spielt. Um 21.46 Uhr erhält Aurélie Silvestre von Matthieu eine SMS: „Das ist Rock!“

Es ist sein letztes Lebenszeichen.

Paris, 365 Tage später, ein grauer Sonntag. „Grégory Fosse…“, beginnt die Stimme. „Valentin Ribet… Lola Salines…“ Minutenlang geht das so. 90 Namen sind es, die verlesen werden, einer nach dem anderen. Dann kommt er: „Matthieu Giroud.“ Aurélies Matthieu. Schließlich ist Stille. Alle verharren in einer Gedenkminute, die länger als eine Minute dauert, während dünner Regen vom Himmel nieselt.

Der Terror ist nach Paris zurückgekehrt

90 Menschen. Sie wollen an jenem 13. November 2015 einen fröhlichen Abend verbringen. Im „Bataclan“ ist das Konzert der „Eagles of Death Metal“ in vollem Gange, als drei bewaffnete Terroristen in den Saal stürmen und mit Kalaschnikows ins Publikum schießen, bis sie schließlich bei einem Polizei-Einsatz getötet werden. Zeitgleich sind ihre Komplizen, die demselben islamistischen Terror-Netzwerk angehören, in Paris und dem Vorort Saint-Denis unterwegs. Drei sprengen sich dort vor dem Fußball-Stadion Stade de France in die Luft, wo gerade ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Frankreich läuft, und reißen einen Mann mit in den Tod. Ein weiteres Mord-Kommando fährt durch das Viertel um den Platz der Republik und schießt vor Bars und Restaurants auf die Gäste. Insgesamt 130 Menschen werden in dieser Nacht getötet und mehr als 350 verletzt.

Paris ist am 13. November 2015 von einer Reihe von Terror-Anschlägen erschüttert worden. 120 Menschen starben, über 200 wurden verletzt.
45 Bilder
Die Terror-Nacht von Paris
Bild: Kenzo Tribouillard

Der Terror ist nach Paris zurückgekehrt. Und verändert ein ganzes Land. Präsident François Hollande und Premierminister Manuel Valls sprechen vom „Krieg“ gegen den Terrorismus, von absoluter Härte gegen jene, die Frankreich so tief getroffen haben. Sie werden in der Folge den Ausnahmezustand verhängen, der jetzt wieder verlängert werden soll, die Polizei- und Sicherheitskräfte aufstocken, die Bombardierungen gegen Stellungen des sogenannten „Islamischen Staates“ in Syrien und dem Irak verstärken.

Der „Krieg gegen den Terror“ bekommt Priorität. Was auch im Alltag zu spüren ist. Massenveranstaltungen fallen aus. Der Tourismus erleidet einen deutlichen Rückgang. Und was ist mit dem Alltag im Leben von Aurélie Silvestre?

Sie kann es sich „nicht leisten, in Trauer zu versinken“

Weil sie nichts von Matthieu gehört hat, ruft sie in der Nacht des Schreckens alle Krankenhäuser von Paris an. Zunächst hat es geheißen, er sei am Leben, sie und Sohn Gary sollten auf weitere Nachrichten warten. Eine Fehlinformation. „Irgendwann verstanden wir, dass es doch etwas komplizierter war…“, sagt die hübsche junge Frau heute und versucht ein Lächeln. Der 14. November 2015, der Tag danach, ist für sie der eigentliche Horror-Tag.

Und doch will die 35-Jährige die Opferrolle nicht annehmen. Sie kann es sich „auch gar nicht leisten, in Trauer zu versinken“. Gary und Thelma, ihre inzwischen geborene Tochter, brauchen sie. Aurélie Silvestre sagt, das vergangene Jahr sei für sie zwar „eine Aufeinanderfolge von 14. November“ gewesen, aber zugleich jeder Tag ein Sieg über den vorherigen. Einmal, so erzählt sie, hat sie im Fernsehen einen Beitrag gesehen, in dem es um ein Opfer ging. „Er hatte ein dreijähriges Kind und sollte im Frühjahr eine kleine Tochter bekommen.“ Sie habe gedacht: „Mein Gott, seine arme Frau!“ Und dann erst realisiert: Diese Frau ist sie selbst.

Wie macht man also weiter nach einem solchen Erlebnis, das jede Leichtigkeit vertrieben hat? Wie zieht man seinen Mann für die Ewigkeit an?, fragt sie sich, als sie seine letzte Bekleidung auswählen soll. Den Alltag einer „amputierten Familie“ beschreibt Aurélie Silvestre im Buch „Unsere 14. November“ („Nos 14 novembre“), das gerade auf Französisch erschienen ist.

Weitere Seiten
  1. Mein Leben ohne Matthieu nach dem Anschlag im "Bataclan"
Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren