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Interview

12.05.2020

Meinungsforscherin: "Tiefer Pessimismus in der Bevölkerung"

Renate Köcher leitet das Institut für Demoskopie Allensbach.
Bild: Bernd von Jutrczenka, dpa

Plus Renate Köcher leitet das Institut für Demoskopie Allensbach. Sie erklärt, welchen Einfluss die Corona-Krise auf Gesellschaft und Politik haben könnte.

Frau Köcher, als Demoskopin blicken Sie auf die Stimmung im Land. Was wirkt in der Bevölkerung stärker – die Angst vor dem Virus oder die Angst vor dem wirtschaftlichen Absturz?

Renate Köcher: Der Anteil, der sich über die wirtschaftliche Entwicklung Sorgen macht, ist mittlerweile deutlich größer als der Anteil der Bürger, die sich Sorgen machen, vom Virus persönlich betroffen zu werden. Allerdings fürchtet nur ein Drittel, von den wirtschaftlichen Folgen persönlich betroffen zu werden. Die anderen zwei Drittel sehen zwar mit Beklommenheit, dass die Wirtschaft derzeit komplett in den Seilen hängt und die Daten sich mit jedem Tag weiter verschlechtern. Aber sie haben die Hoffnung, dass es sie selbst nicht erreicht. Weite Teile der Bevölkerung sind ja nicht mehr im Erwerbsleben, oder sie sind im Staatsdienst oder in wirtschaftlich weniger betroffenen Branchen wie dem Gesundheitswesen oder Lebensmittelhandel. Die machen sich um ihren Arbeitsplatz oder um ihre Einkommens­entwicklung überwiegend erstmal keine Sorgen. Wir werden in den nächsten Monaten intensiv beobachten, wie sich die materielle Situation von persönlich Betroffenen entwickelt und wieweit die Haltung von Lockerungsmaßnahmen davon abhängt, ob man persönlich betroffen ist oder nicht.

Heißt das, die relative Sorglosigkeit gilt so lange, bis man persönlich betroffen ist? Ansonsten ist es die Krise der anderen?

Meinungsforscherin: "Tiefer Pessimismus in der Bevölkerung"

Köcher: Sorglosigkeit sehe ich nirgendwo. Wir haben einen tiefen Pessimismus in der Bevölkerung. Auch wer wirtschaftlich nicht betroffen ist, ist keineswegs sorglos in Bezug auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Seit 60 Jahren fragen wir jeden Monat nach Optimismus und Pessimismus in der Bevölkerung. Zu Jahresbeginn war der Hoffnungspegel auf einem hohen Niveau. Es deutete alles darauf hin, dass 2020 wirtschaftlich ein gutes Jahr wird, weil die Stimmungslage in der Bevölkerung immer auch die Nachfrage prägt. Das ist eingebrochen wie nie zuvor, in kürzester Frist. Innerhalb von zwei, drei Wochen Anfang März brach der Optimismus der Bevölkerung völlig zusammen. Jetzt muss man sehen, wieweit die Lockerung der Einschränkungen die Stimmung wieder verbessern kann. Ich bin da für die nächsten Monate eher skeptisch.

Zwingt das die Politik, die Maßnahmen weiter zu lockern, auch gegen den Rat von Virologen?

Köcher: Virologen konzentrieren sich auf die Epidemie. Wenn man sich eng darauf fokussiert und alles andere ausblendet, dann fände man wahrscheinlich einen Shutdown bis zum Jahresende ideal. Dann ist zwar die Wirtschaft kaputt, aber das ist ja ein anderes Thema... Mit dieser Sichtweise hatte ich in dieser Krise von Beginn an Schwierigkeiten. Es ist verständlich, dass die Politik am Anfang auf die Bekämpfung der Epidemie fokussiert war, weil man sie nur schlecht einschätzen konnte und in Ländern wie Italien gesehen hat, was es bedeutet, wenn man sie nicht in den Griff bekommt. Aber als dann diese dramatischen Maßnahmen getroffen wurden, wurden die Folgen zu wenig einbezogen und abgewogen. Diese Diskussion läuft erst jetzt, weil wir jetzt die enormen Kollateralschäden sehen.

Das Robert-Koch-Institut warnt aber vor einer zweiten Welle.

Köcher: Was ich vermisse, ist eine Präzisierung. Was heißt eine zweite Welle? Steigende Infektionszahlen? Ab wann gilt ein Anstieg als zweite Welle? Ist auch ein regional begrenzter Anstieg eine zweite Welle? In diesem Fall sind ja jetzt regional begrenzt gewisse Beschränkungen geplant. Das finde ich eine flexible und überzeugende Strategie. Wir müssen ja lernen, mit dem Virus zu leben, ohne uns davon völlig aus der Bahn werfen zu lassen.

 

Trotzdem erfahren die Regierenden und auch die Bundeskanzlerin in dieser Krise ungeahnten Zuspruch, die meisten Menschen tragen die Maßnahmen mit. Hat Sie das überrascht?

Köcher: In Jahrzehnten habe ich noch nie einen so breiten Rückhalt für politische Maßnahmen gesehen – und auch keinen vergleichbar steilen Anstieg der Unterstützung für eine Regierungspartei. Die Bevölkerung akzeptierte die Analyse, dass das eine dramatische Bedrohung ist. Vor allem die Berichte aus Italien haben die Menschen zutiefst erschreckt und ein enormes Bedrohungsgefühl ausgelöst. In dieser Situation war die Bevölkerung froh, dass schnell drastische Maßnahmen ergriffen wurden.

Gehört es nicht zur politischen Erfahrung, dass die Menschen in unruhiger Zeit auf die Führung, auf das politisch Verlässliche setzen?

Köcher: Ja, sie muss dann aber auch erfolgreich sein. In vielen Ländern sehen Sie derzeit wachsenden Zuspruch zu den Regierungsparteien, sofern diese konsequent durchgegriffen haben. In den USA ist das Gegenteil der Fall, weil der Präsident am Anfang anders agierte, damit aber nicht zeigen konnte, dass er die erfolgreichere Strategie hat. Im Gegenteil, sowohl die Infektionszahlen wie auch die wirtschaftliche Krise eskalierten sehr schnell.

Vor allem die Union holt in den Umfragen seit Beginn der Krise stark auf, die SPD weniger. Warum?

Köcher: CDU und CSU werden in der Bevölkerung in hohem Maße mit Stabilität und Sicherheit assoziiert wie auch mit Wirtschaftskompetenz. Das sind Felder, mit denen die SPD weniger in Verbindung gebracht wird. Und wenn die SPD jetzt schon über Steuererhöhungen diskutiert und gleichzeitig mit der Ausweitung von Sozialleistungen ihre Agenda aus der Vor-Corona-Zeit weiter verfolgt, schadet ihr das im Moment mehr, als es ihr nützt.

 

Und die Grünen? Werden sie sich von ihrem Sturzflug erholen, wenn die Krise vorbei ist?

Köcher: Die Grünen waren ja vor der Krise auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Das hatte zum einen mit der Klimaschutzdebatte zu tun, aber auch mit der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit der Regierung. Corona hat hier vieles verändert.

Erklärt sich so am rechten Rand auch der Absturz der AfD?

Köcher: Die Bürger sehen, dass diese Partei in dieser Situation nichts anzubieten hat.

Wie sehen Sie denn die Befindlichkeit der deutschen Bevölkerung? Das Ausland empfindet unseren Umgang mit der Krise oft als mustergültig. Sind die Deutschen disziplinierter als andere Nationen?

Köcher: Die deutsche Bevölkerung ist besonders diszipliniert in dem Augenblick, in dem sie das Gefühl hat: Es wird ernst. Die strikte Orientierung an den Vorgaben war bemerkenswert. In den USA gibt es viel mehr Proteste gegen Einschränkungen. Dort ist aber auch das Verhältnis zum Staat ein völlig anderes. Die Deutschen können einem starken Staat viel abgewinnen.

Wie weit wird diese Krise Deutschland verändern?

Köcher: Ich tue mich schwer mit Sätzen wie: Dieses Land wird nie mehr so sein wie vor Corona. Da frage ich immer zurück: Was genau meinen Sie damit? Gerade im Ausnahmezustand sind Zukunftsprognosen nur eingeschränkt möglich. Letztlich müssen alle Staaten ein Interesse daran haben, wieder zu Freihandel und Freizügigkeit zurückzukommen. Sonst sind die Wohlstandsverluste so massiv, dass dies zu gesellschaftlichen Verwerfungen führt. Wir werden schon so länger anhaltende Probleme haben – durch Firmenpleiten und erodierende Staatsfinanzen. Auf der anderen Seite sind auch positive Entwicklungen zu erwarten wie beispielsweise eine bessere digitale Ausstattung von Behörden, Schulen und Universitäten.

...weil auch die eklatanten Defizite auf brutale Art und Weise sichtbar werden?

Köcher: Wir lernen in dieser Krise. Wir sehen, wie wichtig ein intaktes Gesundheitssystem ist, das auch für Ausnahmesituationen gerüstet ist und nicht nur für den Normalbetrieb. Wir nehmen endlich die Ausstattung der Schulen ernster. Wir realisieren bei bestimmten Produktgattungen die Abhängigkeit von Ländern, die zu weit weg sind, um bei Unterbrechung der Handelsketten unseren Bedarf zu decken. Da lässt sich einiges verbessern, ohne die Globalisierung insgesamt in Frage zu stellen. Gerade Deutschland hat von der Globalisierung profitiert, unser Wohlstand hängt daran. Es geht eher um die Frage, wie Globalisierung mit verstärkten Sicherheitsvorkehrungen versehen werden kann, was Lieferketten, aber auch Gesundheitsaspekte angeht.

 

Wird sich Homeoffice durchsetzen?

Köcher: Die Mehrzahl der Beschäftigten, die ins Homeoffice abkommandiert wurden, sagt, dass sie zu Hause schlechter arbeiten kann als am eigentlichen Arbeitsplatz. Darüber klagen vor allem Frauen mit kleinen Kindern. Homeoffice als dauerhafte Lösung verändert auch die Beziehungen zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Die Identifikation mit dem Unternehmen, das Verständnis für andere Abteilungen erfordern in hohem Maße den persönlichen Kontakt. Und was gerne übersehen wird: Für einen Großteil der Erwerbstätigen bietet sich die Option Homeoffice gar nicht. Aber in bestimmten Fällen und Situationen ist Homeoffice als flexible Lösung hilfreich.

Zur Bewältigung der Krise gehört eine gut informierte Öffentlichkeit. Kann man sagen, dass die Bevölkerung in Deutschland gut informiert ist?

Köcher: Im Vergleich zu anderen Nationen auf alle Fälle. Wir haben eine Bevölkerung, die sich regelmäßig informiert, vor allem auch mehrheitlich Zeitung liest. Das ist in anderen Ländern keineswegs der Fall – vor allem nicht in den USA. Ich bin eine glühende Verteidigerin der Zeitung, weil die Zeitung Geduld verlangt. Um Wissen aufzubauen, ist Geduld unerlässlich. Zwar geht auch im Zeitungsbereich die Entwicklung immer mehr ins Digitale, doch wenn das Lesen nur auf eine andere Plattform übertragen wird, ist das per se nicht beunruhigend. Besorgniserregend ist es, wenn dies das Leseverhalten verändert in Richtung eines flüchtigen und ungeduldigen Anlesens von Artikeln, was sich leider in vielen Untersuchungen zeigt. Solide Information ist mehr als das Scannen von Überschriften.

 

Führt die Corona-Krise zu neuer Wertschätzung journalistisch aufbereiteter Information? Friedrich Merz sagte ja einmal: Journalisten brauchen wir nicht mehr.

Köcher: Journalisten sind wichtiger denn je – es reicht nicht, wenn Politiker ein paar Tweets absetzen. Gerade angesichts der Fülle von Informationen und Meinungen braucht es die qualifizierte Bewertung. Um so wichtiger ist es jedoch, qualifizierten Journalismus zu fördern und auch die Arbeitsbedingungen von Journalisten so zu gestalten, dass sie unabhängig sind, gut ausgebildet und ausreichend Zeit für die Recherche haben. Die Demokratie braucht den informierten Bürger – und der den qualifizierten Journalismus.

Viele Medien beurteilten die Corona-Maßnahmen der Regierung bisher weitgehend einmütig, nämlich zustimmend. Braucht es mehr Widerspruch, mehr Diskurs, damit sich die Leser ein Urteil bilden können?

Köcher: Wenn so dramatische Entscheidungen getroffen werden, wenn man sich einer Gefahr gegenüber sieht, die niemand richtig einschätzen kann, dann ist zumindest für einige Tage und Wochen die Beschränkung auf die Chronistenrolle naheliegend. Wenn die Situation aber wieder einigermaßen im Griff ist, wird es Zeit, Entscheidungen zu hinterfragen und die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen zu diskutieren. Diese Fragen müssen wir heute anders stellen als vor acht Wochen.

Zur Person: Meinungsforscherin Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

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