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Großbritannien

08.03.2018

Nervengift-Anschlag: Wurden die Opfer im Restaurant vergiftet?

Einsatzkräfte in Schutzanzügen stellen ein Zelt über der Bank auf, auf der der frühere Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden wurden.
Bild: Andrew Matthews/PA Wire, dpa

Der mysteriöse Anschlag auf einen russischen Ex-Agenten und dessen Tochter löst wilde Spekulationen aus – und weckt Erinnerungen an Fälle aus der Vergangenheit.

Noch immer ringen Vater und Tochter im Krankenhaus im südenglischen Salisbury mit dem Tod. Und noch immer gibt es viele Fragezeichen um den Angriff auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal am Sonntag. In einem Punkt sind sich die Behörden aber inzwischen sicher: Der 66-Jährige und die 33 Jahre alte Yulia wurden Opfer eines Giftgas-Anschlags. Der Chef der britischen Anti-Terror-Einheit von Scotland Yard, Mark Rowley, bestätigt einen „Mordversuch durch Anwendung eines Nervenkampfstoffs“. Innenministerin Amber Rudd spricht von einem „sehr, sehr seltenen“ Nervengas. Das Königreich ist geschockt – und denkt zurück an 2006.

Gezielter Angriff auf Ex-Agent nährt Spekulationen

Damals wurde der ehemalige russische KGB-Agent und Kreml-Gegner Alexander Litwinenko am helllichten Tag in einem Londoner Luxushotel mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet. Er starb wenige Wochen später. Doch das ist nicht der einzige mysteriöse Todesfall von russischen Bürgern in den vergangenen Jahren. Sie alle werden jetzt wieder wild diskutiert, auch wenn die Behörden keine Hinweise auf Fremdeinwirkung gefunden hatten.

Der aktuelle Thriller ist einfach zu unglaublich: Abermals wird ein ehemaliger Doppelagent auf offener Straße „gezielt angegriffen“, wie die Polizei sagt. Abermals machen Gerüchte über Machenschaften des Kreml die Runde. „Der Einsatz von Nervengift auf britischem Boden ist ein kaltblütiger und empörender Akt“, sagt Innenministerin Rudd. Man werde alles tun, um die Täter zu ermitteln und dann auf eine „robuste und angemessene Weise“ reagieren. Schuldzuweisungen vermeidet sie – anders als Außenminister Boris Johnson, der am Dienstag ungewöhnlich scharfe Worte fand und offen aussprach, dass sich sein Verdacht gegen Russland richte.

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Britische Ärzte kämpfen um sein Leben: Der vergiftete Ex-Agent Sergej Skripal auf dem Bild einer Überwachungskamera.
Bild: ITN/AP/dpa

Steckt tatsächlich Moskau hinter dem „widerwärtigen und skrupellosen Verbrechen“, wie die britische Regierung den Anschlag nennt? Fakt ist: Skripal ist ein ehemaliger Geheimdienstoffizier, der als Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU für den britischen Auslandsgeheimdienst spioniert hatte. Der Doppelagent verriet Namen von Landsleuten, die in Europa als Spione tätig waren. Nach seiner Enttarnung wurde er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, gehörte jedoch zu vier Russen, die im Rahmen eines Austauschs inhaftierter Agenten zwischen Moskau und Washington aus dem Gefängnis entlassen wurden.

2010 zog er nach Großbritannien. Und nun werden er und seine Tochter bewusstlos auf einer Parkbank entdeckt, nachdem sie in einer Pizzeria gegessen und in einem Pub getrunken hatten. Schon dort verhielt sich Skripal merkwürdig. „Er ist absolut durchgedreht, ich habe aber nicht verstanden, warum“, erinnert sich ein Mann, der ebenfalls in dem Restaurant war. „Er schien körperlich nicht krank zu sein, aber mental – so wie er herumgebrüllt hat.“

Nach Nervengift-Anschlag sind viele Fragen noch offen

Laut Medienberichten wird befürchtet, dass Sergej Skripal es „nicht schaffen wird“. Dagegen hofften die Ärzte auf eine Genesung seiner Tochter Yulia. Der Polizist, der den Verletzten als Erster zur Hilfe eilte und dabei wohl ebenfalls in Kontakt mit dem Gift kam, liegt zwar noch immer im Krankenhaus. Sein Zustand hat sich jedoch laut Rudd verbessert. Nun soll er den Behörden weitere Hinweise geben.

Denn viele Fragen sind völlig offen. Woher kam das Nervengas? Wie konnte es in der idyllischen Kleinstadt Salisbury landen? Wer verabreichte es den Opfern? Auf der Insel wird spekuliert, dass es sich nicht um Sarin, Tabun oder VX handele – die bekanntesten chemischen Substanzen, die sich auf das Nervensystem auswirken und in der Vergangenheit für Anschläge genutzt wurden. Mit VX wurde im vergangenen Jahr zum Beispiel der Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un auf dem Flughafen in Kuala Lumpur ermordet.

Britische Ärzte kämpfen um ihr Leben: Das vergiftete Anschlagsopfer Yulia Skripal, die Tochter des Ex-Agenten Sergej Skripal.
Bild: AFP PHOTO

Der Times zufolge war Skripals Tochter in der vergangenen Woche aus Moskau nach London gereist und brachte „Geschenke von Freunden“ für ihren Vater mit. Schmuggelte sie dabei unwissentlich das Gift ins Königreich? Wurde der Anschlag wirklich, wie von Beobachtern vermutet, vom Kreml in Auftrag gegeben? Und warum dann ausgerechnet kurz vor der Wahl in Russland? Oder wollten sich von Skripal verratene Spione an ihrem ehemaligen Kollegen rächen?

Das Verhältnis zwischen Russland und dem Vereinigten Königreich dürfte sich nun weiter verschlechtern. Es ist ohnehin seit Jahren angespannt – auch wegen des Litwinenko-Falls. Russland werde zu einer „immer größeren Bedrohung“, sagt Verteidigungsminister Gavin Williamson. Aus dem Kreml hieß es dagegen, Russland sei ein Opfer von Verschwörungstheorien.

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