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Interview

03.12.2018

Norbert Blüm: "Wir werden uns nach Merkel zurücksehnen"

„Ich bleibe derselbe Norbert Blüm. Mit oder ohne Amt.“ Vor 20 Jahren endete die Karriere des CDU-Ministers. Doch er mischt sich bis heute in gesellschaftliche Debatten ein.
Bild: Imago

Exklusiv Norbert Blüm über Telefonate mit alten Freunden und seinen letzten Brief an Helmut Kohl. Außerdem verrät der CDU-Politiker, warum er Merz nicht als Parteichef haben will.

Herr Blüm, Sie sind 83 Jahre alt. Vor kurzem haben Sie noch mal die ganzen alten Nummern aus ihrem legendären Notizbüchlein durchtelefoniert. Warum eigentlich?

Norbert Blüm: Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man ganz gerne solche Rundflüge in die eigene Vergangenheit unternimmt. Manche, die ich nach all den Jahren angerufen habe, waren immer noch die Alten. Andere haben sich völlig verändert.

Sie haben sich auch bei politischen Rivalen gemeldet. Waren die irritiert?

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Blüm: Eigentlich nicht. Ich habe die Welt nie so eingeteilt, dass nur in der CDU die Anständigen sind und draußen nur die Unanständigen. Ich habe in der CDU nicht nur Freunde und außerhalb nicht nur Gegner.

Einige Weggefährten haben Sie nicht mehr erreicht, weil Sie schon gestorben sind. Macht Ihnen das Angst?

Blüm: Dass man mit über 80 mehr Freunde hinter den Friedhofsmauern hat als davor, gehört zum Altwerden dazu. Von den vielen Telefonaten ist mir am eindrucksvollsten das Gespräch mit meinem Freund Bernhard Jagoda in Erinnerung geblieben, der lange Chef der Bundesanstalt für Arbeit war. Er war gerade aus dem Koma erwacht und wir haben wie in alten Zeiten miteinander gelacht, uns gegenseitig auf die Schippe genommen, also Unsinn geredet. Acht Tage später ist er gestorben. Wenn ich gewusst hätte, dass das unsere letzte Unterhaltung war, wäre sie anders gelaufen. Man muss immer so miteinander umgehen, dass man später nichts bereut.

Was Norbert Blüm Helmut Kohl gerne noch gesagt hätte

Auch von Helmut Kohl konnten Sie sich nicht verabschieden. Er hat den Kontakt lange vor seinem Tod abgebrochen. Was hätten Sie ihm gerne noch gesagt?

Blüm: Dass wir eine gute Zeit zusammen hatten – und es ein großes Glück war, in einem entscheidenden Moment der deutschen Geschichte Politik machen zu dürfen. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich ihn auch im Nachhinein bewundere, weil er früh erkannt hat, dass die Tür zur Wiedervereinigung nur für den Bruchteil einer historischen Sekunde offen stand. Hätten wir gezögert, wäre die Chance vertan gewesen. Helmut Kohl bleibt für mich ein großer Staatsmann. Ich bedauere es sehr, dass wir so auseinandergegangen sind.

Als Kohl die CDU mit der Spenden-Affäre in den Abgrund zu reißen drohte, haben Sie ihm geraten, den Ehrenvorsitz abzugeben. Das hat er Ihnen nie verziehen.

Blüm: Das ist schade. Aber ich kann ja nicht etwas für richtig halten, was falsch ist, nur weil es um einen Freund geht. 2 mal 2 ist 4 und wird aus Freundschaft nicht 5.

Gibt es echte Freundschaft überhaupt in der Politik?

Blüm: Es gibt ja das geflügelte Wort, dass Parteifreundschaft eine besondere Form von Abneigung ist. Aber Helmut Kohl und ich waren nicht nur Parteifreunde, sondern standen uns auch menschlich nahe.

Kohl hat Sie am Ende als Verräter bezeichnet. Sie haben ihm trotzdem noch einen Brief geschrieben. Was stand da drin?

Blüm: Dass ich das Bedürfnis habe, Frieden miteinander zu machen, bevor einer von uns im Grab liegt.

Wie hat Kohl reagiert?

Blüm: Gar nicht. Was ich eigentlich noch viel schlimmer fand, als wenn er meine Bitte einfach abgelehnt hätte. Jetzt kann ich es nicht mehr ändern, also nehme ich es hin, wie es ist.

Neulich kam Heiner Geißler im Traum vorbei

Sie haben erzählt, dass Sie damals oft von Kohl geträumt haben. Kommt das immer noch vor?

Blüm: Kaum noch. Dafür ist neulich der Heiner Geißler mal vorbeigekommen.

Und wie war es?

Blüm: Es war schön. Wie in alten Zeiten. Wir haben uns im Traum unterhalten, als sei nichts passiert.

Am Freitag endet die Zeit von Angela Merkel als CDU-Chefin. Ist das noch ein Abgang in Würde?

Blüm: Ich hoffe, dass alle sich daran erinnern werden, wie wichtig es ist, persönliche Verletzungen zu vermeiden und einen Abgang ohne Wunden zu ermöglichen. Ich glaube, wir werden uns schon bald nach einer Kanzlerin Angela Merkel zurücksehnen.

Was wird Ihnen fehlen, wenn Merkel endgültig Schluss macht?

Blüm: Das hohe Maß an Gelassenheit und Sachbezogenheit, mit der sie Politik macht. Ohne Prestigegehabe, ohne Wichtigtuerei, ohne die Geste des Auftrumpfens. Es geht ihr nie darum, Eindruck zu machen. Das unterscheidet sie auch von ihrem Vorgänger Gerhard Schröder. Und bevor ich jetzt scheinheilig klinge: Ich selbst war in diesem Punkt mehr Schröder als Merkel.

Welche Rolle spielt es, dass Merkel die erste Frau im Kanzleramt ist?

Blüm: In einer Zeit, in der wir es mit einer Welt wild gewordener Männer zu tun haben, in der ein Kraftmeier Amerika regiert, ein Revolverheld Brasilien, in Italien die Großmannssucht ausbricht, in der Putin, Erdogan oder Orban die Demokratie aushöhlen, werden wir uns die leise und besonnene Art dieser Frau zurückwünschen. Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin nicht der Vorsitzende des Merkel-Fanclubs. Aber ich fürchte, erst später werden wir begreifen, was wir verloren haben.

Kann Merkel ohne Parteivorsitz auf Dauer wirklich Kanzlerin bleiben?

Blüm: Sie hätte die Kraft dafür und ist noch immer eine prägende Gestalt in der europäischen Politik, an der sich viele orientieren. Was wir jedenfalls nicht gebrauchen können, wären zwei Kanzler – einer im Amt auf Abruf und einer im Wartestand auf dem Sprung. Manche haben vielleicht noch nicht gemerkt, dass die Hütte brennt. Sie tun so, als würde ein Wasserhahn tropfen und man müsste nur einen Installateur bestellen. Dabei brennt doch das ganze Haus. Der Nationalismus greift wie eine Epidemie in Europa um sich. Und da wird es nicht gut gehen, wenn zwei Feuerwehr-Kommandanten gleichzeitig unterschiedliche Kommandos geben.

Warum schaffen es Politiker so selten, rechtzeitig loszulassen?

Blüm: Bei Merkel kann man es auch anders herum sehen. Dass hier jemand standhaft bleibt und seine Pflicht erfüllt. Loslassen kann auch Fahnenflucht sein, der Ausweg in die Bequemlichkeit.

Norbert Blüm: "Söder gibt es zweimal, als zahmen und als wilden Igel"

Würden Sie das auch über Horst Seehofer sagen?

Blüm: Ich kenne keinen anderen Politiker, der seine Karriere für die eigene Überzeugung geopfert hat. Er hielt die Kopfpauschale in der Krankenversicherung 2004 für Irrsinn und trat als Vize der Unions-Fraktion zurück. Er musste bei null anfangen, ohne zu ahnen, dass er einmal Ministerpräsident werden würde. Das nötigt mir bis heute Respekt ab. Leider hat er sich jetzt auf ein Rennen mit Markus Söder eingelassen, das dem Wettlauf zwischen Hase und Igel entspricht. Den Söder gibt es zweimal, als zahmen und als wilden Igel. Und wo immer der Hase Seehofer ankommt, ist der Igel Söder schon da. Das hat ihn zermürbt.

Im Landtagswahlkampf haben Sie sich aber sehr über die CSU geärgert.

Blüm: Nur weil ich gerade eine Liebeserklärung für Seehofer abgegeben habe, heißt das ja nicht, dass ich die Flüchtlingspolitik der CSU richtig finde. Sie ist grundfalsch. Die Bayern waren am hilfsbereitesten, als es darum ging, sich um Flüchtlinge zu kümmern. Darauf sollte die CSU stolz sein. Stattdessen macht sie eine Schutzwall-Politik. Ich kenne aber keine Mauer auf der Welt, die auf Dauer gehalten hat. Weder der Limes, noch die Chinesische Mauer und auch nicht der Eiserne Vorhang.

Was erwarten Sie denn stattdessen von der CSU?

Blüm: Wir müssen die Ursachen der Flucht bekämpfen und nicht die Flüchtlinge. Zum Markenkern einer Partei mit „C“ gehört Barmherzigkeit. Wenn 500 Millionen Wohlstandsbürger in Europa nicht fünf Millionen Flüchtlinge aufnehmen können, dann schließen wir den Laden wegen moralischer Insolvenz. Wenn wir nur fähig sind, Banken zu retten, aber Menschen absaufen lassen, dann will ich dieses Europa nicht. Aber klar ist auch: Die Migration ist kein Schrebergartenproblem, sondern eine globale Herausforderung. Wir als Deutsche können sie nicht alleine meistern.

Blüm wünscht sich Annegret Kramp-Karrenbauer als CDU-Vorsitzende

Friedrich Merz ist die große Hoffnung der Konservativen in der Union. Woher kommt diese Sehnsucht?

Blüm: Der Mensch hat eben gerne Abwechslung. Und Merz kommt mit der großen Erneuerungsfahne daher. Das kenne ich noch von früher, als er die Steuererklärung auf den Bierdeckel schreiben wollte. Doch so einfach ist die Welt eben nicht.

Was halten Sie von der Debatte um sein Einkommen?

Blüm: Das Einkommen ist für mich kein Thema. Ich habe ein ganz anderes Problem: Mir gefällt nicht, dass er Aufsichtsrat eines Finanzmonstrums war, das mit Billionen die Politik an der Nase herumführt. Solche Unternehmen stürzen die Welt ins Unglück. SPD und Grüne werden schon Kerzen in Altötting anzünden, damit Merz Kanzlerkandidat wird. Mich stört nicht das hohe Gehalt von Managern, sondern die Hungerlöhne, von denen viele Arbeitnehmer leben müssen.

Sie drücken am Freitag auf dem Parteitag Annegret Kramp-Karrenbauer die Daumen. Warum?

Blüm: Sie ist in der christlichen Soziallehre fest verankert und hat den gepolsterten Sessel einer Ministerpräsidentin gegen den harten Stuhl der Generalsekretärin eingetauscht. Das zeigt: Sie will dem Land und der Partei dienen. Außerdem hat sie bewiesen, dass sie trotz starken Gegenwinds Wahlen gewinnen kann. Sie war es doch, die im Saarland den Hype um den SPD-Wunderkandidaten Martin Schulz beendet hat.

Auch Schulz ist es ja schwer gefallen, loszulassen. Wie geht es Ihnen damit? Sie sitzen immer noch in Talkshows, schreiben Bücher und Sie sprechen ja auch gerade mit mir?

Blüm: Meine politischen Ämter habe ich allesamt losgelassen. Ich halte nichts von Leuten, die nicht die Türe hinter sich zumachen können. Und genauso wenig halte ich von Politikern, die sich für unverzichtbar halten. Loslassen ist eine lebenslange Aufgabe. Das beginnt schon kurz nach der Geburt, wenn man die Mutter loslassen muss. Das heißt aber nicht, dass ich ein anderer oder gar ein unpolitischer Mensch geworden bin. Ich bleibe derselbe Norbert Blüm. Mit oder ohne Amt.

Sie haben in einem Flüchtlingslager gezeltet und aus Katar über die Situation der Leute berichtet, die dort die WM-Stadien bauen. Warum tun Sie sich solche Strapazen noch an?

Blüm: Man kann nicht ungerührt bleiben, wenn man das Elend in der Welt sieht.

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03.12.2018

Das Interview zu lesen, das macht richtig Freude. Blüm beherrscht eine Sprache, die die Menschen verstehen. Und die sie bei Technokraten der Macht häufig vermissen.

Das heißt aber nicht, dass Blüms inhaltliche Botschaften umfassend überzeugen.

Man mag den Stil von Merkel gut finden und kann gleichzeitig zentrale Ergebnisse ihrer Politik kritisieren.
Dass Blüm gegen Merz ist, das verwundert zwar nicht. Aber es ändert nichts daran, dass viele Menschen Merz mehr als anderen zutrauen, dieses Land in rauher See auf Kurs zu halten.

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