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Österreich
25.05.2016

Im tiefen Graben von Österreich

Die zwei Seiten Österreichs: Der neue Bundespräsident Alexander Van der Bellen (links) und der unterlegene Kandidat von der FPÖ Norbert Hofer.
Foto: Lisi Niesner/dpa

Der neue Bundespräsident Van der Bellen soll das gespaltene Land wieder einen. Warum die Anhänger des unterlegenen FPÖ-Mannes Hofer nun erst recht auf den politischen Knall setzen.

Als wären die letzten Tage nicht verrückt genug gewesen, jetzt auch noch das. Dienstagfrüh in Österreich. Das Land, durchgeschüttelt vom Herzschlagfinale um das Bundespräsidentenamt, wacht mit der Nachricht über eine peinliche Panne auf. Auf der Internetseite des Innenministeriums steht: In Waidhofen an der Ybbs, einer Stadt in Niederösterreich, haben 13262 Bürger ihre Stimme abgegeben. Es gibt dort allerdings nur 9026 Wahlberechtigte. Wahlbeteiligung: abartige 146,9 Prozent. Und: Punktsieg für Alexander Van der Bellen.

Der Wahlleiter schiebt den Fauxpas auf einen „Eingabefehler“, das korrekte Ergebnis habe man auf Papier, und am Gesamtergebnis ändere das gar nichts. Aber die Aufregung ist kurzzeitig groß. Schließlich trennen Van der Bellen und FPÖ-Mann Norbert Hofer am Ende ganze 31000 Stimmen. Und natürlich ist eine solche Panne Wasser auf den Mühlen der Rechtspopulisten. Schon am Montag waren deren Anhänger, kaum dass das Ergebnis auf dem Tisch lag, mit Manipulationsvorwürfen hausieren gegangen.

Welch ein tiefer Graben, der sich durch Österreich mit seinen achteinhalb Millionen Einwohnern zieht. Das war vor der Wahl so und ist jetzt umso deutlicher zu spüren. Hier das FPÖ-Lager, dort die anderen. Hier das Land, dort die Stadt. Van der Bellen, der zum Brückenbauen verdammte neue Hausherr auf der Hofburg, beschreibt das so: „Es sind zwei Hälften, die Österreich ausmachen. Die eine Hälfte ist so wichtig wie die andere.“

"Ein verändertes Land"

Überhaupt: „Es war ein magischer Mai“, sagt der Politikberater Thomas Hofer. Innerhalb von zwei Wochen hat Österreich eine für das Land beispiellose Zahl an Polit-Dramen erlebt: einen von der eigenen Partei erzwungenen Kanzlerrücktritt, eine Kanzlersuche, einen Bahnchef als neuen Regierungschef, eine große Regierungsumbildung, eine Bundespräsidentenwahl, die wegen ihres extrem knappen Ausgangs praktisch zwei Tage dauerte und einen Staatschef aus dem Lager der Grünen an die Spitze des Landes hievte. „Ein verändertes Land“, sieht die Zeitung Der Standard.

Wien, Bezirk Simmering. Im Auszeitstüberl bestellt der Stammtisch gerade die letzte Runde, als der Wirt, kahl rasiert und mit schwarzer Schürze, aus der Küche stürmt. „Im Fernsehen haben sie gerade gesagt, das Auszeitstüberl ist die blaue Hofburg“, erzählt er den adrett gekleideten Rentnern. „Stellt euch das vor, das Auszeitstüberl! Im Fernsehen!“ Als vor Jahren schon einmal darüber berichtet wurde, dass die FPÖ des Bezirks immer im Auszeitstüberl zum Stammtisch zusammenkommt, seien die Roten und die Grünen drei Monate lang nicht mehr erschienen. „Deshalb muss ich als Wirt neutral sein. Mir sind alle Parteien recht. Doch die FPÖ-Wahlparty am Vorabend im Hinterzimmer war wirklich ein Erfolg“, lobt der Wirt. Und fügt hinzu, dass „jetzt natürlich viele traurig sind, dass der Norbert Hofer nicht gewonnen hat“.

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Simmering, der elfte Wiener Bezirk, ist aus FPÖ-Sicht nicht an der Niederlage schuld. Er ist der einzige in der Hauptstadt, in dem Hofer mit 50,3 Prozent die Mehrheit geholt hat, mit ganzen 245 Stimmen mehr als Van der Bellen. In allen anderen Bezirken siegte der Grüne, der seine Parteimitgliedschaft nun ruhen lässt, weil er als Bundespräsident über allen Parteien stehen will. Ach ja, in Ottakring im 16. Bezirk gibt es noch einen kleinen Sprengel, in dem Hofer fast 78 Prozent erhielt. Dort wohnen 400 Polizistenfamilien, die im FPÖ-Mann denjenigen sehen, der die Polizei in Sicherheitsfragen unterstützt. Einen Grünen zu wählen – undenkbar.

Simmering: Ein Arbeiterbezirk mit vielen Menschen aus Anatolien

Alexander Van der Bellen will aber auch ihr Präsident sein. Der 72-Jährige hat sich bislang nur selten als Kritiker der liberalen Wiener Art der Verbrechensbekämpfung geäußert. Es wird ihm jedoch vorgeworfen, als ehemaliger Grünen-Chef nicht verhindert zu haben, dass seine Parteifreunde es selbst mit Recht und Ordnung nicht so immer genau nahmen. Auch in Simmering spielt das eine Rolle. Und dann das Thema Ausländer. „Wir sind ein Arbeiterbezirk, in den viele Menschen aus Südostanatolien gezogen sind“, sagt der Kellner im Auszeitstüberl, den die Stammgäste mal Willi, mal Fritz nennen – weil das so schöne deutsche Namen sind. Er kennt die Ängste seiner Gäste, die dank des guten Rentensystems selbst genug zum Leben haben. Aber: „Sie machen sich Sorgen, wie es ihren Kindern mal gehen wird.“

Simmering ist ein Bezirk mit 95000 Einwohnern, wo man vieles von dem findet, was eine Stadt braucht, was man aber nicht unbedingt in seiner Nachbarschaft vorfinden möchte: die Müllverbrennung, die Kläranlage, die Tierkörperverbrennung, das Krematorium. Hier empfindet man sich leicht als Verlierer oder Prügelknabe. Daran können auch die vier architektonisch interessanten Gasometertürme nichts ändern, die zu anonymen und vielleicht deshalb oft leeren Einkaufs- und Vergnügungszentren geworden sind. Bei der letzten Gemeinderatswahl 2015 haben die Simmeringer die SPÖ abgewählt und mit Josef Stadler einen FPÖ-Bezirksvorsteher bekommen, der Veränderungen verspricht.

„Die FPÖ kennt unsere Sorgen“, sagt ein Stammgast im Auszeitstüberl. Stadler – und damit auch Hofer – wisse, wie viele alte Leute ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können, weil es keinen Aufzug gibt und sie im vierten Stock wohnen. „Dann ist es schon besser, man geht ins Pflegeheim. Aber schön ist das nicht“, meint seine Frau.

420.000 Menschen ohne Arbeit und es werden immer mehr

Dass der neue Bundespräsident auch die Simmeringer Rentner gewinnen möchte, ist bei denen noch nicht angekommen. In seiner ersten, im Stile von Barack Obama in einem Palaisgarten inszenierten Rede sagt er, er kenne die Geldnöte der Menschen nicht nur aus Büchern. „Ich bin nicht als Professor auf die Welt gekommen.“ Wirklich volksnah wirkt der Intellektuelle nicht, auch wenn er verspricht, der Optimismus werde in seiner Amtszeit wachsen.

Seine Eltern sind einst aus Estland ins Kaunertal nach Tirol gezogen. Als der Junge sechs war, zog die adlige Familie nach Innsbruck, behielt jedoch die alte Wohnung fürs Wochenende. Nach der Schule studierte der passionierte Raucher Volkswirtschaft und machte Karriere als Ökonomieprofessor an der Universität Wien. Kurzzeitig war er Mitglied der Sozialdemokraten, ehe er 1994 den Grünen beitrat und bereits drei Jahre später deren Chef wurde.

Vielen Linken in der Partei war er damals zu pragmatisch, besonders, als er 2003 mit dem ÖVP-Vorsitzenden Wolfgang Schüssel über eine schwarz-grüne Koalition verhandelte. Anders als der Baden-Württemberger Winfried Kretschmann eignet sich Van der Bellen kaum als Vaterfigur. In den eigenen Reihen gilt er als einer, „der für sozialen Ausgleich steht, aber das Budget im Auge hat“. Das klingt so, als wäre er weniger für den Wahlkampf in Simmering als für Auslandstrips mit Wirtschaftsdelegationen geeignet.

Aber vielleicht geht er auch mal in der Nähe des Alberner Hafens, am „Friedhof der Namenlosen“ in Simmering, mit seinen Hunden spazieren. Hier sind viele „Fraulis und Herrlis“ anzutreffen, die nicht zur Arbeit gehen, weil sie schlichtweg keinen Arbeitsplatz haben. Gut 420.000 Menschen betrifft das inzwischen in Österreich, und es werden immer mehr.

Hofer als Kanzlerkandidat?

„Es muss sich etwas ändern. Das schafft Van der Bellen aber nicht“, glaubt Lisi, 42, die gerade ihren Bronco ausführt. Die Verkäuferin erzählt, dass hier seit 1820 die Wassertoten beerdigt werden, die die Donau angespült hat. Wie es in Wien üblich ist, liegt gleich neben dem Friedhof ein Wirtshaus, das schon morgens öffnet und diejenigen aufnimmt, die lieber in Gesellschaft ihren Tag verbringen.

Deren Hoffnung hieß Hofer. Jetzt wollen sie, dass der 45-Jährige, wenn schon nicht Bundespräsident, dann sobald wie möglich Kanzler wird. „Den Strache braucht man nicht“, sagt der Wirt im Auszeitstüberl. Hofer habe gezeigt, dass er auch Wähler gewinnt, die nicht freiheitlich denken. Das Aufeinanderprallen der Welten kennt der Wirt nur allzu gut. Zu seinen Gästen gehören schließlich auch solche aus der lesbisch-schwulen Szene oder junge Leute mit Rasta-Frisur.

Hofer als Kanzlerkandidat 2018? Gestern zeigt sich der noch ganz loyal gegenüber seinem Parteichef Heinz-Christian Strache. „Es wird mir eine Freude sein, zu erleben, dass Heinz-Christian Strache als Bundeskanzler angelobt wird“, sagt er artig. Strache wiederum betont, Hofer sei seit elf Jahren sein Stellvertreter. Und als Kanzler brauche er natürlich viele gute FPÖ-Politiker als Minister.

Als die Fragen der Journalisten zu dem Thema gar nicht aufhören wollen, beißt sich Hofer auf die Lippen, und auch Strache wird zunehmend nervös. Der gelernte Zahntechniker hat die Wiener Bürgermeisterwahl im Herbst hoch verloren. Deshalb ist damit zu rechnen, dass sich der Machtkampf in der FPÖ zuspitzen wird. Auch wenn Strache und Hofer noch behaupten, es passe „kein Blatt Papier zwischen sie“. anf/dpa

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