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Olympia 2018
21.02.2018

Warum vielen Südkoreanern an diesem Ort die Tränen kommen

Im „Observatorium der Vereinigung“ gibt es Imbissbuden, man kann billigen Schmuck kaufen - und nach Nordkorea schauen.
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Im „Observatorium der Vereinigung“ gibt es Imbissbuden, man kann billigen Schmuck kaufen - und nach Nordkorea schauen.
Foto: Ed Jones, afp

Im Grenzort Goseong kann man billigen Schmuck kaufen und per Fernglas nach Nordkorea schauen. Was unser Olympia-Reporter dort über die Volksseele gelernt hat.

Seelenruhig betritt der Soldat den Reisebus. Zwischen dem Helm und dem schwarzen Mundschutz verrät die Augenpartie, dass es sich um einen jungen Burschen handeln muss. Die koreanischen Männer müssen fast ausnahmslos zum Militärdienst, einige gehen erst nach dem Studium. Er zählt die Menschen auf den Sitzen, schaut auf seinen Zettel, zählt noch einmal durch. Alles korrekt, die Gruppe darf den Kontrollpunkt am innerkoreanischen Transit-Büro kurz hinter Myeongpa, der nördlichsten Stadt Südkoreas, passieren.

Es geht noch weiter in Richtung Norden. Ab jetzt dominieren hohe Zäune mit einer dicken Stacheldrahtkrone. Auf der rechten Seite glitzert das Meer, die Wellen brechen mit dicken, weißen Schaumkronen. Idyllisch, wäre da nicht der kilometerlange Riegel aus Stacheldrahtzaun, der den Zutritt zum Wasser versperrt. Hier beginnt die andere koreanische Welt.

Etwa eineinhalb Busstunden vom Olympiaort Pyeongchang entfernt suchen wenige Touristen und viele Einheimische eine Grenzerfahrung der besonderen Art. Am Neujahrsfest, das das Land zur Halbzeit der Winterspiele gefeiert hat, sind besonders viele Familien an die Grenze zum Reich des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un gereist. „Bei uns zählt es zur Tradition, dass man an diesem Fest nach Hause fährt“, erzählt Sung Jung Lee, 39, eine Reiseleiterin, die regelmäßig Besuchergruppen hierher begleitet. Doch viele Südkoreaner können nicht in diese Heimat zurück, weil ihr Geburtsort im abgeriegelten Norden liegt. „Dann fahren sie eben an die Grenze, da wird auch viel geweint“, sagt Lee.

Sehnt sich nach der Einheit Koreas: die Reiseleiterin Sung Jung Lee.
Foto: Milan Sako

Der Grenzkontrolle folgt wenige Minuten später das Ziel der Reise. Es nennt sich „Observatorium der Vereinigung“. Mit Buddha-Statue, Imbissbuden und Kinderspielplatz. Der zweistöckige Zweckbau ist in die Jahre gekommen. Die weiße Farbe ist verwittert, der Putz blättert, an der Aussichtsplattform bröckelt der Beton. Etwa 630.000 Koreaner kommen jährlich an diesen Ort der Erinnerung, des Schmerzes und der Neugierde. Denn eigentlich will jeder wissen: Wie sieht es da drüben aus in Kims Reich?

Jeder will wissen: Wie sieht es in Nordkorea aus?

Der Diktator riegelt sein Land mit den gut 25 Millionen Einwohnern – im Süden leben etwa doppelt so viele Menschen – seit Jahrzehnten hermetisch ab. Internet und Handy sind der Führungsschicht vorbehalten. „Babys erhalten pro Tag nur 100 Gramm Nahrung, das ist nach Alter gestaffelt. Ein Arbeiter bekommt 900 Gramm zugeteilt“, erzählt Sung Jung Lee. Das klingt unwirklich. Den Wahrheitsgehalt kann sowieso kaum jemand überprüfen, weil das Land im Steinzeit-Kommunismus erstarrt ist und nur der große Führer und sein Clan sich die Taschen und Backen vollstopfen.

Im Erdgeschoss des „Observatoriums“, offiziell Anti-Kommunismus-Halle genannt, bieten Verkäufer landesübliche Waren an: billigen Schmuck, Reis, Wurzeln und getrocknete Rochen, deren Mäuler zu einem Grinsen erstarrt scheinen. Und ganz wichtig, wie später zu sehen sein wird: Ferngläser. Im ersten Stock befindet sich der Beobachtungsraum, in dem die Besucher wie im Kino in acht gestaffelten Sitzreihen Platz nehmen und durch ein Panoramafenster nach Norden blicken. „Dort in den Bergen haben die Nordkoreaner Bunker eingebaut“, sagt die Reiseleiterin und deutet aufs Geumgangsan-Gebirge.

Draußen auf dem Balkon stehen zwei lange Reihen mit Ferngläsern. Für ein paar Won, der heimischen Währung, schauen die Besucher nach drüben. Auf einem Hügel liegt ein südkoreanischer Wachtposten. Auf der Bergkuppe gegenüber wachen Kims Soldaten. Im Vordergrund verläuft eine ziemlich neu gebaute Bahnstrecke, die schon bald nach der feierlichen Eröffnung wieder eingestellt wurde.

Die Teilung des Landes am 38. Breitengrad bewegt die Menschen bis heute. Man darf eines nicht vergessen: Zwar liegt der Korea-Krieg, der zwischen 1950 und 1953 schätzungsweise mehr als 3,2 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, schon fast 65 Jahre zurück. Aber diese Jahre sind geprägt von ständigen Drohungen und Eskalationen, einen Friedensvertrag zwischen den verfeindeten Ländern gibt es bis jetzt nicht.

Hier spielen sich tragische Geschichten ab - und komische

Die Geschichte des Krieges und der Teilung an der 248 Kilometer langen Grenze werden im Museum der DMZ, der demilitarisierten Zone, erzählt. Der Bau liegt in Sichtweite der Aussichtsplattform. Es sind tragische bis komische Geschichten. Zum Beispiel über das Dorf Daeseongdong. Nach dem Ende des Krieges beschlossen beide Seiten, in der zwei Kilometer breiten demilitarisierten Zone nördlich und südlich der Grenze jeweils ein Dorf zuzulassen. Auf der südkoreanischen Seite genießen die Einheimischen ein Privileg. Sie müssen keine Steuern zahlen. Der Nachteil ist: Sie dürfen ihre Häuser nach 23 Uhr bis zum Morgen nicht verlassen. 1983 errichteten die Nordkoreaner in nur 1,8 Kilometern Entfernung das Propagandadorf Gijeongdong. Ein Flaggenmast markiert den Dorfeingang. Die Dynastie der Kims will die Überlegenheit der Demokratischen Republik Koreas aller Welt sichtbar machen und errichtete den mit 160 Metern wohl höchsten Flaggenmast der Welt.

An anderen Stellen der Grenze beschallen sich beide Seiten mit riesigen Lautsprechern. Aus dem Norden soll Propaganda die Südkoreaner auf den richtigen Pfad führen. Der Süden antwortet mit dem Welthit „Gangnam Style“ des Sängers Psy und anderem Korea-Pop.

Die deutsche Einheit als Vorbild: Dieses Schild ziert das Museum an der Grenze zu Nordkorea.
Foto: Milan Sako

Viel Raum im DMZ-Museum nimmt die Grenze ein. Filme und Installationen erzählen die Geschichte des Krieges und der Teilung. Ein drei Meter langer Drahtzaun mit Stacheldraht verweist auf die Parallele zum geteilten Deutschland. Davor steht ein Schild mit der Aufschrift: „Achtung! Grabenmitte. Grenze. Bundesgrenzschutz.“ Daneben: das Wappen der Deutschen Demokratischen Republik. Die friedliche Wiedervereinigung beider deutscher Staaten soll als Vorbild dienen. „Als 1989 die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt. Ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen und habe geweint“, erzählt Sung Jung Lee. Sie lebt nördlich der Hauptstadt Seoul in Paju und sehnt sich nach der Einheit. „Am liebsten in meiner Generation, aber spätestens in der nächsten.“

So denken nicht alle Koreaner im reichen und wohlhabenden Teil der Halbinsel. In dieser Frage ist das Land gespalten. „Ich diskutiere öfter mit meinen Freunden. Die Jungen fürchten die Kosten der Einheit und höhere Steuern. Für sie liegt der Korea-Krieg weit zurück“, sagt Lee. In der älteren Generation dagegen weckt die Teilung, die viele Familien auseinandergerissen hat, noch immer tiefe Emotionen.

Tatsächlich trennt beide Länder viel mehr als nur Stacheldraht und eine jeweils zwei Kilometer breite Zone entlang des 38. Breitengrads. Es sind zwei Welten. Im Süden lebt ein modernes Volk in einer funktionierenden Demokratie. Die Südkoreaner sind verliebt in Technik, präsentieren bei Olympia stolz ihre Roboter, selbstfahrenden Autos oder neueste Übertragungstechnik.

Nebenan spielen fünf Soldaten Fußball

Im Olympischen Park der Küstenstadt Gangneung, im 5G-Pavillon der Firma KT, lässt sich die Technik am eigenen Leib erfahren. Besucher können unter anderem virtuell einen Flug von der Skisprungschanze erleben. Mit dem neuen drahtlosen Netzstandard sollen sich große Datenmengen zuverlässig und schneller übertragen lassen als bisher. „Während der Olympischen Spiele wollen wir zeigen, was 5G für das tägliche Leben bringen kann“, verspricht die Sprecherin des Mobilfunkanbieters KT, Lee Jiyoung. Vor dem 5G-Pavillon bildet sich stets eine lange Schlange.

Und im internationalen Medienzentrum von Pyeongchang überraschen die Olympia-Organisatoren die Journalisten aus aller Welt mit einem ausgefallenen Aquarium. Vor einem animierten Hintergrund schwimmen Roboterfische im Becken und stoßen mit ihren Plastiklippen dumpf gegen die Scheiben.

Nördlich der Grenze würden sich die Koreaner wohl eher über einen vollen Teller mit Essen freuen. Diktator Kim steckt viel Geld in den Militärapparat und sein aberwitziges Raketen- und Atomprogramm. Rechtzeitig zu den Winterspielen schwenkte er auf Schmusekurs um. Die Koreaner stellen nun eine gemeinsame Mannschaft. Zur Unterstützung schickte Kim mehr als 200 Cheerleader mit. Die Auftritte der Jubel-Koreanerinnen gehören zu den am meisten fotografierten und Handy-gefilmten Motiven der Spiele. Was auf den Gast aus Europa gruselig wirkt, macht Reiseleiterin Sung Jung Lee keine Angst. „Wir sehen die Nordkoreaner nicht so negativ wie ihr. Wir sind ein Volk, wir sprechen eine Sprache, auch wenn der Akzent im Norden nicht so ausgeprägt ist wie im Süden.“

Am Ende des Museumsrundgangs wächst ein künstlicher Baum mit Widmungen von hunderttausenden Besuchern auf Papierblättern in die Höhe und Breite. „Ich hoffe, dass ihr eines Tages wiedervereinigt seid“, schreibt ein Patrick Bock. Dann geht es zurück in den Bus, vorbei an der Meeresküste hinter Stacheldraht zurück zum Checkpoint.

Ausfahrt aus dem Grenzgebiet. Derselbe Soldat wie bei der Hinfahrt steigt ein und zählt gewissenhaft die Zahl der Passagiere. Blickt auf den Zettel vor ihm, zählt wieder und geht. Nebenan kicken fünf Soldaten in ihren klobigen Militärstiefeln mit einem weißen Lederfußball. Sie haben Helme und Jacken abgelegt. Der Polarwind aus dem Norden ist eingeschlafen, die Sonne scheint, der Frühling kündigt sich an, hier an der koreanischen Grenze.

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