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Pfingsttreffen
11.06.2019

Sudetendeutsche als „Brückenbauer“

Bundesinnenminister Seehofer lobt in Regensburg, dass die Volksgruppe auf Dialog statt Konfrontation setze. Ein Vorschlag des CSU-Politikers sorgt jedoch in Prag für Irritationen

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sieht im Christentum die „Seele Europas“. Voderholzer sagte am Sonntag beim Hauptgottesdienst des 70. Sudetendeutschen Tags in Regensburg: „Es gibt keine andere tragfähige Klammer als den christlichen Glauben, der das vereinte Europa zusammenhalten kann.“ Die Kirche habe einen völkerumspannenden Charakter. Sie stehe für Integration und Völkerverständigung. Der Sudetendeutsche Tag fand von Freitag bis Sonntag unter dem Motto „Ja zur Heimat im Herzen Europas“ statt.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärte als Schirmherr der Veranstaltung, die Sudetendeutschen seien wichtig für Bayerns Identität: „Die Sudetendeutschen sind der vierte Stamm in Bayern. Sie gehören wie die Altbayern, Schwaben und Franken fest zu unserer Heimat.“ Die Sudetendeutschen hätten einen großen Anteil daran, dass Bayern heute so gut dastehe: „Als Vertriebene haben sie sich im Freistaat neue Existenzen aufgebaut. Ihre Handwerksbetriebe und Unternehmen haben Bayern mit zu Wachstum und Wohlstand verholfen.“

Zum Auftakt des Sudetentags hatte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, den Europäischen Karlspreis erhalten. Er erinnert an den böhmischen König und römisch-deutschen Kaiser Karl IV. und wird jährlich beim Pfingsttreffen der Sudetendeutschen verliehen. Geehrt werden „Verdienste um eine gerechte Völkerordnung in Mitteleuropa“. Laut dem Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt (CSU), wurde die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland als „unerschrockene Kämpferin gegen Nationalismus, Populismus sowie jede Form von Extremismus“ und als „herausragende Baumeisterin unserer Demokratie sowie der europäischen Einigung“ ausgezeichnet.

Bernd Fabritius (CSU), der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, erklärte als Festredner laut Bayerischem Rundfunk, Knobloch habe nie aufgegeben, für eine bessere Welt und eine offene Zivilgesellschaft zu kämpfen. Die Regensburger Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) ergänzte demnach an Knobloch gerichtet: „Sie verkörpern für mich in einzigartiger Weise Versöhnung.“ Knobloch selbst sagte: „Es ist unsere Verantwortung, dass unsere Parlamente nicht in die Hände derjenigen fallen, die die Fehler der Vergangenheit wiederholen.“ Der ehemalige tschechische Kulturminister Daniel Herman erklärte, die Beziehung zwischen Deutschen und Tschechen sei durch die Nationalsozialisten ruiniert worden. Es habe aber auch Verbrechen von Tschechen gegeben. „Wir dürfen unsere Chancen nicht vergeben, wir müssen nun weiter gemeinsam am europäischen Haus bauen.“

Am Samstag würdigte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) die Sudetendeutschen als „Brückenbauer“. Trotz Flucht und Vertreibung setzten sie immer wieder auf Dialog statt Konfrontation, sagte er. Ausdrücklich lobte Seehofer viele Entwicklungen hin zu einer Normalisierung in den gegenseitigen Beziehungen, um dann aber hinzuzufügen: „So richtig – und das möchte ich noch erleben – abgerundet ist die Geschichte erst, wenn wir mal einen Sudetendeutschen Tag in Tschechien begehen.“

Die Reaktion aus Prag auf diesen Satz ließ nicht lange auf sich warten. „Das würde ich für eine nicht zu akzeptierende Provokation halten“, sagte der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis der Zeitung Pravo. Er hoffe, dass dieser Vorstoß nicht ernst gemeint sei, sagte der Multimilliardär und Gründer der populistischen Partei ANO. Auch weitere tschechische Politiker kritisierten das Vorhaben. Der Fraktionsvorsitzende Jan Chojka vom sozialdemokratischen Koalitionspartner CSSD hielt solche Gesten „so viele Jahre nach dem Krieg“ für unnötig. Die richtige Zeit sei dafür noch nicht gekommen, meinte indes Miroslav Kalousek von der konservativen Oppositionspartei TOP09. Er warnte davor, unnötig die Gemüter zu erregen und damit den Beziehungen Schaden zuzufügen. Zustimmung gab es indes von den tschechischen Christdemokraten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken der nationalsozialistischen Besatzung waren rund drei Millionen Deutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben worden. Viele fanden in Bayern eine neue Heimat. (kna, dpa)

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