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Porträt
14.07.2018

Richard Gutjahr: Er zeigt Gesicht gegen den Hass im Netz

Der Journalist Richard Gutjahr setzt sich gegen Hass im Netz zur Wehr.
Foto: Stephan Jansen, dpa

Der Journalist Richard Gutjahr berichtete vor Ort über das Blutbad in Nizza und den Amoklauf von München. Verschwörungstheoretiker glauben nicht an Zufall.

Richard Gutjahr hat in den letzten beiden Jahren erfahren müssen, wie hart es ist, gegen Menschen zu kämpfen, für die es keine Zufälle gibt. Der Journalist, Jahrgang 1973, war nicht nur beim Terroranschlag von Nizza am 14. Juli 2016 – also vor exakt vor zwei Jahren – vor Ort, sondern auch einer der ersten, der acht Tage danach vor dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum über den Amoklauf eines 18-jährigen Schülers berichtete, der neun Leute erschoss. Die Berichte über diese beiden Massenmorde brachten Gutjahr Anerkennung und Journalistenpreise ein.

Doch das ist nur die eine, professionelle Seite. Auf der dunklen Seite formierte sich eine rasant wachsende Zahl von Verschwörungstheoretikern, die nicht nur infrage stellten, dass Gutjahr tatsächlich ein zufällig berichtender Zeuge der Taten war, sondern unterstellten, er sei in die Verbrechen persönlich verstrickt gewesen. Beweise für die kruden Anschuldigungen gab es nicht. Wird schon etwas hängen bleiben, dürften sich die raunenden Denunzianten gedacht haben.

Richard Gutjahrs Aufnahmen aus Nizza gingen um die Welt

Gutjahr hat so ziemlich alles gemacht, was talentierte Journalisten machen können. Nach seiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München studierte er Kommunikationswissenschaften. Zunächst arbeitete er beim Radio, später für Zeitungen und das Fernsehen. All dies mit beneidenswerter Leichtigkeit und jugendlichem Charme. Überregional bekannt wurde er mit einem Geduldsmarathon: 23 Stunden stand er 2010 in New York Schlange, um als erster Erdenbürger das neue iPad zu erstehen.

Das mag man albern finden, doch Kritiker verstummten, als Gutjahr 2011 spontan nach Kairo reiste und von dort fulminante Reportagen über den Beginn des Arabischen Frühlings lieferte. Fünf Jahre später gingen seine Videoaufnahmen des Lastwagens um die Welt, mit dem der Terrorist Mohamed Lahouaiej-Bouhlel in Nizza Jagd auf Passanten machte, die auf der Promenade des Anglais das Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag verfolgen wollten. Neben ihm stand seine Frau Einat Wilf – eine Israelin, die für die Arbeiterpartei in der Knesset saß.

Ein gefundenes Fressen für Rechtsradikale, die im Internet ihre Hassbotschaften verfassen. Flugs wurde ein Zusammenhang mit dem israelischen Geheimdienst Mossad konstruiert. Von da war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Verdacht, Gutjahr sei in Nizza und München keinesfalls zufällig auf den Schauplätzen der Verbrechen erschienen.

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Zunächst dachte der gebürtige Bonner und Vater von zwei Kindern, die Sache würde sich von selbst beruhigen, wenn er sich dazu nicht äußert. Als er bemerkte, dass dies eben nicht der Fall war, ging er in die Offensive. Er berichtete öffentlich über die Unterstellungen, Angriffe und Drohungen, denen er und seine Familie ausgesetzt sind. Er dokumentiert minutiös, wie rücksichtslos Menschen im Netz diffamiert werden. Und er erkämpfte sich so die Deutungshoheit über sich und seine Arbeit zurück.

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