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Nationalsozialismus

02.09.2013

Prozess gegen NS-Kriegsverbrecher: "Hoffen auf Gerechtigkeit"

Drei Jahrzehnte lebte Siert Bruins unter falschem Namen in Westfalen. Foto: NDR/Panorama
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Drei Jahrzehnte lebte Siert Bruins unter falschem Namen in Westfalen. Der 92-jährige Siert Bruins steht heute wegen eines Mordes 1944 vor Gericht.
Bild: NDR/Panorama (dpa)

Kriegsverbrecher-Prozess in Hagen: Der 92-jährige Siert Bruins steht heute wegen eines Mordes 1944 vor Gericht. Angehörige von NS-Opfern begrüßen den Prozess.

NS-Prozesse fast 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg? Heute beginnt in Hagen ein Prozess wegen der Ermordung eines Widerstandskämpfers; am Dienstag stellt die NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg ihre Vorermittlungen zu mehr als 40 mutmaßlichen Aufsehern des KZs Auschwitz vor. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA), in der sich einige Tausend Überlebende und Angehörige von NS-Opfern engagieren, hofft, dass es zu Prozessen kommt. "Diese Menschheitsverbrechen dürfen nicht ungesühnt bleiben und nicht vergessen werden", sagt VVN-Bundessprecher Ulrich Sander (72) aus Dortmund im dpa-Interview.

Frage: Warum werden einige NS-Täter erst heute belangt?

VVN-Bundessprecher Ulrich Sander: lDie Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) begrüßt mögliche neue Prozesse gegen mutmaßliche NS-Täter.
Bild: Familie Sander

Antwort: Der jahrelange Streit über die Verjährung von Mord, die erst 1979 ganz abgeschafft wurde, hat dazu geführt, dass NS-Täter lange unbehelligt blieben. In Deutschland hat sich im Gegensatz zu den Nürnberger Prozessen die Meinung durchgesetzt, den NS-Tätern müsse die individuelle Schuld nachgewiesen werden. Dass das so kommen konnte, liegt an dem Fortleben der NS-Justiz in der Bundesrepublik. Ein mutiger Richter in München hat 2011 das jahrzehntelange Paradigma gebrochen und den Sobibor-Aufseher John Demjanjuk rein nach Aktenlage verurteilt. Damit hat er den Weg frei auch für andere ähnliche Fälle gemacht, die schon zu den Akten gelegt worden waren.

Frage: Warum sollten NS-Täter auch ohne den Nachweis individueller Schuld verurteilt werden können?

Antwort: Wer in einem Konzentrationslager arbeitete, wusste, dass er Teil einer Tötungsmaschinerie war. Davor konnte niemand die Augen verschließen.

Frage: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Aufrollen der Fälle?

Antwort: Wir hoffen auf Gerechtigkeit. Ganz konkret wünsche ich mir, dass Anklage gegen die Täter erhoben wird und sie bestraft werden - egal ob sie nachher haftfähig sind oder nicht. Für mich als Sohn eines Mannes, der als junger linker Widerstandskämpfer von den Nazis grausam verfolgt wurde, wäre es ein Zeichen der Gerechtigkeit und der Mahnung, NS-Verbrechen auch jetzt noch gesühnt zu sehen.

Frage: Welches Signal könnte von der juristischen Aufarbeitung der Fälle ausgehen?

Antwort: Wir müssen für die Zukunft klarstellen, dass solche Verbrechen immer geahndet werden, dass Mörder niemals davonkommen. Insofern können Verurteilungen als Abschreckung dienen. Es tut mir weh zu sehen, dass Neonazis heute noch versuchen, die Taten von NS-Verbrechern zu verharmlosen.

Frage: Wenn es zu Prozessen kommt, werden Sie hingehen?

Antwort: Nein, das glaube ich nicht. Ich beschäftige mich viel mit dem Thema, eine Begegnung mit den Tätern ist aber etwas anderes. Ich träume jetzt schon von jenem Mord-System. Das möchte ich nicht noch verstärken. Allerdings könnte ich mir eine Betreuung und Begleitung noch älterer Zeugen vorstellen.

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