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Flüchtlingsdrama

16.11.2018

Rohingya wehren sich gegen Rückführung

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Rund 700.000 Rohingya sind vor der Gewalt in ihrer Heimat Myanmar nach Bangladesch geflohen. Sie sind in Zelten und einfachen Hütten untergekommen. Trotzdem wollen sie nicht zurück. Weil sie Angst um ihr Leben haben.
Bild: Km Asad, afp

Die Rohingya sind von Myanmar nach Bangladesch geflohen. Jetzt sollen sie zurückgeschickt werden. Doch sie wehren sich.

Es gibt diese Listen, auf denen 8000 Namen stehen. Namen von Frauen, Männern und Kindern, die der muslimischen Minderheit der Rohingya angehören. Wie diese Menschen ausgewählt worden sind, weiß keiner. Die ersten, deren Namen auf den Listen auftauchen, sollten am Donnerstag aus den überfüllten Flüchtlingscamps in Cox’s Bazar nach Myanmar zurückkehren. In ihr Heimatland, aus dem sie im August vergangenen Jahres über den Grenzfluss Naf ins benachbarte Bangladesch geflohen sind.

Denn die Rohingya werden in Myanmar wie Vieh behandelt, sie sind verhasst, staatenlos, rechtlos. Ihre Dörfer wurden niedergebrannt, die Frauen verschleppt und vergewaltigt, die Männer gefoltert und getötet. „Ein Paradebeispiel für ethnische Säuberung“, nannte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al Hussein, den Völkermord an den Rohingyas im vergangenen Jahr, „die am schnellsten wachsende humanitäre Katastrophe der Welt“.

Aung San Suu Kyi schweigt zu der humanitären Katastrophe

Eine Katastrophe, zu der Myanmars De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi bis heute schweigt. Dafür wird die langjährige Oppositionsführerin und Friedensikone, die 15 Jahre lang unter Hausarrest stand, international scharf kritisiert. Erst am Montag hat ihr die Menschenrechtsorganisation Amnesty International deshalb den Ehrentitel „Botschafterin des Gewissens“ entzogen. Die höchste Auszeichnung der Organisation, die sie Aung San Suu Kyi 2009 verliehen hat. Amnesty-Generalsekretär Kumi Naidoo begründet den Schritt mit der Enttäuschung über die „augenscheinliche Gleichgültigkeit“ der Friedensnobelpreisträgerin gegenüber den Gräueltaten des Militärs gegen die Rohingya. Mehr noch: Sie hätte weder ihre politische noch ihre moralische Autorität genutzt, um die Menschenrechte zu schützen.

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Gut 700.000 Rohingya sind innerhalb weniger Monate vor der Gewalt aus Rakhine, dem ärmsten Bundesstaat Myanmars im Nordwesten des Landes, nach Bangladesch geflohen. Seit Generationen lebt die muslimische Minderheit dort, seit Jahrzehnten wird sie im ehemaligen Birma verfolgt.

Eines der größten Flüchtlingslager der Welt

In Cox’s Bazar, dem kleinen Landstrich direkt am Meer, einer der ärmsten Gegenden Bangladeschs, entstand eins der größten Flüchtlingslager der Welt aus Bambusstangen, Ästen, Plastikplanen, Wellblech, aus denen schleichend stabilere und damit dauerhafte Unterkünfte werden. Auf abgeholzten Hügeln organisieren die Flüchtlinge ihr Überleben.

Jesco Weickert, 44, ist der Projektleiter der Welthungerhilfe, der die Hilfsmaßnahmen der deutschen Organisation koordiniert. Er nennt den Rohingya-Konflikt eine „verfahrene Situation“. Und gibt gleichzeitig die Prognose ab, dass die Flüchtlinge über Jahrzehnte am „Tropf der internationalen Gemeinschaft“ hängen werden. Wie Weickert glaubt kein Nothelfer in Cox’s Bazar daran, dass das Rückführungsabkommen funktionieren wird, das Bangladesch und Myanmar ausgehandelt haben. Denn keines der beiden Länder will die Rohingya haben. Und es wird auch deshalb nicht funktionieren, weil die Menschen gar nicht zurückwollen. „Sie sagen mir: Wenn ihre Sicherheit in Myanmar nicht garantiert ist und ihre Lebenssituation nicht besser wird als in Bangladesch, gehen sie nicht zurück“, erzählt Weickert.

Die Menschen haben Angst

Die Rückführungen in ein Transitcamp nahe der Grenze, das auf den Trümmern zerstörter Rohingya-Dörfer errichtet worden ist, sollen nach offiziellen Angaben auf freiwilliger Basis erfolgen. „Von der Camp-Verwaltung gibt es die Aussage, dass niemand gegen seinen Willen zurück nach Myanmar geschickt wird“, bestätigt Weickert. Doch freiwillig kommt keiner: „Es ist heute tatsächlich niemand ausgereist. Es stehen Busse herum, aber die sind leer“, berichtet Weickert. Rund 1000 Rohingya demonstrieren stattdessen nahe der Grenze gegen das Rückführungsabkommen. „Wir wollen Gerechtigkeit“, rufen sie. Und: „Wir werden nicht gehen.“

Denn die Menschen haben Angst. Angst vor der Gewalt, vor der Unterdrückung. Sie glaubten nicht, dass sich in Myanmar etwas geändert hat. Und sie wissen, dass sie ohnehin keine Heimat mehr haben, weil ihre Häuser niedergebrannt worden sind. Diese Angst bekommen die internationalen Hilfsorganisationen täglich zu spüren, sagt Weickert. „Wir hatten in den letzten Tagen große Schwierigkeiten in den Camps, weil die Leute ihre persönlichen Daten nicht mehr nennen wollen. Sie haben Angst davor, zurückgeschickt zu werden, wenn sie registriert sind.“

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