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Gesundheit

15.02.2018

Scheidender AOK Bayern-Chef kritisiert Überversorgung

Der scheidende AOK Bayern- Chef Helmut Platzer hat viele Kämpfe in der Gesundheitspolitik durchgefochten. „Wir leisten uns den Luxus einer Überversorgung im stationären Bereich.“
Bild: Wolfgang Diekamp

Helmut Platzer führte 19 Jahre die AOK Bayern. Für ihn doktern die GroKo-Parteien an den falschen Themen herum. Für den Kampf gegen den Pflegekräfte-Mangel hat er andere Ideen.

Theorie und Praxis liegen oft auseinander. Oder wie es der scheidende bayerische AOK-Chef Helmut Platzer ausdrückt: „Man muss unterscheiden zwischen der echten und der gefühlten Temperatur.“ Die Unterschiede zwischen gesetzlich und privat versicherten Patienten dominierten lange Zeit die Koalitionsverhandlungen in Berlin, die SPD wollte die „Zwei-Klassen-Medizin“ beseitigen.

Überrascht, dass Gesundheitspolitik ein Schlüsselthema der Verhandlungen ist

Schon dass es überhaupt ein Thema wurde, überraschte Platzer. Gesundheitspolitik „wird nicht der Renner“, hatte er vor der Wahl gesagt, und werde auch nicht das Schlüsselthema in den Verhandlungen sein. Da habe er falschgelegen. Dass es anders gekommen sei, habe viel mit dem Bemühen der SPD zu tun gehabt, sich von der Union unterscheiden zu wollen. Aber die Themen, um die es dann gegangen ist, seien auch nicht die gewesen, die man unbedingt erwarten würde, wenn man an Praxis und die strukturelle Weiterentwicklung des Systems denken würde. Platzer erinnert sich an den Beginn der Debatte über die Bürgerversicherung. Vor über 15 Jahren sei es um Dinge wie Gerechtigkeit und Verbreiterung der finanziellen Grundlagen gegangen. Wenn jetzt dabei herauskommen sollte, dass Ärzte für gesetzlich versicherte Patienten das gleiche Honorar bekommen sollen wie für Private, dann sei das schon enttäuschend, sagt Platzer bei einem Besuch unserer Redaktion.

19 Jahre lang hat der gebürtige Hesse mit dem unverkennbaren oberbayerischen Dialekt – er kam schon mit zwei Jahren nach München Bayerns größte Krankenkasse geführt. Er weiß also, wo es im Gesundheitssystem krankt. Bei der Terminvergabe in den Arztpraxen, dem zweiten gesundheitspolitischen Reizthema der Koalitionsverhandlungen, bestimmt nicht, sagt er. Platzer erzählt von einer alten Bekannten, die privat versichert ist und ihm flapsig gesagt hat: „Ich zahle so viel an Beitrag. Ich suche mir jetzt endlich mal einen Arzt, der Zwei-Klassen-Medizin macht.“ Ihr Arzt versuche höchstens, ihr etwas zusätzlich zu verkaufen oder aufzudrängen. Platzers Credo: „Zwei-Klassen-Medizin entscheidet sich, wenn überhaupt, in der Behandlung beim Arzt.“ Und nicht danach, wann jemand einen Termin kriegt und wie es im Wartezimmer ausschaut, auch nicht danach, welcher Gerätepark eingesetzt wird.

Die Terminvergabe sei zum Beispiel in Bayern überhaupt kein Problem. Platzer nennt Zahlen, die das belegen könnten. Jährlich gibt es in den Praxen 80 Millionen Behandlungen. Aber nur rund 10.000 Mal wurde die Telefonnummer jener zentralen Stelle (Hotline: 0921/787 765-550 20) angerufen, die vor zwei Jahren eigentlich eingerichtet wurde, um schneller einen Facharzttermin zu bekommen.

Die Zahl der Krankenhäuser reduzieren

Wo also sind die strukturellen Probleme, die einer Weiterentwicklung des Systems bedürfen? Platzer, ein Mann der klaren Worte, nennt als Beispiel die Vielzahl der Krankenhäuser. „Wir leisten uns den Luxus einer massiven Überversorgung im stationären Bereich“, sagt er. Das gelte auch für Bayern. Seine These: Wenn es gelänge, sich auf das wirklich Notwendige zu beschränken, indem man die Zahl der Betten reduziert oder die Zahl der Krankenhäuser, dann hätte man auch genügend Pflegekräfte. Die Überversorgung an bestimmten Stellen führe dazu, dass das vorhandene Potenzial versickert. „Wir können 8000, 12000, 15000 Stellen in die Vereinbarungen reinschreiben, die Menschen sind einfach nicht da, die die Jobs dann übernehmen“, kritisiert er den Koalitionsvertrag von Union und SPD, der mehr Pflegepersonal verspricht.

Platzer plädiert für eine weitere Spezialisierung der Kliniken. „Ein Krankenhaus, in dem im Jahr 50 Geburten gemacht werden, hat nicht die Berechtigung, am Netz zu bleiben“, drückt er es, wie er selbst sagt, „bewusst etwas übertrieben“ aus. Nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten, wie Platzer hinzufügt, sondern auch unter qualitativen. Da gebe es erhebliches Potenzial, um nachzusteuern. Der AOK-Chef wird deutlich: „Wir müssen weg davon, dass im Grunde genommen jeder alles machen kann.“ Und fügt hinzu: „Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen: Ist ein schlechtes Krankenhaus in unmittelbarer Nähe wirklich besser als gar keines?“ Entfernungen würden hierzulande bei weitem nicht die gleiche Rolle spielen wie etwa in Norwegen oder Schweden.

Spezialisierte Krankenhäuser sollten sich verbünden

In Bayern seien sie doch an jedem Ort überschaubar. Zwar gibt es stets Proteste, wenn ein Krankenhaus oder eine Abteilung geschlossen werden muss. Aber wenn es kritisch wird, würden sich die Patienten doch eher für die spezialisierte Klinik entscheiden. Platzer: „Eine Abstimmung mit den Füßen.“ Was setzt er dagegen: Für eine flächendeckende Versorgung sollten sich unterschiedlich spezialisierte Krankenhäuser verbünden.

Stichwort medizinische Versorgung auf dem Land: Der AOK-Chef sieht kein Problem bei der absoluten Zahl der Ärzte, aber bei ihrer Verteilung. „Es gibt Bereiche, wo die Ärzte nicht hingehen oder weggehen wollen.“ Allein mit Geld sei das nicht lösbar, hätten die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt. „Wir haben extrem investiert, gerade auch im hausärztlichen Bereich. Wenn es danach ginge, müssten wir paradiesische Verhältnisse haben. Haben wir aber nicht.“

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