Die Gorch Fock liegt jetzt im Hafen. Der Albatros, die berühmte Galionsfigur wiegt sich mit dem Wellengang auf und ab. Von den Schiffsmasten aus: der Blick über Ushuaia im südlichsten Argentinien, im Hintergrund der Monte Olivia. Die Gorch Fock liegt im Hafen und wartet. Ermittler der Marine werden bald an Bord gehen. Sie sollen all das aufklären, die verschiedene Vorwürfen. Angeblich auch der einer Meuterei. Möglicherweise. Es ist ein schwerer Verdacht.
Diese Geschichte beginnt am 7. November vergangenen Jahres. An diesem Tag starb die Offiziersanwärterin Sarah Lena S. Da lag die Gorch Fock ähnlich ruhig im Hafen wie gestern. Nicht in Argentinien, sondern im brasilianischen Salvador de Bahia.
Was war passiert? Die Offiziersanwärterin war im Großbramsegel in 27 Meter Höhe geklettert. Sie verlor den Halt, stürzte aufs Deck und starb. "Bis heute weiß niemand, wie das passieren konnte", berichtet Hermann Dirkes. Er fuhr selbst ein Jahr als Ausbilder auf dem Marineschiff und steht, wie er sagt, in engem Kontakt zur Schiffsleitung um Gorch Fock-Kapitän Norbert Schatz. Die 25-Jährige, sagt Dirkes, habe plötzlich mit beiden Händen losgelassen. Sie sei rücklings auf das Oberdeck gestürzt. Wieso, warum sei bis heute nicht geklärt. Die 1,59 Meter kleine Frau habe zwar vom Schiffsarzt noch stabilisiert werden können, aber im Krankenhaus sei sie ihren schweren Verletzungen erlegen. Kurz darauf ist das Schiff wieder ausgelaufen. "Diesen Schock haben wohl nicht alle verkraftet", vermutet Dirkes, der mit dem Segler in regelmäßigem Kontakt steht. Was daraufhin geschah, weiß allerdings auch er nicht.
Die Ermittler werden es vielleicht herausbekommen, wenn sie an Bord der Gorch Fock gehen. Bekannt ist im Augenblick nur, was der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP) in einem am Mittwoch öffentlich gewordenen Brief an Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg schrieb. Darin hatte er über Meuterei-Vorwürfe gegen vier Auszubildende berichtet. Nach dem tödlichen Sturz von Sarah Lena S. seien zwei Offiziersanwärter zum Ersten Offizier gegangen und hätten ihm mitgeteilt, dass viele Kameraden nicht mehr bereit seien, in die Takelage zu klettern. Andere wollten nicht weiter mitfahren. Auch sei eine Diskussion mit den Vorgesetzten entbrannt, inwiefern der Unfalltod auf dem Ausbildungsschiff mit dem Tod eines im Einsatz gefallenen Soldaten vergleichbar sei. Königshaus schrieb an zu Guttenberg: "Später sei diesen beiden und zwei weiteren Offiziersanwärtern seitens des Kommandanten und des ersten Offiziers mangelhafte Zusammenarbeit mit der Schiffsführung unterstellt worden. Alle vier sollten wegen Meuterei und Aufhetzens der Offiziersanwärtercrew noch vor dem Auslaufen der Gorch Fock von der Ausbildung abgelöst und nach Deutschland geflogen werden." Zu Gesprächen sei die Schiffsführung nicht bereit gewesen.
Gestern dann äußerte sich Königshaus zurückhaltender. Er wies die Meutereivorwürfe gegen die vier Offiziersanwärter sowie Zweifel am Ausbildungskonzept zurück: "Es gab keine Meuterei", sagte Königshaus. Es habe lediglich Vorwürfe gegenüber den Seekadetten gegeben, die "in diese Richtung gingen". So habe die Schiffsführung es nicht gutgeheißen, dass Seekadetten nach dem Unfall nicht zum Tagesbetrieb übergehen und insbesondere nicht zum Klettern in der Takelage veranlasst werden wollten.
Die Schiffsleitung hat sich offiziell noch nicht dazu geäußert. Auch nicht zu den bislang vagen Vorwürfen von Bedrohung und sexueller Belästigung der Offiziersanwärter durch die Stammbesatzung der Gorch Fock. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hält sich mit einer Bewertung des heiklen Falles zurück. Er versprach nur vollständige Aufklärung.
Aber ein Reputationsschaden wird bleiben. Die Gorch Fock ist nicht irgendein Schiff. Auf dem stolzen Dreimaster zu dienen, gilt unter Marinesoldaten noch immer als Traum. Doch das Leben an Bord ist alles andere als einfach. "Es ist kein Zuckerschlecken, es fordert jeden Einzelnen hart", sagt Immo von Schnurbein. Der langjährige Kapitän der Gorch Fock lebt heute in Augsburg. Er erinnert sich noch gut an seine 15 Jahre auf dem Marineschulschiff, auch diese bereits 1992 endete. Er kennt auch den heutigen Kapitän Norbert K. Schatz. Über ihn sagt er: "Er ist ein sehr beliebter, umsichtiger und vorsichtiger Offizier." Dass es unter ihm zu einer richtigen Meuterei gekommen sein soll, kann sich von Schnurbein nicht vorstellen.
Doch er spricht auch Klartext. "Wer nicht in die Takelage klettern will, sollte nicht auf einem Rahsegler wie der Gorch Fock zur See fahren. Wer hier Angst hat, ist an der falschen Stelle." Das Klettern sei Teil der Ausbildung, der nur bei ärztlich testierter Höhenangst wegfalle. Gezwungen werde seiner Erfahrung nach jedoch niemand. Wer sich allerdings ohne besondere Gründe weigere, dem werde nahegelegt, seine Ausbildung abzubrechen.
Als junger Leutnant hatte von Schnurbein 1963 persönlich den zweiten von nun insgesamt sechs Todesfällen auf der Gorch Fock miterlebt. Vor seinen Augen war ein 19-jähriger tödlich in die Tiefe gestürzt. Trotzdem sei das Schiff schon eine Stunde später ganz normal ausgelaufen. Ihm sei das damals auch nahe gegangen. Aber: "Wer Offizier werden will, muss solche Situationen aushalten", sagt der ehemalige Kapitän zur See. Dazu benötige man eine Psyche, die auch in so außergewöhnlichen Situationen funktioniere. Und bisher scheint das Schnurbein zufolge auch kein größeres Problem gewesen zu sein. Der Todesfall von Sarah Lena S. war ja nicht der erste in den 52 Einsatzjahren des Schiffes.
Doch nach dem jüngsten Unfall ist nicht nur die Kletterei in der Takelage in Gerede gekommen geworden. Die Welt zitiert gestern unter geändertem Namen den Frank Matthie seinen ehemaligen Offiziersanwärter mit folgenden Sätzen: "Als ich während meiner Ausbildungszeit, ebenso wie in den Medien heute geschildert, als Dienstältester zwischen Führung und Offizieren fungieren sollte, wurde ich oft konfrontiert mit Ignoranz, ungehaltenen Versprechen und Herunterredereien. So könnte ich es nachzuvollziehen, wenn sich junge Soldaten vor diesem Hintergrund unverstanden fühlen und ihre Trauer und Wut wohlmöglich in Aufbegehren umschlägt." Matthies sagt laut Welt außerdem: "Sechs Soldaten starben angeblich in den letzten zwölf Jahren der insgesamt 52 Dienstjahre der Gorch Fock. Seit acht Jahren sind wir mit der Marine in unserem primären Einsatzgebiet am Horn von Afrika. Mir ist nach vielen Jahren als Zeitsoldat und Offizier nicht bekannt, dass dort Soldaten an Bord von Fregatten oder Versorgern ihren Tod fanden. Ferner schwebt mir kein anderer Ort vor, an dem so viele Marinesoldaten starben wie auf der Fock, einem Ausbildungsschiff! Und als ich damals sah, wie vor dem In-See-Stechen der Fock Kisten von Kaviar an Bord geschleppt wurden, dachte ich an meine vorangegangene Zeit auf einer Fregatte am Horn von Afrika: Dort durften wir unsere Mails aus Kostengründen nicht einmal ausdrucken. Im Übrigen wurden die schon damals stichprobenartig gelesen, aus Sicherheit, aber gegen das Briefgeheimnis."
Kapitän Norbert Schatz und seine Crew warten im Hafen von Ushuaia. Er wird sich den Vorwürfen stellen müssen. Für den Seefahrer war mit der aktuellen Weltreise eigentlich sein Traum, eine Weltumseglung über Kap Horn in Erfüllung gegangen. Die Gorch Fock schaukelt auf den Wellen. Die drei Masten ragen hoch in den Himmel. Josef Karg und Stefan Küpper