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Wahlkampf

15.10.2008

Sind die USA wirklich reif für einen schwarzen Präsidenten?

Obamas Wahlsieg rückt in greifbare Nähe.

Obamas Wahlsieg rückt in greifbare Nähe. Aber sind die Menschen in den USA wirklich reif für einen schwarzen Präsidenten? Von Markus Günther

Washington "Wenn Sie wollen, können Sie mich ruhig eine Rassistin nennen", sagt die junge Frau, fischt den Kaugummi mit der Zungenspitze aus der Backentasche, kaut zweimal links und zweimal rechts, schiebt ihn wieder zur Seite und sagt dann: "Jedenfalls wähle ich keinen Schwarzen, ganz einfach. Obama gehört zu den Schwarzen und nicht zu uns."

Die Frau heißt Tina Graham. Nein, der Name ist nicht von der Redaktion geändert worden, sie heißt wirklich so. Sie wohnt in West-Virginia, man könnte jetzt mühelos ihre Adresse ausfindig machen, sie anrufen, sie belehren, sie beschimpfen oder vor lauter Wut über so viel Borniertheit nachts einen Farbbeutel gegen ihr Haus schleudern. Nur würde das eben gar nichts daran ändern, dass es auch Menschen wie Tina Graham gibt. Menschen, die allein aufgrund der Hautfarbe anderer Vorurteile und Abneigungen pflegen.

Auch Rachel ist selbst erklärte "Rassistin". Auch ihren Namen haben wir nicht geändert. Sie ist 25, Jüdin aus der unteren Mittelschicht und Kellnerin in einem Restaurant in Washingtons Viertel "Friendship Heights". Wir kennen uns seit Jahren. Zwischen Kartoffelsuppe und Spiegeleiern reden wir über Gott und die Welt. "Seit ich hier arbeite, hasse ich die Schwarzen", sagt sie im Flüsterton, "das sind die, die sich am meisten beschweren, am schlechtesten benehmen und am wenigsten Trinkgeld geben." Ich sage, dass das, wenn es stimmt, nichts mit der Hautfarbe zu tun hat, sondern mit sozialen Erfahrungen, dass hier nun einmal ganz unterschiedliche Gäste sitzen, die weißen Anzugträger in der Mittagspause und Schwarze aus der Unterschicht, die die Oma an ihrem Geburtstag zum Essen ausführen. Aber wir sind hier nicht im soziologischen Hauptseminar, sondern im amerikanischen Alltag. Rachel schüttelt den Kopf und gießt Eistee aus dem großen Pitcher nach.

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Sind die USA immer noch ein rassistisches Land? Ist Amerika reif für einen schwarzen Präsidenten? In Umfragen jedenfalls führt Obama immer deutlicher, sein Wahlsieg wird wahrscheinlicher, auch wenn die Meinungsforscher ihren eigenen Umfragen nicht so recht trauen. Folgt wirklich der erste schwarze auf 43 weiße US-Präsidenten?

"Wir wissen nicht, wie groß die Zahl derer ist, die in der Umfrage für Obama sind und dann in der Anonymität der Wahlkabine anders wählen", sagt der Meinungsforscher Scott Rasmussen. Nach unterschiedlichen Schätzungen liegt dieser Anteil bei zwei bis fünf Prozent. Für Obamas Sieg könnte es dann immer noch reichen. Am Ende der "Primaries" allerdings sah man kuriose Wahlergebnisse, die den Umfragen widersprachen. In West- Virginia, dort, wo Tina Graham zu Hause ist, bekam Obama in manchen Wahlbezirken nicht einmal zehn Prozent der Stimmen, obwohl Obama gerade damals zum großen Politstar wurde.

Noch einmal: Wie viel Rassismus gibt es heute noch in den USA? Auch acht Jahre Alltagserfahrung lassen darauf keine einfache Antwort zu. Alles ist relativ, auch Rassismus. Von der heutigen Gleichberechtigung hätten Schwarze vor 40 Jahren nur träumen können. Andererseits: Der Aufstieg einzelner Schwarzer - Colin Powell, Condi Rice, Tiger Woods und Oprah Winfrey, demnächst vielleicht Obama als Präsident - verstellt den Blick dafür, dass das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weißen immer noch schwierig und spannungsreich ist, voller Misstrauen und Vorurteile. Dabei ist Rassismus keine Einbahnstraße, es ist mehr eine Art Kreisverkehr, in dem vieles ungeordnet durcheinanderläuft.

Da kann dann auch der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson Obama vorwerfen, er rede "wie ein Weißer" und drohen, ihn zu kastrieren. Da kann dann auch Bill Clinton für sich in Anspruch nehmen, er sei "der erste schwarze Präsident" gewesen, was nicht nur Anmaßung und Koketterie ist, sondern lange Zeit auch von Schwarzen so gesagt wurde, weil man ja nicht an einen echten schwarzen Präsidenten glauben konnte. Später dann wurde Bill Clinton selbst als Rassist beschimpft, weil er aggressiv Wahlkampf gegen Obama machte.

Überhaupt ist die Liste derer, die sich in diesem Wahlkampf dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt sahen, lang und bunt. Joe Biden, jetzt Obamas Vize, sagte über Obama anfangs allen Ernstes, er sei "der erste schwarze Kandidat, der ordentlich und sauber ist". Es war, wie es in den Entschuldigungen dann immer floskelhaft heißt, mal wieder "ein Ausrutscher". Aber warum rutschen so viele aus? Weil die Rutschgefahr im amerikanischen Alltag sehr groß ist. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Jeder ordnet sich einer Rasse zu, und das ist unvermeidlich. Im Krankenhaus, bei der Polizei, in Behörden, bei Versicherungen und im Schulamt wird man in Gruppen eingeteilt: Afroamerikaner, Asiaten, Latinos, Weiße, Eingeborene. Das hat - etwa im Krankenhaus oder bei der Polizei-Fahndung - sehr gute Gründe. Aber das Problem daran ist: Das Denken in diesen Kategorien geht allen in Fleisch und Blut über.

Etwas anderes kommt hinzu: Schwarze und Weiße leben, dem äußeren Schein zum Trotz, in getrennten Welten. In Schulen und Kirchen ist die Trennung am deutlichsten, in den Wohnvierteln auch, oft auch in bestimmten Branchen. Elektriker sind niemals schwarz, das weiß man mit der Zeit, Politessen in Washington dagegen sind immer schwarz, und als Weißer hat man niemals eine Chance, ihre Gnade zu erbetteln, während sie bei Schwarzen gern ein Auge zudrücken. Im Postamt stehen die weißen Kunden genervt in der Schlange, hinterm Schalter sitzen nur Schwarze. Auf beiden Seiten herrscht schlechte Stimmung; man denkt sich seinen Teil.

Die Trennung gibt es

Selbst da, wo die Trennung nicht sofort erkennbar ist, gibt es sie. Man muss nur genau hinschauen oder so naiv sein, blöde Fragen zu stellen. "Was sind das denn für verrückte Farben?", sagte ich einmal zu einem Verkäufer in der Herrenoberbekleidung. "Ein Teil unserer Kundschaft weiß diese Farben zu schätzen, Sir", sagte der Verkäufer streng. Damals wusste ich noch nicht, dass die Oberhemden für schwarze und weiße Männer auf verschiedenen Tischen liegen. Weiße tragen Weiß, Bleu oder Rosa, dezente Streifen oder kleines Karo. Schwarze tragen die Hemden grün, violett, orange oder dunkelblau, dazu Karo und Streifen in großem Strich.

Stimmt das wirklich? Kann man das so pauschal sagen? Ist das nicht auch schon eine Form von Rassismus? Vielleicht. Aber so setzt es sich in den Köpfen der Verkäufer und Kunden fest, so hat es sich auch in unserem Kopf festgesetzt.

Tina Graham hat ihre Meinung über Schwarze nicht geändert. Aber von Rachel gibt es auf den letzten Drücker noch etwas Neues zu berichten: Sie ist frisch verliebt, in einen Schwarzen. Er heißt Neil und ist Kellner im gleichen Restaurant. Die Kollegen dürfen es nicht wissen, auch ihren Eltern hat sie es noch nicht gesagt. Aber auch über Obama denkt Rachel jetzt anders, sie hat von Neil seine Autobiografie geschenkt bekommen und sogar gelesen. Jetzt will auch sie Obama wählen. Die Liebe, scheint es, bricht den harten Stein.

Buch Mehr zum Thema: Unser Korrespondent Markus Günther hat im letzten Jahr die erste deutsche Obama-Biografie herausgebracht und darin auch das schwierige Zusammenleben von Schwarzen und Weißen in den USA thematisiert. "Barack Obama. Amerikas neue Hoffnung". Wißner Verlag Augsburg, 2007.

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