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Syrien
29.11.2016

In Aleppo herrschen Chaos, Panik und Verzweiflung

Eines der vielen Einzelschicksale in den Trümmern der völlig zerbombten Stadtviertel Ost-Aleppos (Foto rechts): Freiwillige Helfer bergen einen schwer verletzten kleinen Jungen.
Foto: AMEER ALHALBI/afp

Im Osten Aleppos wächst die Angst der Menschen vor Übergriffen der einmarschierenden Regierungstruppen. Es herrscht Panik. Und die Ärzte wissen kaum noch, wie sie helfen sollen.

Im Ostteil Aleppos, wo immer noch rund 250.000 Menschen ausharren, gibt es gerade mal vielleicht 32 Ärzte. Ein Teil von ihnen steht mit Teams von Ärzte ohne Grenzen im Kontakt. Was sie berichten, ist erschütternd. Es gibt kaum noch eine Gesundheitsversorgung. Immer wieder sind Kliniken das Ziel von Luftangriffen. Allein in den vergangenen vier Monaten wurden 35 gezählt. Vom 23. September bis 24. November haben die Mediziner in ihren Einrichtungen 4300 Verletzte versorgt, unter ihnen allein 510 Kinder. Allein in den Kliniken seien mehr als tausend Tote registriert worden, 150 von ihnen Kinder. Wie viele Opfer gar nicht mehr in eines der Krankenhäuser gebracht werden konnten, bleibt offen, heißt es in einer Mitteilung von Ärzte ohne Grenzen.

Die Organisation hält 45 Tonnen Medikamente, medizinisches Material und auch Ersatz für die zerstörten Krankenwagen bereit, die innerhalb 24 Stunden mit einem Konvoi nach Ost-Aleppo gebracht werden könnten. Doch sie bekommt keine Erlaubnis und keinen Zugang in die zerstörte Stadt, die seit über vier Jahren von Rebellen gehalten wird.

Dort sind die Truppen von Staatschef Baschar al-Assad von Norden her auf dem Vormarsch. Sie haben allein in den vergangenen Tagen mindestens ein Drittel des Gebiets eingenommen und damit wächst die Angst vor Racheakten des Regimes. Immer mehr Zivilisten befürchteten Übergriffe der Regierungskräfte, berichtet Amnesty International. Syriens Regierung habe eine „lange und dunkle Geschichte“ von willkürlichen Festnahmen, und Menschen seien verschwunden, erklärt die Menschenrechtsorganisation. Deswegen sei es umso wichtiger, die Zivilbevölkerung in eingenommenen Gebieten zu schützen.

Rebellen in Aleppo wollen nicht aufgeben

Die heftigen Angriffe auf die Rebellengebiete der nordsyrischen Stadt haben nach UN-Angaben in den vergangenen Tagen bereits bis zu 16.000 Menschen in die Flucht getrieben. Das russische Militär, das an der Seite der Assad-Truppen kämpft, erklärt, bereits die Hälfte des Rebellengebietes sei erobert. Trotz dieser großen Geländegewinne wollen die Rebellen nicht aufgeben. „Der Kampf geht weiter“, sagt Usama Abu Seid, Berater der oppositionellen Freien Syrischen Armee, FSA. Der Vormarsch des Regimes sei das Ergebnis von „massivem militärischen Druck“ gegen Rebellen, die nur leichte Waffen besäßen. „Das bedeutet nicht, dass die Schlacht zu Ende ist.“

Das UN-Menschenrechtsbüro erklärt, Zehntausende säßen in den noch von der Opposition kontrollierten Gebieten fest und lebten unter dauerhaftem Bombardement. Es gebe Berichte, dass Oppositionsgruppen Zivilisten an der Flucht hinderten. Zugleich herrsche Sorge, Menschen mit Kontakten zu bewaffneten Oppositionsgruppen könnten festgenommen werden, wenn sie in Gebiete unter Kontrolle der Regierung oder der Kurden gelangten. „Ich habe Angst davor, festgenommen zu werden. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen Ärzten, Zivilisten und Kämpfern“, erklärt ein Mediziner mit dem Namen Abdulhalek aus den Rebellengebieten. „Weil wir in Ost-Aleppo geblieben sind, sind wir alle für sie Terroristen.“ Festgenommenen drohten Folter und Tod.

Sollten sich die Kämpfe ausdehnen, würden tausende weitere Menschen wahrscheinlich keine andere Wahl haben, als zu fliehen, sagt UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien. In den Rebellengebieten in Ost-Aleppo gebe es keine funktionierenden Krankenhäuser mehr, die Lebensmittelvorräte seien praktisch aufgebraucht. Einwohner berichten von Chaos, Panik und Verzweiflung unter den Menschen.

Es sind die wohl schlimmsten Angriffe auf Aleppo seit Kriegsbeginn.
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Bomben auf Syrien: In Aleppo wird der Horror eines Krieges sichtbar
Foto: Thaer Mohammed, afp

Frankreich fordert den Weltsicherheitsrat auf, sich mit den Möglichkeiten zur Hilfeleistung für die Bevölkerung zu befassen. „Mehr denn je müssen dringend die Kampfhandlungen eingestellt und ein ungehinderter Zugang für humanitäre Hilfe ermöglicht werden“, fordert Außenminister Ayrault.

Auch wenn Assad mit der vollständigen Eroberung Aleppos bald die Hoheit über alle großen Städte seines Landes zurückgewinnen sollte, rechnet der frühere amerikanische Nahost-Diplomat Ryan C. Crocker trotz der jüngsten Entwicklung in Aleppo noch mit jahrelangen Kämpfen. In der New York Times vergleicht er den Bürgerkrieg in Syrien mit dem im benachbarten Libanon: „Der war lang, heiß und gemein. Es dauerte 15 Jahre, bis er beendet werden konnte – auch nur deshalb, weil die Syrer in den Libanon einmarschierten und ihn beendeten.“ Was Syrien fehle, sei so etwas wie „ein Syrien“, das dort das gleiche macht. (mit dpa)

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