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Konflikt

22.02.2018

Syrien gerät zwischen die Fronten von kurdischen Milizen und der Türkei

Bis zur Erschöpfung arbeiten syrische Zivilschützer, um verletzte Opfer der Bombenangriffe der syrischen Armee auf das von Rebellen kontrollierte Ost-Ghuta zu retten.
Bild: Abdulmonam Eassa, afp

Seit sieben Jahren tobt ein blutiger Krieg in Syrien - und es kommt noch lange nicht zur Ruhe. Denn durch den Aufbruch zweier neuer Fronten droht ein beispielloses Schlachten.

Syrien steht schon seit vielen Jahren für gnadenlosen Krieg, massenhafte Vertreibung und enttäuschte Hoffnungen. Doch was sich in den vergangenen Tagen abspielt, ist ein beispielloser blutiger Irrsinn. Während die Schlacht um das Kurdengebiet bei Afrin immer unübersichtlicher wird, haben die massiven Angriffe auf das syrische Rebellengebiet Ost-Ghuta weltweit die Sorge vor einer weiteren Eskalation verschärft. Die Bundesregierung verurteilte die Offensive der syrischen Armee als „Feldzug gegen die eigene Bevölkerung“. Regierungssprecher Steffen Seibert forderte in Berlin Syriens Machthaber Baschar al-Assad auf, das „Massaker“ in der Region zu beenden.

Bei den Angriffen auf Ost-Ghuta wurden in den vergangenen Tagen Aktivisten zufolge fast 300 Zivilisten getötet. Das eingeschlossene Gebiet in der Nähe der Hauptstadt Damaskus erlebt eine der schlimmsten Angriffswellen seit Beginn des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren. Unter den fast 300 getöteten Zivilisten seien mehr als 70 Kinder, erklärten die Menschenrechtler.

Die türkischen Gruppen gehen gegen die Kurdenmiliz vor

Rund 300 Kilometer weiter nördlich ist die Lage ähnlich dramatisch. Dass die Türkei ihren Einmarsch als Intervention zur Terrorbekämpfung und zur Widerherstellung von Ruhe und Ordnung im Nordwesten Syriens darstellt, halten Beobachter für blanken Zynismus. Denn mehr als einen Monat nach Beginn der Aktion kann von einer Entschärfung der Lage in der Region Afrin keine Rede sein.

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Der Vormarsch der türkischen Truppen gegen die Kurdenmiliz YPG kommt nur langsam voran, und jetzt erhalten die Kurden auch noch Unterstützung von Milizen, die dem syrischen Staatschef und türkischen Erzfeind Baschar al-Assad ergeben sind. Ankara hat das Eingreifen der Damaskus-treuen Kräfte nicht verhindern können. Die Entwicklung macht eines deutlich: Ohne Absprache mit Assad wird der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan in Syrien nicht weiterkommen.

Druck auf Erdogan wächst: Wird er mit Assad verhandeln?

Offiziell schließt die Türkei solche Zugeständnisse an Syrien aus. Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin warnte am Mittwoch, jeder Unterstützer der Kurden in Afrin sei ein „legitimes Ziel“ für die türkische Armee. Der Präsident selbst spielte das Eingreifen der Assad-treuen Milizen als Einzelaktion von „Terroristen“ herunter, die ihr blaues Wunder erleben würden. Mit Artilleriebeschuss hatten die Türken am Dienstag versucht, das Vorrücken der syrischen Milizen zur Unterstützung der YPG in Afrin zu verhindern, doch der Versuch scheiterte: Ein Kommandeur der Milizen sagte, dass seine Kämpfer in Afrin angekommen seien und das Feuer der Türken erwidert hätten.

Über die Hilfe für die Kurden aus Damaskus war bereits seit Wochen spekuliert worden. Assad ist zwar kein Freund der kurdischen Minderheit in Syrien, hat aber ein Interesse daran, den Türken eine Niederlage beizubringen. Für   Erdogan bedeutet Assads Schachzug zusätzliche Probleme, auch wenn bisher keine offiziellen syrischen Regierungstruppen in Afrin aufgetaucht sind, sondern lediglich regierungstreue Milizen. Der türkische Präsident hatte am Dienstag angekündigt, seine Soldaten würden innerhalb weniger Tage mit der Belagerung der Gebietshauptstadt Afrin beginnen; doch mit der Verstärkung für die YPG durch die syrischen Kämpfer wächst der Widerstand gegen die türkische Armee.

Damit droht eine immer tiefere Verwicklung der Türken in den Syrien-Konflikt, was für Erdogan innenpolitisch riskant ist: Er hat seinen Wählern eine Strafmission gegen die Kurden versprochen, nicht einen Krieg gegen Assad. Die Türkei sitze in Afrin in der Falle, hieß es in türkischen Twitter-Kommentaren. So wächst mit jedem Tag deshalb der Druck auf Erdogan, etwas zu tun, was er seit Jahren partout vermeidet: den direkten Kontakt zu Assads Regierung zu suchen, um zu einer Verständigung zu kommen. (mit dpa, ska)

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